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Abschiedstournee

Letzte WM-Mission: Ronaldos Abschied und Messis Zögern

Letzte WM-Mission: Ronaldos Abschied und Messis Zögern
Foto: epa/JOSE SENA GOULAO
8 Min. Lesezeit |

Fußball-Legenden im letzten Tanz: Während Ronaldo und Modric ihre WM-Abschiedstournee planen, lässt Messi die Fans zittern. Die FIFA bereitet derweil ihre große Bühne vor.

Cristiano Ronaldo und Luka Modric sind bereit, Lionel Messi zögert noch: Eine außergewöhnliche Fußballer-Generation lädt bei der Weltmeisterschaft 2026 zum letzten großen Auftritt. Es wird die spektakuläre Infantino-Show werden.

Der Mensch träumt seit jeher von Unsterblichkeit. Seit Adam und Eva durch ihren Sündenfall den Tod in die Welt brachten, begleitet uns diese Sehnsucht. Kein Wunder, dass kaum eine Party ohne Alphavilles „Forever Young“ auskommt – auch wenn die wenigsten wissen, dass der 80er-Jahre-Hit eigentlich die Angst vor nuklearer Vernichtung thematisiert.

Nun die tatsächliche Überraschung: Der 40-jährige Cristiano Ronaldo hat verkündet, dass die kommende WM sein letztes Turnier sein wird. Ob diese seltene Bescheidenheit mit der Bodenständigkeit eines Odysseus vergleichbar ist, der die Unsterblichkeit bei Nymphe Kalypso ausschlug, um zu seiner Familie zurückzukehren, bleibt offen. Der Vergleich mit dem antiken Helden dürfte Ronaldo jedenfalls schmeicheln.

Tatsächlich scheint er göttlichen Beistand zu genießen – zumindest vom Fußball-Olymp: Die FIFA unter Gianni Infantino beugte sogar die eigenen Regularien, damit CR7 am 17. Juni in der überdachten Arena von Houston zum portugiesischen Auftaktspiel gegen einen noch zu bestimmenden Gegner auflaufen kann. Nach einer Tätlichkeit im Qualifikationsspiel gegen Irland hätte Ronaldo laut FIFA-Reglement mindestens drei Pflichtspiele pausieren müssen. Die Realität: Eine Ein-Spiel-Sperre, die er noch während der Qualifikation absitzen konnte.

Dieser kleine Kunstgriff war nur der Auftakt zu einer „Auslosung“, bei der so viele Parameter vorab festgelegt wurden, dass die FIFA gleich zwei Veranstaltungen daraus machte. Erst wurden in Washington die Gruppenkonstellationen bestimmt, einen Tag später dann die Spielorte und Anstoßzeiten festgelegt. Der verantwortliche FIFA-Direktor berichtete von einer schlaflosen Nacht wegen der intensiven Planungsarbeit.

Möglicherweise musste er auch zahlreiche Anrufe entgegennehmen. Jedenfalls zeigten sich die großen Fußballnationen am Ende merkwürdig zufrieden mit ihren Zulosungen.

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Bei der Gruppenauslosung in Washington geriet der Sport teilweise zur Nebensache. US-Präsident Donald Trump erhielt den erstmals verliehenen FIFA-Friedenspreis – während FIFA-Boss Gianni Infantino mit einem befremdlichen Auftritt für Stirnrunzeln sorgte.

Infantinos Friedensshow

Um es mit den Einleitungsworten der Bugs-Bunny-Cartoons zu sagen: Es ist die große, bunte Gianni-Show, und alle sind mit dabei. Außer Russland – da kann selbst Infantino bislang nichts ausrichten, so gern er es auch täte. Mit von der Partie ist natürlich an vorderster Front Donald Trump, der sich in Washington stolz die Goldmedaille des neu geschaffenen FIFA-Friedenspreises umhängen ließ.

