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REPORTAGE

Kadetten aus Bosnien-Herzegowina auf Ausbildung in Österreich

Kadetten machen die ganze dreijährige Ausbildung in deutscher Sprache. (FOTO: Amel Topčagić)

Die deutschen und englischen Sprachkurse und die Kaderanwärterausbildung, sowie das erste Jahr an der Akademie haben sie bereits erfolgreich abgeschlossen. Zu Beginn unseres Gesprächs interessierte uns, wie sie den Mut aufgebracht haben, ihre Heimat so früh zu verlassen.

„Ich wollte schon immer an einer Militärakademie studieren. Die Frage war nur, an welcher. Weil die Theresianische Militärakademie in Österreich die älteste der Welt ist, habe ich mich für sie entschieden,” beginnt Dominik Ivković aus Livno seine Geschichte.

„Beim Militär lernt man, dass man auch in Zeiten größter Schwäche einen kühlen Kopf bewahrt und seine Ziele erreicht.” Adnan Orman (21), Fojnica (FOTO: Amel Topčagić)

Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Nordmazedonien haben keine eigenen Militärakademien. Darum absolvieren viele Kadetten die Ausbildung in den umliegenden Ländern wie Kroatien und Serbien. Seit 2017 haben sie auch die Möglichkeit, nach Österreich zu kommen.

„Ich bin hierhergekommen, weil ich glaube, dass dies eine hervorragende Gelegenheit ist, an einer der angesehensten Militärakademien, der ältesten der Welt, zu studieren und außerhalb der Heimat Erfahrungen zu sammeln und neue Perspektiven zu gewinnen, die ich später bei den Streitkräften von Bosnien-Herzegowina anwenden kann”, erklärt Ismir Bašović aus Sarajevo stolz.

„Als Offizier kümmert man sich nicht mehr nur um sich selbst, sondern um seine Leute.” Emir Kazazić (22), Mostar (FOTO: Amel Topčagić)

Die Wahl dieses Karrierewegs bedeutet für die Soldaten die Erfüllung ihrer Berufung, die sich schon in der frühen Kindheit äußerte.

„Mich faszinierten Uniformen von klein auf und die einzige Frage war, ob ich zur Polizei oder zum Militär gehen sollte. Am Ende habe ich mich doch für die Armee entschieden”, erzählt Anel Džaferović, ebenfalls aus Sarajevo.

„Ich bin froh, dass ich das an einer der angesehensten Militärakademien erworbene Wissen für meine Heimat nutzen kann.” Ismir Bašović (22), Sarajevo (FOTO: Amel Topčagić)

Sie alle arbeiten jeden Tag fleißig und übertreffen sich dabei selbst, um ans Ziel zu kommen. Auch wenn noch viele Ziele vor ihnen liegen, die sie erreichen wollen, haben sie uns ihren Ehrgeiz schon alleine damit gezeigt, dass sie die anspruchsvollen Aufnahmebedingungen erfüllt haben.

„In BIH gab es eine Ausschreibung für mehrere Länder. Wir alle, die wir jetzt hier sind, haben uns für Österreich beworben. Um das Auswahlverfahren zu bestehen, wurden bestimmte körperliche Fähigkeiten, Kenntnisse der englischen und der deutschen Sprache und das Bestehen eines psychologischen Tests gefordert. Vor der Ausbildung mussten wir schon Grundkenntnisse in Deutsch haben”, sagt uns Mensud Tutkur aus Donji Vakuf.

„Wenn man Uniformen und sein Heimatland liebt, dann ist man bereit, alles zu geben, um der Gesellschaft selbstlos zu helfen.” Aner Opijač (22), Sarajevo (FOTO: Amel Topčagić)

Neben den allgemeinen Voraussetzungen, wie der bosnisch-herzegowinischen Staatsbürgerschaft, sind auch ein Mittelschulabschluss der IV Stufe und andere Leistungsnachweise nötig, etwa ein sehr guter Erfolg während der Mittelschule, gute Notendurchschnitt in Mathematik, Englisch-, sowie Deutschkenntnisse auf Niveau A2 und eine hervorragende Fitness. Wenn all diese Voraussetzungen erfüllt sind, legen die Kandidaten einen Sprachtest ab und müssen zu einem Test ihrer Allgemeinbildung und ihrer körperlichen Fitness antreten.

