Seit zwölf Jahren sucht Senada Selimovic unermüdlich nach ihrer Tochter Sabina. Die mutige Mutter reiste nach Syrien, in den Irak und in die Türkei – immer in der Hoffnung, ihre Tochter nach zurückzubringen, wo deren zwei kleine Söhne auf sie warten.
Sabina war erst 15 Jahre alt, als sie am 10. April 2014 gemeinsam mit ihrer Freundin S.K. (16) von Wien in die Türkei und von dort weiter nach Syrien reiste. Vom Flughafen Schwechat aus begaben sich die zwei Teenagerinnen ohne Wissen ihrer Eltern auf eine weite und gefährliche Reise. An der Grenzkontrolle wurden sie nicht aufgehalten, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben gewesen wäre.
Damals reisten zahlreiche junge Mädchen in das vom Krieg erschütterte Syrien – nicht nur aus Österreich, sondern auch aus anderen europäischen Ländern, darunter auch aus der Westbalkan-Region. Einige von ihnen konnten zurückkehren. Sabina Selimović jedoch nicht. Ihre Mutter Senada gibt die Suche dennoch nicht auf. Über die Jahre hat sie ein weitreichendes Netzwerk an Kontakten aufgebaut, von denen sie immer wieder Informationen über ihr Kind erhält – Informationen, die ihre Hoffnung auf ein glückliches Ende am Leben halten.
KOSMO veröffentlichte bereits Ende 2021 erstmals ein Interview mit Senada Selimović. Für jene Leserinnen und Leser, die sich daran nicht erinnern, blicken wir noch einmal kurz auf den Beginn der Leidensgeschichte der Familie Selimović zurück.
KOSMO: War Sabina zu Hause oder in der Schule problematisch?
Senada Selimović: Sabina war eine gute Schülerin und ein anständiges Mädchen. Sie besuchte das Gymnasium und war vor ihrer Abreise nach Syrien bereits an der HAK aufgenommen worden. Wir hatten wirklich keine Probleme mit ihr. Während ich bei der Arbeit war und sie in der Schule, schrieben wir einander mehrmals täglich Nachrichten. Ich wusste alles, was bei ihr passierte. Ich wusste nur nichts von ihrer letzten Entscheidung – jener Entscheidung, mit der sie ihr eigenes Leben, aber auch das Leben unserer ganzen Familie zerstört hat.
War Ihre Familie damals sehr religiös? Und wo hat Sabina Ihrer Meinung nach diese radikale Haltung zur Religion entwickelt?
Unsere Familie respektiert selbstverständlich den eigenen Glauben, aber auch andere Religionen. Wir gehören jedoch nicht zu extrem religiösen Menschen, und wir sind auch keine Nationalisten. Vor langer Zeit sind wir aus Bosnien und Herzegowina nach Wien gezogen, wo unsere Kinder geboren wurden. Die Kinder und ich haben die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen, während ihr Vater die bosnisch-herzegowinische Staatsbürgerschaft behalten hat. Wir alle lebten im Einklang mit den Werten dieses Landes.
Glauben Sie mir: Ich weiß bis heute nicht, wo Sabina diese Ideen aufgeschnappt hat oder wer sie dazu überredet hat, nach Syrien zu gehen. Sie hatte Freundinnen in der Schule und ging manchmal am Wochenende in eine bosnische Moschee im 10. Bezirk. Das war nicht regelmäßig, und dort konnte sie auch keine extremistischen Lehren gehört haben. Sabina war bis zum letzten Tag dieselbe. Wir Eltern haben keinerlei Veränderung an ihr bemerkt.

„Von Sabinas letzten Entscheidung, mit der sie ihr eigenes Leben und das Leben unserer ganzen Familie zerstörte, wusste ich nichts“, sagt Senada.
Wie sah ihr letzter Tag in Wien aus?
