Von Schmerzmitteln bis Psychopharmaka – 440 Medikamente sind in Österreich derzeit knapp. Besonders Niederösterreich spürt die Auswirkungen der globalen Lieferkrise.
Laut Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen sind derzeit 440 Arzneimittel in Österreich nicht oder nur eingeschränkt erhältlich. Unter den betroffenen Präparaten befinden sich weitverbreitete Medikamente wie das ADHS-Mittel Ritalin, das Diabetesmedikament Metformin, das von Millionen Patienten benötigt wird, sowie Paracetamol als essenzielles Schmerz- und Fiebermittel für Kinder. Die Engpassliste umfasst zudem Epilepsie-Medikamente und Antidepressiva.
Die Hauptursachen für die Lieferprobleme liegen meist jenseits der österreichischen Grenzen. Die Produktion der meisten Wirkstoffe konzentriert sich auf große Industriekomplexe in China und Indien. Störungen in diesen Regionen – sei es durch Hafenprobleme oder Zollverzögerungen – führen unmittelbar zu Unterbrechungen in der Versorgungskette. „Wenn einem Gast im Lokal das Essen nicht schmeckt, beschwert er sich auch zuerst beim Kellner. Der Kellner kann aber gar nichts dafür, der kann den Gast auch nur zur Küche begleiten, wo der Koch gekocht hat. So ist das auch mit Apothekern, die gar nichts für den Medikamente-Notstand können. Wir sind selbst von Lieferproblemen betroffen“, so Muller.
Verschärft wird die Situation durch Österreichs Status als Niedrigpreisland für Medikamente im europäischen Vergleich. Parallelhändler kaufen Arzneimittel günstig ein und verkaufen sie in anderen EU-Ländern teurer, wodurch dem österreichischen Markt zusätzlich wichtige Präparate entzogen werden.
Regionale Auswirkungen
Bei einer detaillierten Betrachtung zeigt sich, dass Niederösterreich im bundesweiten Vergleich besonders stark betroffen wäre, sollte der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat nicht mehr verfügbar sein. Gemäß ÖGK-Abrechnungsdaten wurden im Jahr 2023 insgesamt 1.460 minderjährige Niederösterreicher mit ADHS mit diesem Wirkstoff behandelt. Die Versorgungsengpässe betreffen zudem schätzungsweise 80.000 Niederösterreicher, die auf Diabetes-Medikation angewiesen sind.
Etwa 150.000 Menschen in Niederösterreich verwenden regelmäßig Psychopharmaka, wobei jeder fünfte Antipsychotika wie Quetiapin einnimmt. Den größten Anteil unter den Psychopharmaka machen jedoch Antidepressiva und Stimmungsaufheller wie Escitalopram, Sertralin oder Venlafaxin aus.
Wiederkehrende Lieferengpässe treten insbesondere bei Antidepressiva wie Escitalopram und Venlafaxin auf. Quetiapin, eines der meistverordneten Antipsychotika in Österreich, ist momentan überwiegend erhältlich, kann jedoch bei einzelnen Packungsgrößen oder Generika knapp werden. Die Apothekerkammer weist darauf hin, dass Apotheken seit der Pandemie ihre Lagerbestände aufgestockt haben: „Für rezeptfreie Mittel gibt es schon lange eine Bevorratung, die auch seit der Pandemie in den meisten Apotheken größer geworden ist.“
Apotheker als Problemlöser
„Wenn Kunden sich bei der Apotheke beschweren, ist das nachvollziehbar – aber wir selbst wissen nicht, warum Medikamente fehlen oder wie lange der Engpass noch dauert. Die Apotheker warten gemeinsam mit den Patienten“, erklärt Wolfgang Muller, Sprecher der Österreichischen Apothekerkammer, im „Heute“-Gespräch. Den Apothekern gelingt es nach eigenen Angaben in über 95 Prozent aller Fälle, das Problem vorübergehend nicht lieferbarer Medikamente zu lösen.
Auf ihrer Website informiert die Apothekerkammer: „Die Apotheken tragen an diesem Mangelphänomen keine Schuld, es bedeutet für sie jedoch erheblichen Zusatzaufwand. Rund 15 Stunden pro Woche investiert jede Apotheke im Schnitt, um für jede/n betroffene/n Patient:in eine gleichwertige Lösung zu finden.“
Die Kammer führt weiter aus: „Im günstigsten Fall ist ein wirkstoffgleiches Generikum (Nachahmerprodukt) als Ersatz für das nicht lieferbare Fertigarzneimittel verfügbar. Aufwendiger ist es, ein Medikament aus einer anderen Apotheke oder dem Ausland zu organisieren. Und immer öfter müssen die Apotheker:innen auch ein Arzneimittel im apothekeneigenen Labor in Handarbeit patientenindividuell herstellen.“
Neue Vorsorgemaßnahmen
Die Bundesregierung hat als Antwort auf die anhaltende Versorgungskrise gehandelt: Die pharmazeutische Industrie ist künftig verpflichtet, rund 700 kritische Medikamente für den Bedarf von vier Monaten einzulagern. Diese Maßnahme betrifft insbesondere Schmerzmittel, Antibiotika und Präparate für chronische Erkrankungen und soll bereits zur nächsten Wintersaison wirksam werden.
Die EU warnt inzwischen vor einem historischen Höchststand bei Medikamenten-Engpässen. Der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreich (Pharmig) bemängelt, dass Österreich durch seine Niedrigpreis-Strategie Hersteller vertreibe. Der diesjährige Austrian Health Report beschreibt Medikamente als „Spielball zwischen Protektionismus und Patientenzugang“. Die Realität zeigt: Ob ADHS-Medikament Ritalin, das Diabetesmittel Metformin oder das Antipsychotikum Quetiapin – mit etwas Glück und erheblichem logistischem Aufwand sind die Präparate in einer der umliegenden Apotheken noch erhältlich.
Doch niemand kann vorhersagen, wann die nächste Versorgungslücke entsteht.