Die Machtverhältnisse in Südosteuropa verschieben sich: Serbien wird laut IWF-Prognosen Kroatien als größte Volkswirtschaft der Region ablösen – ein Wendepunkt mit weitreichenden Folgen.
Die Region Südosteuropa steht vor einer markanten wirtschaftlichen Neuordnung. Bereits im kommenden Jahr wird Serbien an Kroatien vorbeiziehen und sich als führende Volkswirtschaft der Region etablieren. Dies geht aus einer detaillierten Analyse von IWF-Daten hervor, die das Portal BiznisInfo.ba ausgewertet hat.
Die aktuellen IWF-Zahlen zum nominalen Bruttoinlandsprodukt zeigen eine rasche Verschiebung der Kräfteverhältnisse: Während Kroatien derzeit mit 103,9 Milliarden US-Dollar noch knapp vor Serbien (100,05 Milliarden US-Dollar) liegt, schmilzt dieser Vorsprung 2025 bereits auf etwa eine Milliarde Dollar zusammen. Kroatien wird dann auf 113,13 Milliarden US-Dollar kommen, Serbien auf 112,11 Milliarden.
Der entscheidende Wendepunkt zeichnet sich für 2026 ab, wenn beide Volkswirtschaften nahezu gleichauf liegen werden. Ab 2027 übernimmt Serbien dann endgültig die Führungsposition mit einem BIP von 121,29 Milliarden US-Dollar gegenüber Kroatiens 118,4 Milliarden. Langfristprognosen des IWF deuten darauf hin, dass sich diese Entwicklung weiter verstärken wird: Bis 2030 wächst der Abstand auf fast 13 Milliarden Dollar an – Serbien erreicht dann 148,71 Milliarden US-Dollar, Kroatien 135,73 Milliarden.
Zwar kursierten in der Vergangenheit bereits Analysen, wonach Serbien Kroatien nach bestimmten Parametern überholt haben soll. Die hier präsentierten IWF-Daten gelten jedoch als besonders aussagekräftig, da sie auf international anerkannten und vergleichbaren Methoden basieren, die als globaler Standard für Wirtschaftsvergleiche dienen.
Regionale Wirtschaftsordnung
Über das Verhältnis zwischen Serbien und Kroatien hinaus zeichnen die IWF-Daten ein klares Bild der gesamten Region bis 2030: Slowenien wird mit 102,03 Milliarden US-Dollar auf dem dritten Platz liegen, gefolgt von Bosnien und Herzegowina (44,11 Mrd.), Albanien (41,12 Mrd.), Nordmazedonien (25,52 Mrd.), Kosovo (17,71 Mrd.) und Montenegro (12,45 Mrd.). Bemerkenswert ist, dass Serbien laut denselben Daten bereits früher Slowenien hinsichtlich der Wirtschaftsgröße überholt und damit seine Spitzenposition in der Region gefestigt hat.
Wirtschaftsexperten führen Serbiens dynamischeres Wachstum auf mehrere Faktoren zurück: den größeren Binnenmarkt und die höhere Bevölkerungszahl, ein robustes Wachstum in Industrieproduktion und Export, kontinuierliche ausländische Direktinvestitionen, umfangreiche staatliche Infrastruktur- und Energieprojekte sowie die relative makroökonomische Stabilität der vergangenen Jahre.
Pro-Kopf-Einkommen
Diese Faktoren treiben zwar das Gesamt-BIP nach oben, bedeuten jedoch nicht automatisch eine entsprechende Steigerung des Lebensstandards. Die Pro-Kopf-Daten zeigen deutlich, dass Serbien trotz seiner wachsenden Wirtschaftskraft bei den Einkommensniveaus weiterhin hinter Kroatien und Slowenien zurückbleiben wird. Slowenien wird in dieser Hinsicht die unangefochtene Spitzenposition in der Region behalten, während Kroatien fest auf dem zweiten Platz verharrt.
Die Prognosen für das BIP pro Kopf zeigen keine Veränderungen in der Rangfolge bis zum Ende des Jahrzehnts. Für 2025 werden folgende Werte erwartet: Slowenien 37.180 Dollar, Kroatien 26.960 Dollar und Serbien 15.320 Dollar. Im Jahr 2026 steigen die Werte auf 40.160 Dollar für Slowenien, 29.370 Dollar für Kroatien und 17.290 Dollar für Serbien. Bis 2030 prognostiziert der IWF einen weiteren Anstieg auf 47.680 Dollar für Slowenien, 35.300 Dollar für Kroatien und 23.630 Dollar für Serbien.
Gleichzeitig wird sich Serbien bis 2030 deutlich von den wirtschaftlich schwächeren Ländern der Region wie Bosnien und Herzegowina, Albanien, Nordmazedonien und Kosovo absetzen und eine klare Mittelposition zwischen den entwickelteren Volkswirtschaften und jenen mit niedrigerem Durchschnittseinkommen einnehmen.
Die IWF-Daten zeichnen somit ein differenziertes Bild zweier paralleler Entwicklungen: Einerseits wird Serbien zur größten Volkswirtschaft der Region aufsteigen, was ihm mehr Investitions- und politisches Gewicht verleiht.
Andererseits wird der Lebensstandard, gemessen am Pro-Kopf-BIP, weiterhin deutlich hinter Kroatien und Slowenien zurückbleiben, obwohl der Abstand zum Rest der Region zunimmt.