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WIENWOCHE

Jelena Micic: ,,WIENWOCHE ist eine künstlerische Antwort auf globale Herausforderungen“

Jelena Micic: ,,WIENWOCHE ist eine künstlerische Antwort auf globale Herausforderungen“
(Foto: WIENWOCHE/Olesya Kleymenova)
8 Min. Lesezeit |

KOSMO: Können Sie einige Schlüsselprojekte oder –veranstaltungen nennen, die während des Festivals stattfinden werden, und erklären,  warum sie für das diesjährige Thema wichtig sind?

Jelena Micic: In Fortsetzung der vorherigen Frage möchte ich betonen, dass die Frage der Unparteilichkeit bzw. eines dritten Blocks, der historisch zwischen den beiden Extremen der Großmächte stand, ebenso wie die Frage einer erneuten Zusammenarbeit zwischen der sogenannten zweiten und dritten Welt bzw. innerhalb der globalen Mehrheit noch relevanter geworden ist. Die erste Konferenz der Blockfreien Länder fand 1961 in Belgrad statt, wurde aber erst in diesem Jahr als Beitrag zum Welterbe anerkannt (UNESCO Memory of World International Register). Jugoslawien spielte darin eine Schlüsselrolle und ein Gespräch über seine Rolle, vor allem im Bereich der Kulturpolitik, kann vor allem zu einer anderen Sichtweise auf die Region, zu einer progressiven Einschätzung führen, die nicht zu den erwarteten Narrativen rund um Repatriierung und Unterdrückung passt.

Die Diskussion, die wir in Zusammenarbeit mit dem Depot – Kunst und Diskussion organisieren, stellt die Region in einem neuen Licht vor, das das Potential hat, moderne Befreiungskämpfe neu zu inspirieren.

Die Projekte, die meiner Meinung nach das größte Potential für gesellschaftliche Veränderungen haben, sind Au Pair Repair und Sulyap.

Au Pair beschäftigt sich mit der Gewerkschaftsbewegung und der Politisierung der Kindermädchen aus Lateinamerika, die in Österreich leben. Ehemalige Au Pairs sprechen aus ihrer Sicht über die Probleme, mit denen sie konfrontiert waren und die sich vor allem auf die Verletzung grundlegender Menschenrechte beziehen, aber sie mobilisieren die Gemeinschaft auch mithilfe einer Kampagne, Workshops und Radiosendungen, die sie mit Radio Orange 94.0 aufnehmen. Sulyap gründet sich auf die Erfahrungen der ersten und zweiten Generation von Krankenschwestern, die bereits in den 1970-er Jahren von den Philippinen kamen und bisweilen qualifizierter waren als einige Ärzte. Zeugnisse in Form von Kurzfilmen werden in den Räumen des ÖGB im 2. Bezirk vorgestellt.

Die Frage eines neuen Zustroms von Gastarbeitern wurde kürzlich durch ein Memorandum über die Zuwanderung fehlenden medizinischen Personals in die EU geregelt, das Österreich mit den Philippinen unterzeichnet hat. Ich muss auch erwähnen, dass die Auswahl der Plakate eine sehr wichtige Entscheidung war, die die Richtung, in die das Festival geht, sehr gut beschreibt.

Es handelt sich um eine Arbeit des serbisch-schwedischen Aktivisten und Forschers mirko nikolić (als Künstlername bewusst kleingeschrieben), der die Gelegenheit erhielt, in einer Schmelzwerkstatt von RTB Bor den chemisch-technologischen Prozess der Rücktransformation von industriellem Kupfer  in seinen ehemaligen mineralischen Zustand durchzuführen, um es in das Loch zurückzuführen, aus dem es ausgegraben  wurde. Damit wird der Prozess der Ausbeutung der Ressourcen durch die Menschen umgekehrt. Ein Interview mit dem Künstler finden Sie auf unserer Website.

KOSMO: Wie regt die WIENWOCHE die Gemeinschaft dazu an, aktiv zu werden und sich an der Diskussion und den Aktionen rund um die Schlüsselfragen des Festivals zu beteiligen?

Jelena Micic: Das Festival funktioniert im Prinzip als ein offener Aufruf, normalerweise im Dezember mit einem Jahresthema. Sie können sich anmelden, auch wenn Sie nicht Deutsch oder Englisch sprechen, denn wir bieten die Möglichkeit, einen Vorschlag auch in der Muttersprache vorzulegen. Der Text des Aufrufs ist unter anderem auch in BKS, Türkisch, Arabisch (2022) und Spanisch (2023). Man muss keine Erfahrung im Schreiben von Anträgen haben, denn das Festivalteam unterstützt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Festivals in jeder Phase. Wenn Sie Probleme und Mängel sehen, mit denen Ihre Gemeinschaft konfrontiert ist, und eine Idee haben, wie man diese ansprechen kann, unterstützen wir Sie gerne. Im vergangenen Jahr haben wir die Anmeldung einer älteren Dame erhalten, die sich in einer Performance versuchen und dabei die Einsamkeit im Alter thematisieren wollte.

Von Links nach Rechts: Jelena Micic, Denise Palmieri, Natasa Mackuljak (Foto: WIENWOCHE/Olesya Kleymenova)

In diesem Jahr bieten wir gemeinsam mit der IG Bildende Kunst Workshops für ältere kreativ Arbeitende an. Dazu tragen auch viele andere Projekte – von Scate-Workshops bis zu Workshops über das Drehbuchschreiben bei. In unserer Programmbroschüre haben wir auch eine Kinderseite und während der Eröffnung und der Abschlussveranstaltung des Festivals organisieren wir Kinderbetreuung. Alle Programme sind kostenlos und wir bemühen uns, sie auch barrierefrei zu machen. Man muss betonen, dass auch unsere Website inklusiv und für Blinde und Sehbehinderte zugänglich ist. Wählen Sie die Veranstaltung, die Sie am meisten interessiert, und kommen Sie einfach vorbei. Sie werden interessante Leute kennenlernen, die Ihnen nicht nur Mitstreiter, sondern auch Freunde werden können.

KOSMO: Wie sehen Sie die Entwicklung des WIENWOCHE Festivals in den kommenden Jahren, vor allem vor den Hintergrund der schnellen globalen Veränderungen und Herausforderungen?

Jelena Micic: Ich meine, dass das Festival eine gute Gelegenheit für alle ist, die ansonsten keine Möglichkeit haben, Themen, die ihnen wichtig sind, öffentlich zu anzusprechen. Die wichtigste Frage ist die der politischen Teilhabe. Leider sind sich alle politischen Gruppierungen einig, dass man das Wahlrecht auf Bürger/innen beschränken muss.

Wir sind daran gewöhnt, dass wir uns die wichtigsten Menschenrechte erarbeiten müssen, während wir inzwischen als Gäste behandelt werden, für die Entscheidungen getroffen und Politik gemacht wird, die nicht in ihrem Interesse sind.

Viele sehen die Rolle der Migrantengemeinschaften bei der Aufrechterhaltung des Systems nicht. Und wir gehorchen noch immer.

Darum muss man diese Gemeinschaften politisch stärken, damit sie sich gleichberechtigt in die Entscheidungsfindungsprozesse einbringen. Subversiv, durch Kunst. Das muss der wichtigste Grundsatz des Festivals bleiben.

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KO KOSMO-Redaktion
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