Identitätskrise: Der Weg in den Nationalismus?

REPORTAGE

Identitätskrise: Der Weg in den Nationalismus?

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FOTO: Christopher Glanzl

AUSSCHREITUNGEN. Auch nach dem Ende der Fußballweltmeisterschaft ist in Wien unter den Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgrund der Ausschreitungen kroatischer und serbischer Fans ein bitterer Nachgeschmack geblieben. Wie problematisch ist der Nationalismus unter den jungen Balkanern in Österreich heute?

Die Ottakringer Straße in Wien, die inzwischen in ganz Österreich als „Balkanstraße“ bekannt ist, füllte in diesem Sommer wieder einmal die Titelseiten der österreichischen Medien. Aber diesmal ging es nicht um Wochenendprügeleien in den Clubs, Rennen mit frisierten Autos, Schießereien oder Abrechnungen zwischen den balkanischen Nachtlokalen. Im Fokus standen diesmal die Ausschreitungen von Fans der serbischen und kroatischen Fußballnationalmannschaften, die in der Fußballweltmeisterschaft in Russland zu Konkurrenten geworden waren…

Nationalistisches Vergnügen
Während sich viele Fans traditionsgemäß entschlossen, die Spiele ihrer Mannschaften anzuschauen, ohne sich mit Pyrotechnik zu bewaffnen und mit nationalistischen Symbolen zu schmücken, war für einen anderen Teil der Fans genau das das Hauptvergnügen. Die ersten größeren nationalistischen Exzesse ereigneten sich nach dem Spiel Schweiz – Serbien (2:1), in dem die Schweizer Nationalspieler kosovo-albanischer Herkunft Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ihre Siegestore feierten, indem sie mit den Händen das Zeichen des albanischen Adlers formten. Die provokanten Gesten der schweizerischen Albaner auf dem Platz wurden auf kleinen Bildschirmen weltweit übertragen und irritierten erwartungsgemäß die serbische Öffentlichkeit. Was jedoch anschließend auf der Balkanstraße in Wien passierte, wurde zum zweitgrößten Skandal dieses Abends. Nach Parolen wie „Tötet die Skipetaren“ und der Verhaftung von vier Burschen im Alter von 19 und 20 Jahren, die zuvor Gläser und Feuerwerkskörper auf Polizisten geworfen hatten, kulminierte die Situation, als eine Gruppe junger serbischer Nationalisten die Parole „Nož, žica, Srebrenica!“ („Messer, Draht, Srebrenica!“) zu skandieren begann, einen Slogan, der den Genozid in dieser bosnischen Stadt im Sommer 1995 verherrlicht.

Videoaufzeichnungen dieses Sprechchors begannen weltweit und auch auf dem Balkan zu zirkulieren, und dass der Nationalismus keine Grenzen kennt, vor allem nicht auf dem Balkan, bewies anschließend eine um nichts bessere Menge kroatischer Fans in Wien. Neben einigen Vorfällen in Verbindung mit Feuerwerkskörpern ging nach dem Match gegen Russland eine Gruppe von Fans mit Ustaša-Symbolen und Fahnen des einstigen faschistischen Unabhängigen Staats Kroatien auf die Straße. Außerdem hoben mehrere Personen die rechte Hand zum faschistischen Gruß „Za dom spremni“ („Für die Heimat bereit“), und die österreichischen Medien waren nach diesem Spiel voll von Fotos und Videoaufzeichnungen…

Das Public Viewing der Weltmeisterschaft wurde in der Balkanstraße in Wien immer häufiger zu einem nationalistischen Vergnügen voller Hass. (FOTO: Christopher Glanzl)

Nach dem Krieg geboren
Es stimmt, dass diese, gelinde gesagt, „unschönen Szenen“ nicht nur denjenigen, die wegen des Fußballs, der Geselligkeit und des Spaßes da waren, die Atmosphäre verdarben, sondern auch ein schlimmes Licht auf die kroatische und die serbische Gemeinschaft in Österreich warfen. Und während der Verfassungsschutz die Ereignisse im Verlaufe der Fußball-WM noch immer untersucht, weisen diese Vorfälle darauf hin, dass es höchste Zeit ist, die Frage zu stellen, wie es kommt, dass junge Menschen, die in einer internationalen Metropole wie Wien aufgewachsen sind und zumeist sogar erst nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien geboren sind, nationalistische Hassparolen skandieren.

Džihić: „Die Ausbrüche negativer nationalistischer Gefühle haben ihr Fundament im Kreise der Familie und Freunde.“ (FOTO: zVg.)

„Nationalistische Ausschreitungen in der Diaspora sind ein komplexes Phänomen. Zunächst einmal sind sie in gewisser Weise ein Reflex der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Region selber. Aber was in der Region in der Vergangenheit geschehen ist und was auch heute noch geschieht, wird in der Diaspora anders, direkter, ungefiltert wahrgenommen. Das heißt, dass es nicht viel Raum für Reflexion und eine breitere Debatte über die Trends und Ereignisse gibt, die in den Heimatländern passieren, sondern dass einfach alles, das Gute und das Schlechte, unmittelbarer, emotionaler und eher intuitiv als durchdacht wahrgenommen wird.“, erklärt Vedran Džihić, Professor für Politologie an der Universität Wien und Experte für balkanischen Nationalismus gegenüber KOSMO.

Schuld am Nationalismus der Jugendlichen ist auch ein Mangel an Bildung, meinen Experten.