„In der Armee zu sein, heißt nicht von 8 bis 16 Uhr im Dienst zu sein. Das ist eine Lebensweise ohne Pause und Urlaub.” Dragan Lajšić (22), Kostajnica (FOTO: Amel Topčagić)

Die Truppenoffiziersausbildung
An der Militärakademie in Wiener Neustadt werden die jungen Soldaten zu Offizieren ausgebildet. Während der dreijährigen Ausbildung haben sie die Gelegenheit, viele Dinge kennenzulernen und sich zu beweisen, um am Ende den angesehenen Rang Leutnant sowie den Titel Bachelor of Arts in Military Leadership zu erwerben. Die Ausbildung ist sehr intensiv und anstrengend und erfordert oft, dass die Soldaten über ihre Grenzen hinausgehen, aber sie ist auch sehr interessant und kein bisschen eintönig.

„Jeder Offizier ist vor allem ein Botschafter seines Landes, sowohl in der Heimat als auch außerhalb davon.” Anel Džaferović (22), Sarajevo (FOTO: Amel Topčagić)

„Das Studium umfasst sechs Semester. Im ersten Semester an der Akademie mussten wir lernen, aus 400 Meter Höhe aus einem Flugzeug abzuspringen. Dann begann das Studium bestehend aus mehreren Zivilfächern, militärischer Taktik, Englisch, Sport und Psychologie. Während wir im ersten Semester die Grundlagen der Taktik gelernt haben, behandeln das zweite und dritte Semester die Taktik in ihrer Gesamtheit. Da sprechen wir über Angriff, Verteidigung, Rückzug und internationale Verteidigung. Außerdem bekommen wir im zweiten Semester das Verfassungsrecht. Nach dem dritten Semester erwarten uns die sportlichen und militärischen Fächer, wie Militärrecht, für die unsere österreichischen Kollegen mit Austauschprogrammen ins Ausland gehen. Die intensivsten Semester sind das zweite und dritte, denn Taktik ist ziemlich schwer. Wir müssen auch viele Seminararbeiten zu unterschiedlichen Themen schreiben, und das teils auf Englisch und teils auf Deutsch”, so beschreiben uns Adnan Orman aus Fojnica und Dragan Lajšić aus Kostajnica, ihre Ausbildung.

Auch wenn die Kadetten von früh bis spät mit ihrer Ausbildung und anderen Aufgaben beschäftigt sind, gibt es keinen strikten Stundenplan, der jeden Tag gilt. „Jeder Tag an der Akademie ist anders, es kommt immer darauf an, was an dem Tag zu tun ist”, verrät uns Dragan Lajšić.

Ich wollte schon immer eine Militärakademie besuchen. Es ist mir eine Ehre, an der ältesten der Welt zu studieren.” Dominik Ivković (21), Livno (FOTO: Amel Topčagić)

Ausbildung in einer Fremdsprache
Im Unterschied zu anderen internationalen Kadetten, die nur für ein Semester nach Österreich kommen, müssen die bosnisch-herzegowinischen die gesamte Ausbildung in einer Fremdsprache durchlaufen. Und nicht nur das – sie verbringen ihre Tage ganz in Deutsch. Allerdings war das für sie nie ein Problem.

„Ich glaube, bisher hatte niemand ein Problem mit der Sprache. Da wir bereits seit drei Jahren in Österreich sind, können wir uns mit den Kameraden definitiv verständigen und haben auch kein Problem, dem Unterricht zu folgen. Was die Ausbildung selbst betrifft, so sind wir in mehrere Züge aufgeteilt. Jeder von uns ist alleine in einem Zimmer mit zwei, drei österreichischen Kameraden, sodass die ganze Kommunikation auf Deutsch stattfindet”, sagt uns Dominik Ivković.

„Wenn Sie das machen, was Sie lieben, dann gibt es weder die Angst vor Hürden noch um das eigene Leben. Unser Ziel ist zu helfen.” Mensud Tutkur (23), Donji Vakuf (FOTO: Amel Topčagić)

„Wenn wir etwas nicht verstanden haben, bitten wir darum, dass es noch einmal wiederholt wird. Das ist absolut normal. Und was die Zusammenarbeit mit unseren österreichischen Kameraden betrifft, so helfen wir uns alle gegenseitig. Sie haben uns großartig aufgenommen. Das war gleichzeitig die Herausforderung und das Ziel, dass unsere Integration mit den österreichischen Kollegen klappt. Und dabei gab es nie größere Probleme. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie uns als minderwertig betrachten, wir haben ja alle dasselbe Training durchlaufen. Wir alle müssen die gleichen Dinge tun und haben dieselben Probleme”, schließt sich Emir Kazazić an.

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