Belgrad liefert volle Hallen und eine der intensivsten Rivalitäten im europäischen Basketball. Doch über die Zukunft von Partizan und Roter Stern entscheiden nicht nur Siege und Zuschauerzahlen. Während NBA und EuroLeague um Europas Basketballmarkt ringen, geht es um langfristige Plätze, Geld und die Frage, wer mitbestimmen darf.
Wenn Partizan und Roter Stern aufeinandertreffen, braucht niemand den Wert von Basketballbegeisterung zu erklären. Die Rivalität reicht weit über Belgrad hinaus – auch zu Fans in Österreich, Deutschland und im gesamten ehemaligen Jugoslawien. Für sie ist die europäische Zukunft ihrer Vereine mehr als eine wirtschaftliche Verhandlung.
Genau dort wird sie derzeit aber maßgeblich gestaltet. Die NBA plant gemeinsam mit dem Weltverband FIBA einen europäischen Wettbewerb. Die EuroLeague verfolgt gleichzeitig eine eigene Expansion und den Umbau ihres Geschäftsmodells.
Für die Belgrader Klubs stellt sich deshalb eine entscheidende Frage: Welchen Platz bekommen sie in dieser neuen Ordnung – und mit welchen Rechten?
Zwei Projekte
Am 6. Oktober 2026 lehnten die 13 Gesellschafterklubs der EuroLeague das damalige Kooperationsangebot der NBA ab. Die Tür für weitere Gespräche blieb offen. Parallel vereinbarten die Klubbesitzer, die Umwandlung bestehender langfristiger Lizenzen in ein Franchise-Modell voranzutreiben.
Die NBA hält ihrerseits am geplanten Start ihrer Europaliga im Oktober 2027 fest. NBA-Vizechef Mark Tatum erklärte am 20. Oktober, Vereinbarungen mit teilnehmenden Klubs würden vorbereitet. Das Projekt soll dauerhafte Plätze mit sportlichen Qualifikationswegen verbinden.
Damit stehen sich zwei Vorhaben gegenüber, deren endgültiges Verhältnis noch offen ist. Eine Zusammenarbeit bleibt möglich. Ohne Einigung könnten konkurrierende Wettbewerbe um Klubs, Spieler, Sponsoren und Übertragungsrechte entstehen.
Belgrads Gewicht
Wie viel die beiden Belgrader Vereine zur Attraktivität des europäischen Basketballs beitragen, zeigen die offiziellen Zuschauerzahlen der EuroLeague-Hauptrunde 2024/25: Partizan kam auf durchschnittlich 18.486 Besucher pro Heimspiel, Roter Stern auf 18.239. Beide führten damals die Zuschauerstatistik an.
Zum Vergleich: Der Durchschnitt des gesamten Wettbewerbs lag in dieser Saison bei 10.589 Zuschauern. Partizan erreichte eine Hallenauslastung von 98 Prozent, Roter Stern von 94 Prozent.
Das sind Zahlen aus 2024/25, keine aktuelle Bilanz der laufenden Saison. Sie belegen dennoch, warum Belgrad bei einer Neuordnung nicht nur als kleinerer Wirtschaftsstandort betrachtet werden kann. Die Vereine bringen ein bestehendes Publikum, gewachsene Rivalitäten und eine Atmosphäre mit, die neue Projekte erst aufbauen müssen.
Volle Tribünen
Aus einer hohen Zuschauerzahl lässt sich allerdings nicht unmittelbar ablesen, wie finanzkräftig ein Verein ist. Entscheidend ist auch, was nach dem Spiel wirtschaftlich übrig bleibt.
Zu den Einnahmen gehören neben gewöhnlichen Eintrittskarten etwa Dauerkarten, VIP-Angebote, Sponsoring und Vermarktung. Dem stehen unter anderem Hallen-, Personal-, Organisations- und Sicherheitskosten gegenüber. Eine größere Zuschauerzahl bedeutet deshalb nicht automatisch höhere verfügbare Mittel als bei einem Klub mit weniger Besuchern.
Ein belastbarer Vergleich müsste Einnahmen und Kosten derselben Saison gegenüberstellen. Aus den Zuschauerzahlen allein lässt sich weder finanzielle Überlegenheit noch wirtschaftliche Benachteiligung Belgrads beweisen.
Die Begeisterung der Fans bleibt trotzdem ein Vermögenswert für den gesamten Wettbewerb: Sie macht Spiele attraktiv, liefert Fernsehbilder und bindet Zuschauer über die einzelne Stadt hinaus. Die wirtschaftliche Frage lautet, wie sich dieser Wert in Einnahmen und langfristiger Sicherheit für die Klubs niederschlägt.
Wer entscheidet?
Die EuroLeague wird wirtschaftlich von ihren Gesellschafterklubs getragen und mitgestaltet. Diese Eigentümerstruktur unterscheidet sie von einem Wettbewerb, bei dem sämtliche Teilnehmer ausschließlich über nationale Ergebnisse aufsteigen und sich jedes Jahr neu qualifizieren.