Ich war bei der Arbeit, aber wir hörten voneinander, bevor sie zur Schule gehen sollte. Ich fragte sie, was sie angezogen hatte. Als sie mir sagte, dass sie einen Blazer genommen hatte, schlug ich ihr vor, einen Pullover anzuziehen, weil es noch kühl war. Sie hörte auf mich und ging – wie ich glaubte – zur Schule. Leider ist sie dort nie angekommen. Niemand aus der Schule kontaktierte mich deswegen, obwohl das üblich gewesen wäre. Als sie nicht nach Hause kam und auch nicht ans Telefon ging, gingen wir sofort am Nachmittag und dann noch einmal am Abend zur Polizei. Leider wurden wir erst am nächsten Abend von der Polizei zum Flughafen Schwechat geschickt. Dort erhielten wir die Information, dass sie am Vortag gemeinsam mit einem weiteren Mädchen nach Istanbul und danach in Richtung Adana nahe der syrischen Grenze geflogen war.
Ich weiß nicht, wie lange sie in der Türkei geblieben ist, aber sie meldete sich einige Male von ihrer österreichischen Nummer. Meistens schrieben wir einander, ein paar Mal telefonierten wir auch. Sie wollte mir nicht sagen, wo genau sie war – als würde jemand neben ihr das Gespräch mithören. Ich meldete all das ordnungsgemäß der Polizei, aber in Adana wurde keine Suche nach ihr eingeleitet. Ich ging zum Jugendamt und zu einer Institution, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Dort sagten mir alle, dass Sabina Österreich ohne elterliche Zustimmung nicht hätte verlassen dürfen und dass die zuständigen Stellen verpflichtet seien, sie zurückzubringen.
Hat jemand Verantwortung für Sabinas Ausreise übernommen? Und wie haben Sie gesucht?
Das weiß ich nicht genau, aber ich nehme an, dass jemand einvernommen wurde. Ich fragte, ob meine Tochter an der Grenze vielleicht eine gefälschte elterliche Zustimmung vorgelegt habe, aber ich bekam keine Antwort. Später erfuhr ich von der Polizei, dass sie in Syrien sei. Das bedeutet, dass Informationen vorhanden waren. Etwa zwei Monate nach ihrer Abreise gelangte ich zum ersten Mal bis an die syrische Grenze. Ich wollte sie um jeden Preis herausholen. Ich dachte weder an meine eigene Sicherheit, noch waren mir diese unmenschlichen Anstrengungen zu schwer. Leider gelang es mir nicht – obwohl ich bisher viermal in Syrien war, ich weiß nicht mehr wie oft im Irak und sicher rund zwanzigmal in der Türkei.
Welche Informationen erreichten Sie über Sabina?
Manchmal erhielt ich Nachrichten von ihr. So wusste ich, dass sie zwei Söhne hatte und sich auf dem Gebiet des sogenannten Islamischen Staates befand, wo täglich Kämpfe stattfanden. Sie lebte in einem Haus mit anderen Frauen. Wenn es besonders gefährlich wurde, flohen sie alle von Ort zu Ort und suchten einen Ausweg aus der Hölle in Richtung irakischer Grenze. Sabina meldete sich zuletzt am 10. März 2019 aus einem Dorf, das die letzte Hochburg des ISIL war. Die Frauen mit Kindern machten sich am 13. März auf die Flucht in Richtung der Kurden. Auf diesem Weg wurde Sabina am Oberarm verletzt. Freundinnen trugen und zogen sie mit sich.
Dann fielen sie in einen Graben, in dem sie von Erde verschüttet wurden. Nur mit Mühe konnten sie die Kinder an die Luft bringen. Da sie nicht mehr gehen konnte, flehte meine Tochter die Frauen an, wenigstens ihre Söhne zu retten. Sie gab ihnen auch meine Telefonnummer. Von all dem wusste ich nichts – bis zum Morgen des 4. April, als mir eine Frau aus Wien, deren Schwiegertochter im Camp war, eine Nachricht schickte, dass mein Kind ums Leben gekommen sei. In diesen schrecklichen Tagen waren wir, die Kinder dort hatten, miteinander vernetzt. Wir teilten jede Nachricht, die uns erreichte. Damals fand ich Sabinas Freundinnen, die aus Deutschland nach Syrien gegangen waren und sich in einem kurdischen Camp befanden. Auch sie bestätigten mir, dass meine Tochter gestorben sei – obwohl sie sie nicht tot gesehen hatten. Sie erzählten mir, dass ihre Kinder einer Syrerin im Camp zur Betreuung übergeben worden seien. Mit dieser Frau konnte ich Kontakt aufnehmen.

