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Naturphänomen

Naturphänomen trotzt Schwerkraft: Warum diese Flüsse am Balkan rückwärts fließen

Naturphänomen trotzt Schwerkraft: Warum diese Flüsse am Balkan rückwärts fließen
Foto: iStock
4 Min. Lesezeit |

Was unveränderlich scheint, kann sich umkehren – manche Flüsse trotzen der Schwerkraft und fließen bergauf.

Flüsse gelten gemeinhin als verlässliche Naturkräfte – sie folgen der Schwerkraft, fließen von erhöhten Lagen bergab und münden früher oder später in Meere oder Seen. Diese Grundregel der Hydrologie sitzt tief, sie wird in Schulen gelehrt und kaum hinterfragt. Und doch gibt es Orte auf der Welt, an denen Flüsse genau das Gegenteil tun: Sie fließen rückwärts – zumindest für eine Weile.

Das klingt nach einer Ausnahme, ist aber häufiger als gedacht. Gezeiten, Extremniederschläge, saisonale Druckverhältnisse oder gezielte menschliche Eingriffe können den natürlichen Lauf eines Flusses vorübergehend umkehren. Manchmal geschieht das nur für Stunden, manchmal wiederholt es sich Jahr für Jahr mit fast schon mechanischer Regelmäßigkeit.

Menschlicher Eingriff

Das wohl bekannteste Beispiel für eine bewusst herbeigeführte Umkehrung ist der Chicago River in den USA. Ursprünglich mündete er in den Michigansee – jene Wasserquelle, aus der die Stadt gleichzeitig ihr Trinkwasser bezog. Als die Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts die Abwässer Chicagos in den See spülte, wurde das zur ernsthaften Bedrohung für die öffentliche Gesundheit. Die Antwort war ein ingenieurstechnischer Kraftakt: Durch den Bau von Kanälen und Schleusen wurde der Fluss buchstäblich umgedreht. Seither fließt er vom Michigansee weg – in Richtung des Mississippi-Systems.

Ganz ohne menschliches Zutun vollzieht der Tonle Sap in Kambodscha eine ähnliche Kehrtwendung – und das mit beeindruckender Regelmäßigkeit. Wenn der Monsun einsetzt und der Mekong anschwillt, baut sich ein Wasserdruck auf, der stark genug ist, um den Zufluss des Tonle Sap umzukehren. Das Wasser strömt dann nicht in den Mekong, sondern zurück in den gleichnamigen See. Mit dem Ende der Regenzeit dreht sich das System wieder um, und der Fluss nimmt seinen gewohnten Lauf auf. Dieser Rhythmus wiederholt sich jedes Jahr – ein natürlicher Kreislauf von beachtlicher Präzision.

Komplexer verhält es sich beim Orinoco in Venezuela. Dort sorgt ein Phänomen namens Flussbifurkation (Flussgabelung) dafür, dass ein Teil des Wassers über den Casiquiare-Kanal in Richtung Amazonasbecken abgeleitet werden kann. Bei starken Regenfällen verstärkt sich dieser Effekt, und das Wasser drängt in ungewöhnliche Richtungen. Eine dauerhafte Umkehrung ist das nicht – vielmehr handelt es sich um ein temporäres Zusammenspiel aus Geografie und Niederschlagsdynamik im weitläufigen Einzugsgebiet.

Der indische Narmada vereint gleich zwei Einflussquellen. In seinen Unterläufen drücken kräftige Gezeiten aus dem Arabischen Meer das Wasser bei Flut landeinwärts zurück. Gleichzeitig greifen Dämme und Wehre in den natürlichen Durchfluss ein, um Bewässerung und Energiegewinnung zu sichern. Das Ergebnis ist ein hybrides System, in dem sich das Verhalten des Flusses je nach Jahreszeit, Wetterlage und Infrastrukturmanagement verändert.

Naturgewalt Wasser

Eng verwandt mit dem Tonle-Sap-Phänomen ist der Mekong selbst. Als Herzstück eines weitverzweigten Wassernetzwerks in Südostasien reagiert er auf Starkregen mit dramatischen Pegelanstiegen, die sich durch das gesamte Einzugsgebiet fortpflanzen. In kleineren Nebenkanälen kann das dazu führen, dass Wasser vorübergehend flussaufwärts gedrückt wird. Der Mekong gilt damit als eines der dynamischsten Hochwassersysteme der Welt.

Einen ganz anderen Charakter hatte das Phänomen am brasilianischen Araguari. Dort trat die sogenannte Pororoca auf – eine gewaltige Gezeitenwelle, die vom Atlantik aus weit ins Landesinnere vordrang und sich dabei gegen die natürliche Fließrichtung des Flusses bewegte. In ihrer stärksten Form erweckte sie den Eindruck, als würde der gesamte Fluss rückwärts strömen. Surfer nutzten diese Welle für spektakuläre Fahrten, bevor der Bau eines Staudamms ihre Kraft erheblich dämpfte.

Auch im Herzen des Balkans findet sich ein solches Phänomen. Die Krupa, die dem Deransko-See in der Herzegowina entspringt, fließt unter bestimmten Bedingungen von ihrer Mündung zur Quelle – also flussaufwärts. Ausgelöst wird dies, wenn der Pegel der Neretva, in die die Krupa mündet, so stark ansteigt, dass er jenen der Krupa übersteigt.

Der entstehende Gegendruck zwingt den kleineren Fluss dazu, seine Richtung umzukehren.

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KO KOSMO-Redaktion
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