Die vollständige Preisträger-Liste wurde nicht veröffentlicht, Silber ging vermutlich an Mohammed bin Salman aus Saudi-Arabien. Der FIFA-Premiumpartner und WM-Gastgeber 2034 darf aufatmen, dass die Vergabe eines asiatischen Playoff-Turniers an sein Land wie gewünscht zur WM-Qualifikation führte.

Jetzt fehlt nur noch einer: Lionel Messi war schon immer etwas widerspenstiger als Ronaldo. Grundsätzlich habe er Lust, erklärte der achtmalige Weltfußballer, über seine Teilnahme entscheiden wolle er aber erst in der Saisonvorbereitung seines Klubs Inter Miami, die im Jänner beginnt. „Ich versuche, mich gut zu fühlen, und vor allem ehrlich zu mir selbst zu sein“, so Messi.

„Wenn ich mich gut fühle, habe ich Spaß, aber wenn nicht, habe ich keine gute Zeit, deshalb will ich lieber nicht dabei sein, wenn ich mich nicht gut fühle.“ Nachvollziehbare Worte. Messi hat immerhin den WM-Titel bereits in der Tasche. Nach dem Triumph 2022 in Katar erklärte er, einfach noch einige Länderspiele ohne den ewigen Erfolgsdruck absolvieren zu wollen.

Daraus wurde unter anderem ein weiterer Copa-América-Titel, und da er auch in der amerikanischen Profiliga weiterhin brilliert, kann außer ihm selbst niemand seine Zweifel nachvollziehen. Das Recht, sich bitten zu lassen, steht ihm dennoch zu. Notfalls wird Infantino persönlich eingreifen und Messi um drei Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit auf den Rasen der Kansas City Chiefs eskortieren. Dort eröffnet Argentinien einen halben Tag vor Portugal das Doppelspektakel der Fußball-Methusalems.

Altersrekorde im Fokus

Wenn nichts dazwischenkommt, werden Ronaldo und Messi als erste Spieler überhaupt zum sechsten Mal bei einer WM auflaufen und damit unter anderem Rekordhalter Lothar Matthäus übertrumpfen. Trotz aller Fortschritte in Medizin, Ernährung und Betreuung sind das außergewöhnliche Leistungen, ermöglicht durch Messis übernatürliches Spielverständnis und Ronaldos unbändigen Ehrgeiz. Zum Turnierstart wird Ronaldo 41 Jahre alt sein, Messi während der Gruppenphase seinen 39. Geburtstag feiern.

Ältester WM-Feldspieler bleibt vorerst der legendäre Roger Milla, der ausgerechnet bei der WM 1994 in den USA mit 42 Jahren für Kamerun auflief. Zudem waren zwei Torhüter noch älter als Ronaldo sein wird: Essam El Hadary (45, Ägypten 2018) und Faryd Mondragón (43, Kolumbien 2014). Allerdings gehörten sie wie Milla nicht mehr zur Stammformation und kamen nur in bedeutungslosen Gruppenspielen zum Einsatz – wohl als Ehrenbezeugung.

Ronaldo hingegen ist bei Portugal weiterhin als Stammspieler im Sturmzentrum eingeplant, auch wenn er bei der EM 2024 nicht alle Beobachter von der Sinnhaftigkeit dieses Privilegs überzeugen konnte. Sicherlich könnte er sich damit anfreunden, im fünften Lebensjahrzehnt den WM-Pokal in die Höhe zu stemmen, wie 1982 Italiens Torwart Dino Zoff.