Das sind die einzigen Bilder, die Sabina ihrer Mutter aus Syrien schickte.
Eine Ihrer Reisen nach Syrien war besonders traumatisch …
Ich fuhr im April 2019 mit Journalisten aus Wien nach Syrien, weil ich Sabinas Kinder finden wollte. Die Suche führte mich zu einem Camp, das von den Kurden kontrolliert wurde. Ich ging gemeinsam mit einer Polizistin hinein. Am Eingang hing ein großes Tuch mit dem UNICEF-Logo. In diesem Durcheinander gelangte ich in das dortige Krankenhaus – und dort sah ich meine Tochter. Ich werde den Moment nie vergessen, in dem sich unsere Blicke trafen. Sie gab mir Zeichen mit den Augen und Händen, sagte aber nichts, weil sie offenbar nicht durfte.
Der Polizistin, die mir sagte, ich müsse das Camp sofort verlassen, sagte ich, dass ich meine Tochter gesehen hatte – jene Tochter, von der man mir behauptet hatte, sie sei tot. Am nächsten Tag konnte ich nicht ins Camp zurück, weil Freitag war. Aber ich ging wieder an denselben Ort, um Sabinas Kinder zu sehen. Bei dieser Gelegenheit teilte ich einem kurdischen Funktionär mit, dass ich meine Tochter gesehen hatte. Das bestätigte auch die Polizistin, die im Computer den Namen Sabina Selimović fand. Ich zeigte ihr außerdem ein Foto, und sie bestätigte erneut, dass mein Kind im kurdischen Krankenhaus sei. Sie sagte mir sogar, dass man mich hineinlassen würde, wenn ich eine schriftliche Genehmigung der zuständigen Stellen bekäme. Leider wurde mir am nächsten Tag ohne Begründung befohlen, Syrien sofort zu verlassen. Jemand hatte offenbar kein Interesse daran, dass ich meine Sabina noch einmal sehe. Eine Zeit lang wartete ich im Irak, aber ohne Ergebnis. Dann kehrte ich nach Wien zurück, um auf ihre Kinder zu warten.
Ihr großer Erfolg war, Sabinas kleine Söhne nach Wien zu bringen. Wie lief das ab?
Dank des österreichischen Staates kamen sie am 2. Oktober 2019 nach Wien. Ich möchte betonen, dass bei mir in Wien ein DNA-Test durchgeführt wurde, ebenso bei den Kindern in Syrien. Damit stand mit Sicherheit fest, dass sie meine Enkelkinder sind. Der ältere war dreieinhalb Jahre alt, der jüngere zwei. Sie konnten nur Arabisch. Sofort begannen wir mit Deutsch und Bosnisch. Danach kamen sie in den Kindergarten, und heute gehen beide zur Schule und sind sehr gute Jungen. Sie sprechen oft über ihre Mutter. Ich zeige ihnen ihre Fotos, damit sie sie nicht ganz vergessen. Mir zerreißt es jeden Abend das Herz, wenn beide vor dem Schlafengehen sagen: „Bitte, Gott, hilf unserer Mama!“
Betrug
Warum haben Sie beschlossen, bei der Suche nach Sabina Hilfe in Bosnien und Herzegowina zu suchen?
