Für Dodik steht die politische Rückendeckung aus Belgrad auf dem Spiel, für Kroatien ein wichtiges Ölgeschäft und für Österreich milliardenschwere Investitionen. Serbiens Wahlausgang verändert die Beziehungen zu den Nachbarn – doch persönliche Machtverluste und nationale Interessen sind dabei zwei verschiedene Dinge.
Milorad Dodik wartete nicht lange. Noch am Wahlabend gratulierte der SNSD-Chef der serbischen Studentenliste und dankte Aleksandar Vučić für die jahrelange Unterstützung. Serbien und die Republika Srpska würden weiterhin gemeinsam vorangehen, erklärte er. Die Zusammenarbeit mit Vučić beschrieb Dodik als mehr als ein politisches Bündnis: Sie habe auf gemeinsamen Interessen und einem gemeinsamen Schicksal beruht.
Gerade deshalb ist der Ausgang der serbischen Parlamentswahl vom 25. Oktober für ihn so bedeutsam. Vučić hat die Niederlage seines Lagers eingeräumt. Das endgültige Ergebnis und die Bildung einer neuen Regierung stehen noch aus. Ob Dodiks bisheriger Zugang zum serbischen Machtzentrum unter neuen politischen Vorzeichen denselben Wert behält, ist offen.
Für Österreich und Kroatien stellt sich eine andere Frage: Wie lassen sich wirtschaftliche Verbindungen absichern, während sich Belgrad politisch neu ordnet? Ihre Interessen reichen von bestehenden Betrieben und Arbeitsplätzen bis zur Energieversorgung. Gute Beziehungen zu Serbien bleiben wichtig – unabhängig davon, wer dort regiert.
Dodiks Rückhalt
Wie eng sich die politischen Interessen zuletzt berührten, zeigte sich unmittelbar vor der serbischen Wahl. In der Republika Srpska untersagte die Polizei zwei Solidaritätsveranstaltungen für die serbische Studentenbewegung. Die Behörden nannten Sicherheitsbedenken; die Organisatoren warfen ihnen politische Motive vor.
Nun steht die Bewegung, deren Unterstützer in der RS nicht demonstrieren durften, vor der Übernahme von Regierungsverantwortung in Belgrad. Dodiks schnelle Gratulation hält den Gesprächskanal offen. Sie beantwortet aber noch nicht, wie die neue Führung mit ihm zusammenarbeiten wird.
Für Dodik wäre bereits eine breitere Kontaktpolitik Belgrads eine relevante Veränderung. Würde die neue Regierung oppositionelle Bürgermeister, andere Parteien und unabhängige Organisationen regelmäßig einbeziehen, entstünden zusätzliche Zugänge nach Serbien. Die SNSD könnte die Verbindung zu Belgrad dann weniger selbstverständlich als besonderen politischen Vorteil darstellen.
Eine solche Öffnung ist bisher keine nachgewiesene Entscheidung der Wahlsieger. Sie ist jedoch ein konkreter Maßstab dafür, ob sich das Verhältnis tatsächlich verändert: Wer wird empfangen, wer wird an Gesprächen beteiligt und über welche Institutionen läuft die Zusammenarbeit?
Eigene Machtbasis
Dodik bleibt dabei ein eigenständiger Machtfaktor. Trotz seines Ausschlusses von öffentlichen Ämtern verfügt er als SNSD-Chef weiterhin über erheblichen politischen Einfluss. Seine Stellung hängt nicht allein von Vučić ab.
Erst am 12. Oktober bestätigten Dodik und HDZ-BiH-Chef Dragan Čović ihre weitere Zusammenarbeit und ihren gemeinsamen Anspruch, die Regierungsbildung in Bosnien-Herzegowina maßgeblich zu bestimmen. Dieses Bündnis wird durch die Wahl in Serbien nicht aufgehoben. Auch die parlamentarischen Kräfteverhältnisse in Bosnien verändern sich dadurch nicht.
Čović lässt sich deshalb nicht als unmittelbarer Verlierer des serbischen Wahlausgangs bezeichnen. Ebenso wenig erhält die Opposition in der Republika Srpska dadurch zusätzliche Mandate. Sie gewinnt zunächst ein politisches Beispiel: Eine breit getragene Bewegung kann eine lange dominierende Regierungspartei an der Wahlurne besiegen.
