Lange Arme aus Moskau, versteckte Kameras und ein Netzwerk von Spionen – ein russischer Jurist in Montenegro geriet ins Visier einer gefährlichen Operation.
Kiril Kacur spürte die Gefahr lange bevor sie offiziell bestätigt wurde. Der 35-jährige russische Jurist, der 2021 seine Heimat verließ und nach Montenegro zog, brachte seine prekäre Situation auf den Punkt: „Ich bin unerwünscht… und Moskau hat sehr lange Arme.“ Für Kacur steht fest, dass seine politischen Aktivitäten und ein brisanter Fall seiner Anwaltskanzlei ihn ins Fadenkreuz einer weitreichenden Spionageoperation rücken ließen.
Diese Operation wurde von sechs bulgarischen Staatsbürgern durchgeführt, die systematisch Kacur und weitere Zielpersonen quer durch Europa überwachten. Ein Londoner Gericht verhängte gegen die Gruppe Haftstrafen von insgesamt mehr als 50 Jahren. Der Kopf der Spionagegruppe, Orlin Rusev, erhielt seine Anweisungen direkt von Jan Marsalek – jenem österreichischen Staatsbürger, der als Vermittler für russische Geheimdienste agiert. Rusev und zwei weitere Gruppenmitglieder, Dzambazov und Stojanov, legten Geständnisse ab.
Nach Erkenntnissen der britischen Staatsanwaltschaft sammelte das Netzwerk zwischen Mitte 2020 und Anfang 2023 gezielt Informationen über Personen und Orte, die für Moskau von besonderem Interesse waren. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf sechs Operationen, wobei drei davon Aktivitäten der bulgarischen Gruppe in Montenegro betrafen. Neben Kacur geriet auch der bulgarische Investigativjournalist Christo Grozev ins Visier – ein Rechercheur, der wegen seiner kritischen Berichterstattung über russische Behörden auf der Fahndungsliste des russischen Innenministeriums landete.
Weitere Zielpersonen
Ein weiteres Ziel der Spionagegruppe war Roman Dobrohotov, russischer Staatsbürger und Gründer des Investigativportals The Insider. Ein Mitglied der Gruppe, Ivanova, observierte sowohl Grozev als auch Dobrohotov während einer Konferenz in Montenegro und fertigte Fotodokumentationen an. Laut Staatsanwaltschaft erwog die Gruppe sogar eine Entführung Dobrohotovs.
Die Festnahme der Spionagegruppe erfolgte im Februar 2023, nachdem sie einen US-Militärstützpunkt in Stuttgart ausgespäht hatte. Die britische Anklage stützte sich auf ein umfangreiches Beweisarsenal – darunter Telegram-Kommunikation, Reiseaufzeichnungen und Finanztransaktionen. Bei einer Hausdurchsuchung bei Rusev entdeckten Ermittler ein beeindruckendes Arsenal an Spionagetechnik, die raffiniert in Alltagsgegenständen versteckt war.
Politische Reaktionen
Ein Jahr nach seiner Ankunft in Montenegro sah sich Kacur 2022 plötzlich mit mehreren Strafvorwürfen der russischen Behörden konfrontiert. Er ist überzeugt, dass dies eine direkte Folge seiner beruflichen Tätigkeit ist – als Anwalt vertrat er den ehemaligen Direktor eines Unternehmens, das laut Forbes zu den 50 größten russischen Konzernen zählt. Kacur berichtet, dass er bereits vor der offiziellen Bestätigung ein Gefühl der Überwachung hatte.
Im September 2022 unterstützte Großbritannien demonstrativ die Entscheidung Montenegros, eine Gruppe russischer Diplomaten zu unerwünschten Personen zu erklären. Der damalige britische Außenminister James Cleverly betonte: „Das Vereinigte Königreich steht an der Seite Montenegros bei dieser Maßnahme zum Schutz seiner Souveränität und Sicherheit vor feindlichen russischen Aktivitäten.“
Der Fall illustriert eindrücklich die geopolitischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen sowie die reale Bedrohung durch russische Geheimdienstaktivitäten auf europäischem Boden.