Ich habe in diesen zwölf Jahren keinen einzigen Moment meine Tochter aufgegeben. Da die Kinder und ich die österreichische Staatsbürgerschaft haben und ihr Vater Staatsbürger von Bosnien und Herzegowina ist, nahmen wir ein Hilfsangebot aus Sarajevo an. Es handelte sich um zwei Männer aus dem Ministerium für Vertriebene, von denen einer ein Kindheitsfreund von Sabinas Vater war. Der Name ist der Redaktion bekannt. Niemand von uns hätte sich im Traum vorstellen können, dass es sich um einen geplanten Betrug handeln könnte.
Sie sagten mir, ihre Suche sei legitim, weil Sabina bei ihrer Geburt die Staatsbürgerschaft von Bosnien und Herzegowina erhalten habe. Das erschien mir logisch. Mit ihren Lügen stahlen sie uns drei Jahre und 29.000 Euro, die sie in Teilbeträgen verlangten. Sie behaupteten, sie würden nach Syrien reisen und es sei nur eine Frage von Tagen, bis Sabina nach Bosnien und Herzegowina komme. Dann teilten sie uns mit, sie sei angekommen. Wir waren überglücklich und geduldig, als sie uns sagten, Sabina müsse 45 Tage isoliert in Behandlung verbringen. Danach verlängerten sie diese Frist noch zweimal.
Am Ende teilten sie uns mit, wir sollten uns schön herrichten und nach Bosnien und Herzegowina zum endgültigen Treffen mit Sabina kommen. Wir gingen also alle in ein exklusives Restaurant, wie vereinbart. Doch die „Freunde und Retter“ erschienen nicht. In diesem Moment begriff meine Familie endgültig, dass wir Opfer gewissenloser Betrüger geworden waren, die unseren Schmerz in eine illegale Einnahmequelle verwandelt hatten. Da ich alle Zahlungsbelege für das Geld habe, das wir gegeben haben, ebenso wie Audioaufnahmen von Gesprächen mit einem der Betrüger, haben wir den Fall der Polizei übergeben. Wir haben in Bosnien und Herzegowina einen Anwalt. Nun werden wir sehen, ob es in diesem Staat Recht und Gerechtigkeit gibt.
Österreichische Institutionen
Haben Sie in all den vergangenen Jahren mit österreichischen Institutionen kommuniziert?
Natürlich habe ich das. Das waren immer meine ersten und wichtigsten Anlaufstellen, weil wir österreichische Staatsbürger sind. Ich betone, dass ich diesem Staat dankbar bin, dass er mir Sabinas Kinder gebracht hat. Aber ich bin der Meinung, dass man sich um ihre Rückkehr nicht genug bemüht hat. Zuerst behauptete man mir gegenüber, meine Tochter sei tot. Heute erwähnt das niemand mehr. Es gab Aussagen, Österreich habe keine Kommunikation mit den Kurden und ihren Institutionen. Als ich aber dort war, wurde mir gesagt, dass das nicht stimme.
Man zeigte mir sogar Bilder mit einigen österreichischen Funktionären und sagte, Sabina werde zurückgebracht, wenn die Österreicher das verlangen. Ich wandte mich persönlich und schriftlich an verschiedene Stellen. In letzter Zeit schrieb ich an den österreichischen Bundespräsidenten, an das Innenministerium sowie an das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten. Ich lege Ihnen deren Antworten vor, in denen nicht einmal ein Funken Optimismus zu erkennen ist.
Wann haben Sie die letzten Informationen über Sabina erhalten?
Im Jänner dieses Jahres erhielt ich ein Video, auf dem ich meine Tochter erkannte. Außerdem ist deutlich eine Frauenstimme zu hören, die sie mit ihrem Namen anspricht. Mir wurde gesagt, das Video sei entstanden, als die Türken bei den Kurden eingedrungen seien und alle Frauen in Bagdad seien. Ich leitete das Video sofort an alle Stellen weiter, die das interessieren müsste – die irakische Botschaft in Wien, das Rote Kreuz und andere Organisationen um Hilfe – aber alles war vergeblich. Ich wiederhole ständig, dass meine Tochter unschuldig ist. Sie wurde mit 15 Jahren angeworben und geopfert. Ich bitte alle, die helfen können, mir mein Kind zurückzubringen.
