Kein Angriffsplan, sondern ein Zwischenfall auf See: Eine NATO-Expertin zeigt, wo Europas größtes Risiko wirklich lauert.
Beim „Oesterreichs Energie Kongress“ legt Florence Gaub, Forschungsdirektorin des NATO Defense College in Rom, ihre Einschätzung der europäischen Sicherheitslage dar. Im Mittelpunkt stehen ein höheres Risiko unbeabsichtigter Eskalation, die wachsende Eigenständigkeit der Europäer innerhalb der NATO und ein nüchterner Blick auf die Neutralität.
Die langjährige Sicherheitsexpertin leitet seit 2023 die Forschungsabteilung des NATO Defense College und ist Reserveoffizierin der französischen Armee. Ihre Analysen finden Eingang in die Strategien zahlreicher NATO-Staaten.
„Ein Krieg ist immer ein Ausnahmeereignis und von daher unwahrscheinlich. Er ist heute trotzdem wahrscheinlicher als vor zehn Jahren“, sagt Gaub. Gleichzeitig zeigt sie sich überzeugt, dass die Europäer abschrecken können. Russlands Ziel sieht sie eher im Aufbau eines Weltmachtstatus und im Zugang zu den Meeren.
Zur Lage in der Ukraine sagt Gaub: „Tatsächlich dominiert die Ukraine das Kriegstempo.“ Kiew habe in den letzten zwei Jahren nie so viele Gebiete zurückerobert wie jetzt, während Russland „irgendwie feststeckt“.
Unbeabsichtigte Eskalation
Einen unbeabsichtigten Bündnisfall hält Gaub für wahrscheinlicher als einen geplanten russischen Angriff auf ein NATO-Land. In Nordsee und Ostsee komme es immer wieder zu Rangeleien zwischen russischen und NATO-Schiffen. Ein einzelner Zwischenfall könne eine Eskalation auslösen, ähnlich einer Kettenreaktion.
Zur Beistandspflicht sagt Gaub: „Meine Überzeugung ist, dass … die USA auf der Seite der Europäer wären.“ Streit gehöre seit 1949 zur interessengebundenen Zusammenarbeit. Parallel beobachtet sie, dass sich die europäische NATO stärker aufstellt – „eine NATO 3.0, die Europäisierung der NATO“.
Gaubs Bericht „Global Trends to 2030“ aus dem Jahr 2019 hatte eine wachsende Wahrscheinlichkeit einer Pandemie vorhergesehen. Covid habe Digitalisierung und Klimakooperation „massiv vorgezogen“. Frühwarnsysteme könnten etwa drei Monate vor Kriegsbeginn Hinweise liefern. Überrascht habe sie hingegen der „Sturz von Bashar al-Assad“, den sie als Nebeneffekt des Ukraine-Kriegs deutet.
Wie weit die Bereitschaft reicht, das eigene Land zu verteidigen, lasse sich laut Gaub nur schwer sagen. Umfragen in Deutschland schwanken zwischen 17 und 60 Prozent. Entscheidend sei aber, wofür Menschen „alles zu geben“ bereit seien, nämlich für eine Zukunft, an die sie glauben. Bei Parteien wie AfD oder FPÖ sieht sie Wählerinnen und Wähler mit überproportionaler Zukunftsangst und dem Wunsch nach einem raschen Kriegsende.
Österreichs Neutralität
Österreich ist zwar kein NATO-Mitglied, doch „Russland nimmt Österreich nicht als neutral wahr“. Gaub verweist auf Cyberangriffe, Desinformation und Spionage, die sich auch gegen Österreich und die Schweiz richten. Sie empfiehlt eine ehrliche Bestandsaufnahme der Verwundbarkeiten, unabhängig von der Neutralität.
Die 49-jährige Gaub war stellvertretende Direktorin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien und Beraterin der EU-Kommission. Zuletzt erschien ihr Buch „Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel“.