Darüber sprechen mag Ronaldo jedoch nicht. Der Weltmeistertitel sei „kein Traum von mir“, erklärte er, denn er würde „nichts ändern an der Form, in der ich die Dinge sehe oder in der ich den Fußball sehe“. Nach seinem tränenreichen WM-Aus 2022 hatte er noch verkündet: „Eine WM mit Portugal zu gewinnen, war der größte und ambitionierteste Traum meiner Karriere.“

Für Brasilien sind WM-Titel keine Träume, sondern Pflichtaufgaben. Nie blieb der Rekordweltmeister länger als fünf Endrunden ohne Titel, zuletzt beendete er solch eine Durststrecke 1994 in den USA. Nach dem bislang letzten Triumph 2002 wäre es 2026 wieder an der Zeit. Für dieses Ziel liebäugelt die Seleção mit einem eigenen Beitrag zum Turnier der Veteranen: Seit Monaten wird über eine Rückkehr von Neymar diskutiert.

Trainer Carlo Ancelotti steht dem grundsätzlich offen gegenüber, bislang verhinderten jedoch Verletzungen jede Testphase. Mit 33 Jahren ist Neymar zwar jünger als Ronaldo und Messi, wirkt aber gefühlt so alt wie beide zusammen. Spätestens jenseits der 30 beginnt der Körper seinen Tribut zu fordern – ob seine Partys die vielen Verletzungen verursachten oder die Verletzungen die vielen Partys, spielt keine Rolle, wenn der Körper streikt.

Einen halbwegs fitten Neymar wollen jedoch nicht nur Legenden wie Romário („Nur mit Neymar kann Brasilien die WM gewinnen“) und Ronaldo („Wir haben keinen Zweiten wie Neymar“) im Nationaltrikot sehen. Zuletzt sicherte er seinem Jugendklub Santos sogar mit angeschlagener Gesundheit den Klassenerhalt durch vier Treffer in den letzten drei Partien.

Eine außergewöhnliche Generation bittet zum Abschiedstanz – das gilt auch für den Kroaten Luka Modric, der mit 40 Jahren noch immer die Fäden im Mittelfeld zieht. Und ausgeschlossen ist auch nicht, dass Torwartlegende Manuel Neuer, der im März 40 wird, noch für den WM-Kader nominiert wird. Möglicherweise gemeinsam mit dem 22 Jahre jüngeren Lennart Karl.

So könnte Messi auf den bereits mit 18 Jahren etablierten Lamine Yamal aus Spanien treffen, seinen designierten Nachfolger beim FC Barcelona. Oder Neymar seine Position mit dem ebenfalls 18-jährigen Estêvão teilen, dem derzeit größten Talent Südamerikas. Wie weit tragen Erfahrung und zeitlose Klasse? Diese Frage dominiert das kommende Sportjahr, denn auch beim zweiten Großereignis wird sie verhandelt: Als Hauptattraktion der Olympischen Winterspiele kündigt sich der Auftritt von Lindsey Vonn an.

Die Grande Dame mit Titan im Knie triumphierte diese Saison bereits im Ski-Weltcup; mit 41 Jahren war sie dabei sieben Jahre älter als die bisherige Altersrekordhalterin auf der Piste. Zurück zum Fußball zeigt Gastgeber USA aber auch die Schattenseiten einer übermäßigen Sehnsucht nach Unsterblichkeit. 1994 verbreiteten sich nach Argentiniens Auftaktspiel die Bilder eines entfesselten Diego Armando Maradona weltweit. Der von vielen abgeschriebene Superstar, damals 33, schien ein glänzendes Comeback zu feiern. Doch nach dem zweiten Spiel wurde er positiv auf die verbotene Substanz Ephedrin getestet und disqualifiziert.

Heute hat die FIFA nach ihren jüngsten Winkelzügen so viel Glaubwürdigkeit eingebüßt, dass die Öffentlichkeit kaum noch erwartet, von etwaigen Skandalen überhaupt zu erfahren. „Sie macht sogar den grauen Himmel blau“, warb einst die große bunte Bunny-Show für sich.

Bei der Gianni-Show spielen vermeintlich gesperrte Legenden. Wie es damals weiterging: „Das ist für jeden was, das wird ein Riesenspaß: Das Spiel beginnt, die Bühne frei.“

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KO KOSMO-Redaktion
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