Wenn es sein muss, soll sie in Österreich ins Gefängnis gehen. Aber hier wäre sie sicher, und eines Tages würde sie wieder freikommen. Ihre Kinder wüssten, dass ihre Mama eines Tages kommt. Im vergangenen Jahr brachte der österreichische Staat zwei Frauen und ihre drei Kinder zurück. Das bedeutet, dass manchen Menschen doch geholfen wird. Frauen wurden nach Deutschland, nach Nordmazedonien und nach Bosnien und Herzegowina zurückgebracht – aber meine Tochter fehlt. Wissen Sie, ich schlafe seit zwölf Jahren nicht normal. Wenn ich Essen auf den Tisch stelle, ist mein erster Gedanke: Hat meine Sabina etwas zu essen? Meine Gesundheit ist schwer beeinträchtigt. Und dann kommt die Angst um Sabinas Kinder: Was wird aus ihnen, wenn mir etwas passiert? Meine Familie wurde vergessen – und das ist ungerecht!
Reisen Sie weiterhin nach Syrien und in den Irak?
Seit drei Jahren war ich nicht mehr dort. Ich kann diese körperlichen und psychischen Belastungen nicht mehr aushalten. Ich kann auch meine Enkel nicht allein lassen, weil ich viele Verpflichtungen rund um sie habe. Außerdem haben wir kein Geld mehr, weil uns die Betrüger aus Bosnien und Herzegowina 29.000 Euro gestohlen haben. Abgesehen von dieser Summe haben uns all die Reisen sehr viel Geld gekostet. Aber wir haben es nicht bereut, weil wir hofften, Sabina nach Hause zurückzubringen.
Kleine Jungen warten auf ihre Mama
I. (10): „Ich beende jetzt die vierte Klasse und gehe gerne in die Schule. Ich habe dort viele Freunde. Ich lebe bei meiner Oma, und sie ist sehr gut zu uns. Sie kümmert sich um meinen Bruder und mich. Wir haben alles, was wir brauchen – aber wir haben keine Mama. Ich weiß nicht, warum unsere Mama in Syrien ist und wir in Österreich. Ich habe ihre Stimme vergessen. Wir haben nur Fotos, die uns Oma zeigt.“
M. (8): „Ich beende die zweite Klasse und bin sehr gut in der Schule. Meine Mama fehlt mir. Alle Kinder in der Schule haben Mamas, nur mein Bruder und ich nicht. Mein größter Wunsch ist, dass unsere Mama zurückkommt, dass wir sie fest umarmen und ihr sagen, dass wir sie lieben. Ich glaube, dass sie kommen wird und dass wir alle glücklich sein werden.“

Mysteriöser Österreicher
In der Gruppe aus Österreich, die 2019 in Syrien war und zu der auch Senada Selimović gehörte, befand sich ein Forscher aus Österreich. Der Name ist der Redaktion bekannt. Er beschäftigt sich intensiv mit den Kurden und setzt sich für deren Rechte und Kultur ein. Als Sabinas Mutter ihre Tochter im kurdischen Krankenhaus erkannte, teilte ihr dieser Österreicher am nächsten Tag mit, dass sie das Gebiet Syriens sofort verlassen müsse. Einige Tage später sagte er ihr außerdem, sie solle aus dem Irak, wo sie auf eine erneute Einreise nach Syrien wartete, nach Österreich zurückkehren und dort die Ankunft von Sabinas Söhnen erwarten. Das Magazin KOSMO schickte dem betreffenden Herrn Fragen mit der Bitte, die damalige Situation und seine Rolle darin zu erklären. Leider erhielten wir keine Antworten. Nach Angaben von Frau Selimović sind die zuständigen Stellen in Österreich sowie ihre Anwältin über diesen Fall informiert.
