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Kriegsanalyse

Putin-Armee verliert eine Million Soldaten für 9.000 Quadratkilometer

Putin-Armee verliert eine Million Soldaten für 9.000 Quadratkilometer
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Russlands Vormarsch in der Ukraine gilt vielen als unaufhaltsam – doch neue Zahlen zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild.

In einem gemeinsamen Gastkommentar in der „Washington Post“ zeichnen Frederick Kagan und seine Frau Kimberly Kagan ein ernüchterndes Bild der russischen Kriegsführung: Die Armee komme nur äußerst schleppend voran und leide dabei unter „exorbitanten Verlusten an Menschenleben und Geldmitteln“. Allein auf russischer Seite seien demnach mehr als eine Million Soldaten ausgefallen – also getötet, verwundet oder vermisst.

Die unabhängige Zählung von Mediazona konnte zuletzt mindestens 201.000 Gefallene namentlich belegen (Stand: März 2026).

Eine Studie des Center for Strategic & International Studies (CSIS) schätzt die russischen Verluste bis Dezember 2025 auf etwa 1,2 Millionen Soldaten, davon rund 275.000 bis 325.000 Getötete.Derzeit halten russische Streitkräfte rund 19,4 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt – deutlich weniger als die etwa 26,8 Prozent, die in den ersten Tagen nach dem Einmarsch unter ihrer Kontrolle standen, und lediglich rund 1,5 Prozentpunkte mehr als zum Zeitpunkt der ukrainischen Gegenoffensive im November 2022.

„Lassen Sie das auf sich wirken: Russland hat dreieinhalb Jahre gebraucht, um 9.318 Quadratkilometer zu erobern.“ Das entspricht etwa der Hälfte der Fläche Niederösterreichs. „Der angeblich unaufhaltsame Siegeszug von Präsident Wladimir Putin verläuft, wie andere bereits bemerkt haben, langsamer als im Schneckentempo.“

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Russlands stockender Vormarsch

Auf Basis des aktuellen Vormarschtempos würde die russische Armee Schätzungen zufolge noch zwei bis drei Jahre benötigen, um die Region Donezk vollständig einzunehmen – und das nur unter der Voraussetzung, dass das Tempo gehalten werden kann. Daran bestehen jedoch erhebliche Zweifel: „Tatsächlich hat die Ukraine in den vergangenen Monaten häufiger Geländegewinne erzielt als Russland in vergleichbaren Zeiträumen zuvor.“

Trotz der gezielten Angriffe auf Infrastruktur und Städte in den Wintermonaten sei die Frontlage insgesamt relativ stabil geblieben. „Die Behauptungen des Kremls, dass russische Truppen kurz davor stehen, die befestigten Städte im Gebiet Donezk – oder irgendeine andere Region der Ukraine – zu durchbrechen und zu überrennen, sind reine Prahlerei“, schreiben die Kagans unter Verweis auf Daten des Institute for the Study of War (ISW, Washingtoner Thinktank).

Der Großteil der jüngsten Gebietsgewinne der russischen Truppen entfalle auf offene Felder und kleinere Dörfer, nicht auf größere Städte oder stark befestigte Positionen. Dem erklärten Ziel, den Donbass vollständig zu kontrollieren, steht zudem der dicht besiedelte Verteidigungsgürtel der Städte Slowjansk, Kramatorsk und Kostjantyniwka im Weg – ein Umstand, der auch erklärt, warum der Kreml diese Städte regelmäßig als mögliche Verhandlungsmasse ins Spiel bringt. Darüber hinaus erhebt Moskau weiterhin Ansprüche auf weitere ukrainische Regionen, die seine Armee bislang nicht kontrolliert.

Ukrainische Offiziere zeigten sich in persönlichen Gesprächen zunehmend zuversichtlich, die russischen Kräfte mit einer immer wirkungsvolleren „Drohnen-Mauer“ weiter aufhalten zu können – solange die westliche Unterstützung nicht abbreche. Parallel dazu habe die Ukraine eine „bemerkenswerte Kampagne“ mit Langstreckendrohnen sowie teilweise im eigenen Land produzierten Marschflugkörpern eingeleitet.

„Sie beginnt damit, Mittelstreckenwaffen einzusetzen, um die Offensive Russlands zu stören, bevor diese die Kontaktlinie erreicht. Und sie konnte sogar die Überdehnung und Fehltritte Russlands ausnutzen, um Gebiete zurückzuerobern.“

Kritik an Trump

Nach eigenen Reisen in die Ukraine gelangten die Autoren zu dem Schluss, dass Russlands angeblich unerbittlicher Vormarsch weit weniger beeindruckend sei als die ebenso hartnäckige Verteidigung der Ukrainer. „Die Verhandlungsposition Russlands basiert auf einem Bluff und einer Lüge. Der Bluff besteht darin, dass die Russen die Ukraine überwältigen und sich ohnehin nehmen werden, was sie wollen. Die Lüge besteht darin, dass sie sich mit weniger zufriedengeben werden, als sie ständig fordern“, warnen Frederick und Kimberly Kagan.

Scharfe Kritik üben sie auch am Kurs von US-Präsident Donald Trump – und damit mittelbar an jenen politischen Kräften im Westen, die eine Annäherung an Moskau befürworten: „Der Druck der USA auf die Ukraine, territoriale Zugeständnisse zu machen und um Frieden zu bitten, ermutigt Putin, weiterzukämpfen und keine Kompromisse einzugehen, die für einen dauerhaften Frieden notwendig sind.“ „Der Weg, diesen Krieg zu beenden, besteht nicht darin, Putin aus einer scheiternden Kampagne zu retten, sondern der Ukraine zu helfen, Russland schneller zum Scheitern zu bringen.“

Frederick Kagan (Jahrgang 1970) leitet das Critical Threats Project am konservativen American Enterprise Institute.

Kimberly Kagan (Jahrgang 1972) ist Gründerin und Präsidentin des Institute for the Study of War.