Weniger Rückendeckung aus Belgrad würde zudem nicht zwangsläufig zu einem gemäßigteren Dodik führen. Denkbar wäre auch, dass er seine politische Eigenständigkeit stärker betont oder Konflikte zur Mobilisierung nutzt. Welche Richtung er einschlägt, hängt auch davon ab, welche Unterstützung er künftig innerhalb und außerhalb Bosniens sichern kann.
Interessen der RS
Für die Menschen in der Republika Srpska, einer der beiden Entitäten Bosnien-Herzegowinas, muss eine Veränderung im Verhältnis zwischen Dodik und Belgrad kein Nachteil sein. Familiäre, kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen zu Serbien bestehen unabhängig von einzelnen Parteichefs.
Auch die institutionelle Zusammenarbeit reicht über persönliche Kontakte hinaus. Im Juni 2024 verabschiedeten die Regierungen Serbiens und der Republika Srpska gemeinsam eine Erklärung über nationale und politische Rechte sowie die gemeinsame Zukunft des serbischen Volkes. Die politische Erklärung bleibt ein Bezugspunkt; sie garantiert allerdings weder unveränderte Finanzierungen noch die Fortsetzung jedes einzelnen Projekts.
Entscheidend wird sein, ob Belgrad die Zusammenarbeit mit der RS künftig stärker von der Unterstützung ihrer jeweiligen politischen Führung trennt. Enge Beziehungen zur Bevölkerung und zu den Institutionen wären auch dann möglich, wenn die serbische Regierung einzelne Entscheidungen der SNSD ablehnt.
Für Bosnien-Herzegowina könnte darin eine Chance auf Entspannung liegen. Eine serbische Führung, die bei Konflikten auf Verständigung mit den gesamtstaatlichen Institutionen drängt, würde die politischen Bedingungen verändern. Funktionierende Gerichte, arbeitsfähige Regierungen und tragfähige Kompromisse müssen die Parteien in Bosnien dennoch selbst durchsetzen.
Kroatiens Ölgeschäft
Für Zagreb gibt es zumindest ein Signal für einen anderen Umgangston. Ilija Srdanović, der an erster Stelle der Studentenliste kandidierte, kritisierte vor der Wahl die Verschlechterung der Beziehungen zu den Nachbarstaaten durch die bisherige serbische Führung. Gegenüber dem „Večernji list“ wies er außerdem die Behauptung zurück, Kroatien stehe hinter der Studentenbewegung.
Das eröffnet die Möglichkeit, gegenseitige Verdächtigungen zurückzunehmen. Eine Einigung über historische Streitfragen oder außenpolitische Positionen ist damit noch nicht verbunden. Für Unternehmen, Minderheiten und Familien mit Verbindungen in beide Länder wäre aber bereits ein berechenbarerer Umgang ein Vorteil.
Wie eng die wirtschaftlichen Interessen verbunden sind, zeigt die Ölversorgung. Der kroatische Pipelinebetreiber JANAF transportiert Rohöl für den serbischen Konzern NIS. Die amerikanischen Sanktionen gegen NIS stehen im Zusammenhang mit dessen russischer Eigentümerstruktur und den Maßnahmen gegen Russlands Energiesektor.
Die derzeitige US-Ausnahmegenehmigung für JANAFs Zusammenarbeit mit NIS gilt bis zum 30. Oktober 2026. Nach Angaben des Unternehmens wurde ihre Verlängerung gemeinsam mit der kroatischen Regierung und amerikanischen Rechtsexperten erarbeitet.
Diese Frage besteht unabhängig von Vučićs Niederlage. Der politische Umbruch beseitigt weder die Sanktionen noch ersetzt er amerikanische Genehmigungen. Die künftige Regierung übernimmt jedoch die Verantwortung dafür, gemeinsam mit den beteiligten Unternehmen und internationalen Partnern eine tragfähige Lösung zu finden.