Das sagt die Anwältin
Bei der Aufklärung des Falls Sabine Selimović half uns eine bekannte Wiener Anwältin, die bereits Erfahrung mit ähnlichen Familiendramen hat. Auf ihren Wunsch nennen wir ihren Namen nicht.
KOSMO: Können Mädchen, die als Minderjährige nach Syrien gegangen sind, nach ihrer Rückkehr im Gefängnis landen?
Anwältin: Grundsätzlich wird gegen alle Personen, die damals ausgereist sind, in Österreich ermittelt – zumindest wegen strafbarer Handlungen nach §§ 278a und 278b Absatz 2 des Strafgesetzbuches. Die Strafmündigkeit beginnt mit Vollendung des 14. Lebensjahres. Daher wird gegen Mädchen, sofern sie älter als 14 waren – und nach meinem Wissen waren sie das –, ermittelt. Theoretisch könnten sie auch in Untersuchungshaft genommen werden.
Senada Selimović behauptet, dass ihre Tochter lebt, und hat dafür bestimmte Beweise vorgelegt. Wer müsste offiziell nach ihr suchen?
Für österreichische Staatsbürger, die sich im Ausland befinden, ist das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, also das BMEIA, zuständig. Ich habe mit diesem Ministerium Kontakt aufgenommen, und es führt derzeit bestimmte Überprüfungen und Erhebungen durch.
Ist der österreichische Staat dafür verantwortlich, dass ein 15-jähriges Mädchen Österreich ohne Zustimmung der Eltern verlassen konnte? Gibt es eine Grundlage für eine Klage?
Nein. Wegen Sabinas Ausreise im Alter von 15 Jahren kann der Staat nicht verantwortlich gemacht werden. Ein erfolgreiches Verfahren gegen den Staat wäre deshalb nicht möglich.
Die Antworten, die Frau Selimović von mehreren politischen Stellen in Österreich erhalten hat, geben wenig Anlass zu Optimismus. Wie sehen Sie das?
Die Situation ist schwierig, weil es seit Jahren keine verlässlichen Informationen und kein bestätigtes Lebenszeichen von Sabina gibt. Zudem ist die politische Lage in Syrien und im Irak sehr instabil. Darüber hinaus ist es dort schwer, an zuverlässige Informationen zu gelangen. Das ist schwer zu akzeptieren, aber leider die Realität.
Ihre bisherigen Erfahrungen in ähnlichen Fällen waren positiv. Kann man auch im Fall Sabina Selimović auf einen guten Ausgang hoffen?
Wenn Sabina gefunden wird und sich nicht im Ausland in Haft befindet, halte ich die Chancen für gut, dass sie zurückgebracht wird. Zuerst muss sie jedoch gefunden werden.
Ich möchte aber anmerken, dass es sehr ungewöhnlich ist, dass sie sich – falls sie noch lebt – weder bei ihrer Mutter noch bei jemand anderem gemeldet hat.

Die Schreiben des österr. Bundespräsidenten, des Innenministeriums sowie des
Ministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten lassen
keinen Funken Optimismus erkennen.
Zur Erinnerung
Vor drei Jahren veröffentlichte das Magazin KOSMO ein Gespräch mit einer Mutter aus unserer Region, deren minderjährige Tochter sich auf eine Flucht nach Syrien vorbereitete. Das Mädchen war unter dem Einfluss eines Umfelds, in das sie in der Schule geraten war, zunächst in eine Wiener Moschee gegangen und dann vom christlichen Glauben zum Islam übergetreten. Die Eltern waren machtlos, weil ihnen offiziell mitgeteilt wurde, dass ihre Tochter, da sie etwas älter als 14 Jahre war, laut Gesetz das Recht habe, Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen.