„Natürlich wären solche Ausbrüche negativer nationalistischer Gefühle nicht möglich, wenn nicht irgendwo in der Familie, unter den Freunden oder in der Gesellschaft eine Grundlage dafür bestünde. Irgendwo besteht und hält sich also diese Geschichte, dass die anderen Verbrecher sind, dass die Verbrechen der Angehörigen des eigenen Volkes patriotische Taten sind, und Ähnliches,“ fügt Džihić hinzu und kommt zu dem Schluss, dass in den Gesellschaften der Länder des ehemaligen Jugoslawien, und damit auch in der Diaspora, noch immer eine Rhetorik des Hasses und der Ausgrenzung herrscht.

„In Nationalismus verfallen häufig diejenigen, die ausschließlich mit ihren eigenen Landsleuten Kontakt pflegen“, sagt Alojz Invanišević. (FOTO: zVg.)

Der österreichische Historiker kroatischer Herkunft Alojz Ivanišević, ordentlicher Professor an der Universität Wien, teilt die Meinung, dass das Thema komplex ist, aber einen Mitschuldigen an der Schaffung eines parallelen Bewusstseins, das sich direkt am Heimatland orientiert, sieht er auf jeden Fall in der Familie. „Viele sagen, dass die Integration nur dann gut funktioniert, wenn man mit der Familie in Österreich ist. Ich behaupte aus eigener Erfahrung das Gegenteil: Wäre ich nicht meinen eigenen Weg gegangen, seitdem mein Gastarbeiter-Vater nach Kroatien zurückgekehrt ist, hätte ich mich wahrscheinlich nicht auf dieselbe Weise in die österreichische Gesellschaft integriert, wie das heute der Fall ist“, sagt Ivanišević.

Die Übertragung des Spiels Kroatien – Russland endete in der Balkanstraße mit nicht weniger als 78 Anzeigen. (FOTO: Christopher Glanzl)

Identitätskrise
„Das Problem mit dem Nationalismus ist viel ausgeprägter, wenn eine geringe Ausbildung mit einer Verschlossenheit gegenüber der unmittelbaren Umgebung und ausschließlicher Kontaktpflege mit den eigenen Landsleuten zusammenkommt. Das ist das Haupthindernis bei der Integration in eine offene, moderne Gesellschaft“, erklärt Professor Ivanišević. Ähnlich denkt auch Vedran Džihić, der jüngere, aber um nichts leisere Kritiker des Nationalismus auf dem Balkan. „Mit einem höheren Grad an Inklusion in eine demokratische und pluralistische Gesellschaft kommt es fast automatisch zu einer offeneren Haltung gegenüber den eigenen Wurzeln und der Position in der Gesellschaft. Mit einer solchen Selbstreflexion wird auch der Grad an Toleranz gegenüber anderen höher. Andernfalls, wenn das Gefühl der Zugehörigkeit unsicher ist, führt das zu einer Identitätskrise und der Suche nach Orten und Gruppen, in denen man ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln kann“, schließt Džihić.

Das Erstarken der Rechten in Europa
Neben all den „Krebsgeschwüren“ des Nationalismus auf dem Balkan und der dortigen Gesellschaft sowie auch dem Problem des allgemeinen Anstiegs der Xenophobie in Europa seit 2015, als die Flüchtlingskrise und das Erstarken der Rechten begannen, sieht er ein großes Problem auch in „einem Mangel an demokratischer Kultur und Demokratiebewusstsein“. Dieser Mangel rührt wahrscheinlich von der Tatsache her, dass viele Jugendliche, die auf der Balkanstraße nationalistische Parolen skandieren, „oft keine Grundkenntnisse der Geschichte besitzen, und dass hinter diesen Sprechchören in Wahrheit keine festen Überzeugungen oder durchdachte Ideologien stehen“, erklärt uns der Historiker Alojz Ivanišević. Die Informiertheit der jungen Menschen aus Zuwandererfamilien über diese Themen schätzen sowohl Ivanišević als auch Džihić als Problem ein, denn sie beschränkt sich meistens auf das Wiederholen ausschließlicher Interpretationen der Kriege in den Heimatländern oder der eigenen Familiengeschichten über den Krieg. „Dass das in der Diaspora etwas anders ist als im Heimatland, davon zeugt auch die Tatsache, dass hier bei den Wahlen 70 bis 80 Prozent der Wähler für die HDZ gestimmt haben. Die österreichischen Kroaten sind in dieser Hinsicht nicht alleine, denn ähnlich verhält es sich zum Beispiel auch mit den türkischen Zuwanderern, die zumeist für Erdogan stimmten“, sagt Ivanišević.

DIE POLIZEI hat ihre Präsenz auf der Ottakringer Straße von Match zu Match verstärkt….

Es gibt keine Wunderlösung
„Das österreichische Schulsystem bietet keinen Raum für eine systematische und umfassende Aufklärung über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, und unsere Vereine widmen diesem Problem nicht genügend Aufmerksamkeit bzw. reproduzieren sehr oft die ausschließlichen Interpretationen aus dem Heimatland“, erklärt Džihić. Auf die Frage, ob es Methoden gäbe, hier präventiv tätig zu werden, können aus guten Gründen weder Ivanišević noch Džihić eine präzise Antwort geben. Denn zu diesem Thema gibt es nicht eine einzige Antwort, sondern das Erstarken des Nationalismus unter den Jungen ist ein komplexes Phänomen. Aber klar ist, dass die Verantwortung auch bei den Eltern, der Politik, der Gesellschaft, der Kirche und vielen anderen Institutionen liegt. Aber wenn wir dieses Phänomen vernachlässigen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es bei der nächsten größeren Sportveranstaltung auf der Ottakringer Straße, aber auch an anderen Treffpunkten unserer Gemeinschaften in Österreich, wieder zu kompromittierenden Szenen kommt.