Für Kroatien geht es um Transportgeschäft und die Nutzung seiner Infrastruktur, für Serbien um Versorgungssicherheit. Hier haben beide Seiten ein handfestes Interesse an Zusammenarbeit. Ein wirtschaftlich geschwächtes Serbien wäre für den kroatischen Pipelinebetreiber kein Gewinn.
Österreichs Milliarden
Österreich hat ebenfalls erhebliche wirtschaftliche Interessen im Land. Nach Angaben der österreichischen Botschaft in Belgrad beschäftigen rund 870 österreichische Niederlassungen in Serbien etwa 26.000 Menschen. Das Investitionsvolumen beträgt rund 3,5 Milliarden Euro. Österreichische Warenlieferungen erreichten 2025 einen Wert von etwa 1,2 Milliarden Euro.
Für bestehende Betriebe zählt unmittelbar, ob Behörden verlässlich arbeiten, Zahlungen erfolgen und Verträge eingehalten werden. Ein geordneter Übergang schützt damit auch österreichische Geschäftsinteressen und die Arbeitsplätze in den serbischen Niederlassungen.
Anders stellt sich die Lage bei künftigen öffentlichen Aufträgen dar. Srdanović kündigte vor der Wahl unter anderem eine unabhängige Justiz, professionelle Polizei und mehr Transparenz staatlicher Institutionen an. Werden daraus wirksame Reformen, könnten Anbieter profitieren, die bei Ausschreibungen ohne besondere politische Kontakte konkurrieren.
Die wirtschaftliche Chance liegt in nachvollziehbaren Regeln. Sie entsteht erst durch deren Umsetzung. Die Höhe österreichischer Investitionen allein sagt noch nichts darüber aus, welche Unternehmen durch einen Machtwechsel gewinnen oder verlieren.
Bei staatlichen Projekten können neue Zuständigkeiten und mögliche Überprüfungen zunächst Verzögerungen verursachen. Eine Prüfung wäre für sich genommen kein Beleg für einen rechtswidrigen Auftrag oder ein Fehlverhalten beteiligter Firmen. Für Unternehmen ist entscheidend, dass auch solche Verfahren transparent und rechtlich berechenbar ablaufen.
Wiens Sicherheitsinteresse
Österreichs Interesse reicht über Handel und Investitionen hinaus. Wien und Berlin verhängten 2025 Einreisebeschränkungen gegen Dodik und weitere RS-Politiker. Begründet wurden die Maßnahmen mit der Gefährdung der bosnischen Verfassungsordnung.
Eine serbische Regierung, die auf Zusammenarbeit innerhalb Bosnien-Herzegowinas drängt, würde damit ein wichtiges österreichisches Ziel unterstützen. Ob sie einen solchen Kurs einschlägt, ist noch offen. Die innenpolitischen Reformversprechen der Studentenliste sind keine fertige außenpolitische Strategie.
Auch ein demokratischeres Serbien wird eigene Interessen vertreten. Wien und Zagreb müssen deshalb mit der neuen Führung verhandeln, statt aus der Ablehnung Vučićs bereits Übereinstimmung in allen regionalen Fragen abzuleiten.
Was jetzt zählt
Für die Diaspora in Österreich verändert der Wahlausgang zunächst die politische Perspektive. Konkrete Erleichterungen bei Eigentumsfragen, Pensionen oder konsularischen Leistungen lassen sich daraus bisher nicht ableiten. Der mögliche Nutzen liegt vor allem in verlässlicheren Institutionen und stabileren Beziehungen zwischen den Staaten, in denen Familien leben und arbeiten.
Ob dieser Nutzen entsteht, wird an überprüfbaren Entscheidungen sichtbar: an den Kontakten der neuen Regierung in Bosnien, an der Lösung der Energiefrage mit Kroatien und an den Regeln für öffentliche Aufträge und bestehende Investitionen.
Dodik will die bisherige Nähe zu Belgrad bewahren. Kroatien braucht verlässliche Energiegeschäfte, Österreich einen stabilen Wirtschafts- und Sicherheitspartner.
Diese Interessen bestehen fort. Neu verhandelt wird, über wen und nach welchen Regeln sie künftig verfolgt werden.