Das führte zu jenem Moment, in dem die verängstigte Mutter eines Tages das Zimmer ihrer Tochter betrat und begann, ihre Sachen zu durchsuchen. Zwischen den Schulbüchern fand sie Dokumente, darunter eine gefälschte elterliche Zustimmung für eine Reise nach Syrien. Laut diesen Unterlagen war die Reise zwei Tage nach der erschütternden Entdeckung geplant. Die Eltern riefen die Polizei, die sofort reagierte. Bei dem Mädchen löste das eine sehr heftige Reaktion aus. Leider wurde die Familie noch lange nach der Aufdeckung des Falls von Personen bedroht, die das Mädchen manipuliert hatten. Es war ein schwerer Kampf. Heute hat die mittlerweile erwachsene junge Frau dieses Trauma glücklicherweise überwunden, und in die Familie ist wieder Frieden eingekehrt.
Wichtige Daten
Nach Angaben des österreichischen Innenministeriums wurden bis 2021 rund 280 Personen aus Österreich registriert, die nach Syrien oder in den Irak gereist sind oder versucht haben, dorthin zu reisen, um sich dschihadistischen Gruppen anzuschließen – vor allem dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Unter ihnen waren 221 Männer und 59 Frauen. Offizielle Daten zeigen, dass von allen österreichischen Staatsbürgern, Personen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen, die in Österreich gelebt hatten, 87 aus den Kriegsgebieten zurückkehrten. 44 Personen kamen ums Leben, und 50 Ausreiseversuche wurden verhindert. Die Rechnung ist klar: 99 Personen sind in der Statistik des Innenministeriums und der Sicherheitsbehörden nicht erfasst. Das legt den Schluss nahe, dass sie in Syrien oder im Irak geblieben sind. Dieselben Quellen aus dem Jahr 2021 führen an, dass sich unter den 44 ums Leben gekommenen Personen keine Frauen befanden.
Ist das eine inoffizielle Bestätigung dafür, dass Sabina Selimović noch lebt – wie ihre Mutter behauptet?
Nationale Zusammensetzung
Nach österreichischen Sicherheitsberichten gibt es keine vollständigen öffentlich zugänglichen Daten über die nationale Herkunft aller 280 Personen, die nach Syrien und in den Irak ausgereist sind oder auszureisen versuchten. Bekannt sind jedoch einige wichtige Fakten: Rund 40 Prozent aller registrierten Personen stammten aus Familien mit Herkunft aus dem Nordkaukasus, vor allem Tschetschenen und andere Gruppen aus der Russischen Föderation. Unter den übrigen befanden sich Menschen mit Herkunft aus der Türkei, vom Balkan, aus dem Nahen Osten sowie österreichische Staatsbürger ohne Migrationshintergrund.
Bei Personen mit Herkunft aus dem ehemaligen Jugoslawien schätzen Forscher, dass sie einen bedeutenden, aber minderheitlichen Teil der Gesamtzahl aus Österreich ausmachten. Die meisten von ihnen stammten aus Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, dem Sandžak und dem Kosovo. Die meisten Ausreisenden waren sehr jung, meist zwischen 15 und 30 Jahre alt. Männer reisten vor allem als Kämpfer aus, während Frauen häufig wegen Eheschließungen mit IS-Angehörigen oder für ein Leben auf dem von dieser Organisation kontrollierten Gebiet ausreisten.
Verurteilung wegen Extremismus
Im Zuge von Ermittlungen und Gerichtsverfahren wurden mehrere Personen und Netzwerke identifiziert, die an der Radikalisierung und Rekrutierung junger Menschen für die Ausreise nach Syrien beteiligt waren. Der bekannteste Fall war der Prediger Mirsad Omerović, bekannt unter seinem religiösen Namen Ebu Tejma. Er wurde 2016 wegen der Rekrutierung junger Menschen für den Islamischen Staat (IS) zu 20 Jahren Haft verurteilt. Wichtig ist zu betonen, dass die österreichischen Behörden nie behauptet haben, religiöse Gemeinschaften als Ganzes seien in die Rekrutierung involviert gewesen.
Die Ermittlungen richteten sich gegen bestimmte Einzelpersonen und extremistische Netzwerke – nicht gegen Musliminnen und Muslime in Österreich insgesamt.