Dabei sind Teilnahme, langfristige Lizenz und Eigentümerrechte unterschiedliche Dinge. Ein Klub kann über mehrere Jahre einen gesicherten Platz besitzen, ohne automatisch dieselben Mitspracherechte wie ein Gesellschafter zu haben.
Für Partizan und Roter Stern ist deshalb nicht allein wichtig, ob sie langfristig dabei sind. Ebenso entscheidend sind die Bedingungen: Welche Zahlungen werden verlangt? Welche Einnahmen stehen ihnen zu? Welche Entscheidungen dürfen sie beeinflussen? Und unter welchen Umständen könnte eine Vereinbarung enden?
Milliardenpläne
Die EuroLeague stellte am 16. Oktober einen Zehnjahresplan vor, der insgesamt 3,4 Milliarden Euro an Ausschüttungen an die teilnehmenden Teams vorsieht. Davon sollen 2,2 Milliarden Euro aus Erlösen und 1,2 Milliarden Euro aus Franchisegebühren stammen. Zudem meldete der Wettbewerb 15 verbindliche Angebote im Gesamtwert von 1,2 Milliarden Euro.
Diese Zahlen beschreiben einen Geschäftsplan und vorliegende Angebote. Sie sind keine bereits erzielten Gewinne und keine garantierten Einnahmen für einen einzelnen Klub.
Sie zeigen aber, warum die Gegenüberstellung von amerikanischem Geld und europäischer Tradition zu kurz greift. Auch die bestehende EuroLeague will ihren wirtschaftlichen Wert durch langfristige Beteiligungen und Expansion erhöhen. Gestritten wird damit nicht nur über Kommerzialisierung, sondern auch darüber, wer sie gestaltet und von ihr profitiert.
Belgrads Chancen
Partizan hat sein Interesse am Franchise-Verfahren öffentlich deutlich gemacht. Klubpräsident Ostoja Mijailović erklärte im August, sein Verein gehöre zum engeren Kandidatenkreis. Auch über eine Einladung an Roter Stern zur Beteiligung an diesem Prozess wurde berichtet.
Eine Einladung oder die Aufnahme in einen Auswahlprozess ist jedoch nicht mit einem endgültig abgeschlossenen Vertrag gleichzusetzen. Aus den öffentlich verfügbaren Angaben lassen sich die endgültigen Bedingungen und Rechte beider Vereine derzeit nicht verlässlich vollständig ableiten.
Für Belgrad könnte ein langfristig gesicherter Platz erhebliche Vorteile bringen. Mehr Planungssicherheit kann Gespräche mit Sponsoren erleichtern und die Grundlage für Investitionen sowie längerfristige Kaderentscheidungen verbessern. Zusätzliche finanzielle Verpflichtungen müssen allerdings ebenso dauerhaft tragbar sein.
Sportlicher Zugang
Für die Fans steckt darin ein grundlegender Widerspruch: Ein garantierter Platz schützt den eigenen Verein vor Unsicherheit. Je mehr Plätze langfristig vergeben sind, desto wichtiger wird für andere Klubs die Frage, welche sportlichen Zugangswege offenbleiben.
Auch das NBA-Projekt soll feste Teilnehmer mit sportlicher Qualifikation verbinden. Deshalb wäre es falsch, die eine Seite pauschal als geschlossenen Klub und die andere als vollständig offenen Wettbewerb darzustellen. Entscheidend sind die tatsächlich beschlossenen Regeln, die Zahl der zugänglichen Plätze und die finanziellen Voraussetzungen.
Ein Qualifikationsweg ist nur dann eine reale Chance, wenn ein sportlich erfolgreicher Verein auch die übrigen Bedingungen erfüllen kann. Welche Möglichkeiten daraus für ambitionierte Klubs aus Serbien und anderen Ländern der Region entstehen, hängt von der endgültigen Ausgestaltung ab.
Fans betroffen
Für Anhänger in Belgrad, Wien oder anderswo wird die Neuordnung dann konkret, wenn sich Gegner, Spielpläne oder Übertragungsangebote verändern. Zwei konkurrierende Spitzenbewerbe könnten vertraute Duelle auseinanderziehen und die Auswahl der Spiele verändern.
Höhere Ticketpreise oder zusätzliche Streamingkosten stehen dadurch jedoch nicht automatisch fest. Solche Folgen hängen von späteren Entscheidungen der Klubs, Wettbewerbe und Rechteanbieter ab.
Für Partizan und Roter Stern geht es zunächst darum, ihre sportliche und gesellschaftliche Bedeutung in eine dauerhaft tragfähige Position zu übersetzen. Volle Hallen sind dafür ein starkes Argument. Ob daraus auch gesicherte Teilnahme, faire wirtschaftliche Bedingungen und echte Mitsprache werden, entscheidet sich am Verhandlungstisch.