Eigentlich sollte es um Wirtschaft, EU-Integration und die Beziehungen zwischen Serbien und der Ukraine gehen. Doch eine einzige Frage sorgt nach Selenskyjs Besuch in Belgrad für heftige Diskussionen.
Der erste offizielle Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Serbien sollte vor allem ein diplomatisches Signal setzen. Bei den Gesprächen mit Präsident Aleksandar Vucic standen wirtschaftliche Zusammenarbeit, Energie, Infrastruktur, Handel und die europäische Integration beider Länder im Mittelpunkt. Doch von der gemeinsamen Pressekonferenz blieb in Teilen der Öffentlichkeit vor allem eine Frage des deutschen Journalisten Michael Martens hängen.
Der langjährige Balkan-Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) wandte sich während der Pressekonferenz direkt an Selenskyj und fragte: „Was können wir Europäer tun, um Ihnen zu helfen, mehr Russen – natürlich russische Soldaten – zu töten?“ Die drastische Formulierung löste unmittelbar Reaktionen aus und wurde anschließend insbesondere von russischen Medien aufgegriffen.
Vucic reagiert irritiert
Obwohl die Frage an Selenskyj gerichtet war, reagierte auch Vucic darauf. Der serbische Präsident stellte klar, dass bei den Gesprächen nicht über eine militärische Zusammenarbeit zwischen Serbien und der Ukraine gesprochen worden sei. Mit Blick auf Martens‘ Formulierung erklärte er lediglich: „Ich hoffe, dass das Töten aufhört.“
Selenskyj ging anschließend auf die eigentliche Frage nach weiterer europäischer Unterstützung ein. Der ukrainische Präsident erklärte, sein Land benötige mehr Hilfe und insbesondere zusätzliche finanzielle Mittel, um seinen Verteidigungskampf fortsetzen zu können. Eine Forderung nach dem „Töten von mehr Russen“ formulierte Selenskyj selbst nicht.
Journalist verteidigt seine Frage
Die Diskussion war damit allerdings nicht beendet. Vor allem russische Medien griffen die Aussage des deutschen Journalisten auf und bezeichneten sie als skandalös. Martens verteidigte seine Frage anschließend öffentlich. Nach seiner Darstellung sei es angesichts eines Krieges legitim, danach zu fragen, wie Europa der Ukraine helfen könne, die russischen Streitkräfte militärisch zu schwächen.
Martens zeigte sich zugleich überrascht über die heftigen Reaktionen. Inhaltlich hielt er an seiner Position fest und argumentierte, dass Kriege zwangsläufig militärische Verluste bedeuteten und Russland erst dann zu ernsthaften Verhandlungen gezwungen werden könne, wenn die Kosten des Krieges entsprechend hoch seien. Die Debatte verlagerte den öffentlichen Fokus damit zumindest zeitweise weg von den eigentlichen Ergebnissen des Besuchs hin zur Wortwahl des Journalisten.
Keine militärische Kooperation vereinbart
Dabei brachte Selenskyjs Besuch politisch durchaus bemerkenswerte Signale. Vucic bekräftigte erneut Serbiens Unterstützung für die territoriale Integrität und Unabhängigkeit der Ukraine. Gleichzeitig bleibt Belgrads Haltung gegenüber Russland weitgehend unverändert: Serbien hat sich den westlichen Sanktionen gegen Moskau weiterhin nicht angeschlossen.
Auch beim Kosovo blieb es bei den bekannten Positionen. Die Ukraine erkennt dessen Unabhängigkeit weiterhin nicht an. Für Belgrad ist diese Haltung Kiews außenpolitisch von erheblicher Bedeutung, während Serbien seinerseits die territorialen Ansprüche der Ukraine innerhalb ihrer international anerkannten Grenzen unterstützt.
Handel und Infrastruktur im Mittelpunkt
Konkreter wurde es vor allem auf wirtschaftlicher Ebene. Beide Seiten wollen ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Infrastruktur, Energie, Verkehr, Landwirtschaft und Handel ausbauen. Besprochen wurden unter anderem Bahn- und Hafenverbindungen sowie eine stärkere Nutzung des Donaukorridors zwischen der Ukraine, Serbien und der Europäischen Union.
Vertreter beider Länder unterzeichneten zudem ein Memorandum zur Zusammenarbeit in den Bereichen Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit. Darüber hinaus sollen die Arbeiten an einem Freihandelsabkommen beschleunigt werden. Belgrad und Kiew wollen nach Möglichkeit noch bis Ende 2026 die Voraussetzungen für einen Abschluss schaffen.
Auch eine Beteiligung Serbiens am späteren Wiederaufbau der Ukraine wurde thematisiert. Dabei könnten insbesondere serbische Bau-, Infrastruktur- und Logistikunternehmen eine Rolle spielen. Die Donau gilt dabei als potenziell wichtige Verkehrsachse für Waren und Baumaterialien.
Politisches Signal aus Belgrad
Selenskyjs Besuch zeigt damit einmal mehr die besondere außenpolitische Position Serbiens. Das Land pflegt traditionell enge Beziehungen zu Russland und lehnt Sanktionen gegen Moskau ab, hält gleichzeitig aber an seinem EU-Kurs fest und baut die Beziehungen zur Ukraine aus. Eine militärische Annäherung wurde in Belgrad nicht vereinbart – wirtschaftlich und diplomatisch sollen die Kontakte dagegen deutlich intensiviert werden.
Doch während diese Botschaften langfristig politisch bedeutsamer sein dürften, sorgte unmittelbar nach dem Treffen vor allem die drastisch formulierte Frage des deutschen Journalisten für Schlagzeilen. Aus einem Besuch, bei dem eigentlich Handel, Infrastruktur und europäische Integration im Mittelpunkt standen, wurde damit auch eine Debatte über Sprache, Krieg und die Grenzen journalistischer Zuspitzung.