Das Begräbnis von Ratko Mladić bringt heute Tausende Menschen nach Belgrad und macht gleichzeitig sichtbar, wie unterschiedlich die Kriege der 1990er-Jahre in der Region bis heute wahrgenommen werden.
Für einen Teil der serbischen Bevölkerung war der ehemalige Kommandant der Armee der Republika Srpska ein Symbol des militärischen Kampfes und der Verteidigung der bosnischen Serben. Für zahlreiche bosniakische und bosnisch-kroatische Opfer und Hinterbliebene ist sein Name dagegen untrennbar mit den Verbrechen verbunden, für die er in Den Haag rechtskräftig verurteilt wurde.
Gerade das heutige Begräbnis zeigt, dass hinter dieser gegensätzlichen Wahrnehmung weit mehr steckt als die Person Ratko Mladić selbst.
Tausende nehmen in Belgrad Abschied
Seit den Morgenstunden versammelten sich zahlreiche Menschen in Belgrad, um Ratko Mladić auf seinem letzten Weg zu begleiten. Das orthodoxe Opelo wird vom serbisch-orthodoxen Patriarchen Porfirije geleitet. Anschließend soll Mladić auf dem Topčider-Friedhof in jenem Familiengrab beigesetzt werden, in dem auch seine Tochter Ana ruht.
Unter den Trauernden befinden sich ehemalige Soldaten sowie Menschen aus Serbien und der Republika Srpska. Zu sehen sind serbische Fahnen und Bilder Mladićs, zudem wurden Anreisen aus verschiedenen Teilen Serbiens sowie aus Bosnien und Herzegowina organisiert.
Für seine Anhänger ist die Trauerfeier ein Abschied von einem ehemaligen General. Für viele andere Menschen in Bosnien und Herzegowina lösen genau diese Bilder jedoch schmerzhafte Erinnerungen und Kritik aus.
Warum Mladić von einem Teil der Serben anders gesehen wird
Um zu verstehen, warum Ratko Mladić bis heute so stark polarisiert, reicht es deshalb nicht aus, ausschließlich auf seine Person zu schauen.
In Teilen der serbischen Öffentlichkeit wird seine Rolle bis heute in einen größeren Zusammenhang gestellt: Viele verbinden den Bosnienkrieg auch mit serbischen Opfern, Vertreibungen und Verbrechen an serbischen Zivilisten und Gefangenen. Gleichzeitig besteht dort seit Jahrzehnten die Wahrnehmung, dass diese Opfer international und insbesondere vor dem Haager Tribunal weniger stark berücksichtigt worden seien.
Das bedeutet nicht, dass diese Einschätzung von allen Serben geteilt wird. Auch innerhalb Serbiens gibt es unterschiedliche Positionen und deutliche Kritik an der Verehrung Mladićs und am Umgang mit seiner Person.
Das Misstrauen gegenüber Den Haag ist jedoch keine neue Erscheinung. Untersuchungen der OSZE dokumentieren seit Jahren eine kritische Haltung großer Teile der serbischen Bevölkerung gegenüber dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Insbesondere prominente Freisprüche nicht-serbischer Angeklagter verstärkten bei manchen Menschen den Eindruck einer unausgewogenen juristischen Aufarbeitung.
Naser Orić als Symbol dieser Debatte
Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang der Fall Naser Orić genannt.
Der ehemalige Kommandant bosniakischer Kräfte in und um Srebrenica wurde 2006 vom Haager Tribunal zunächst zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen ihn damals in seiner Funktion als Vorgesetzten dafür verantwortlich, notwendige und angemessene Maßnahmen zur Verhinderung von Mord und Misshandlung serbischer Gefangener nicht ergriffen zu haben.
2008 hob die Berufungskammer diese Verurteilung jedoch auf und sprach Orić frei.
Dabei ist eine juristische Unterscheidung besonders wichtig: Das Haager Tribunal stellte ausdrücklich klar, dass schwere Verbrechen an serbischen Gefangenen begangen worden waren. Für eine Verurteilung Orićs fehlten nach Ansicht der Berufungsrichter jedoch die notwendigen Feststellungen, um ihm dafür persönliche beziehungsweise Befehlsverantwortung zuzurechnen.
Genau dieser Unterschied zwischen der Anerkennung von Verbrechen und der fehlenden individuellen Verurteilung wurde für viele Menschen in Serbien und der Republika Srpska zu einem Symbol für das Gefühl einer ungleichen Aufarbeitung.
Auch andere prominente Freisprüche – etwa jene von Ante Gotovina oder Ramush Haradinaj – spielten in der öffentlichen Diskussion in Serbien über die Arbeit des Haager Tribunals immer wieder eine Rolle.
Die Urteile gegen Mladić bleiben davon unberührt
Diese Debatte ändert gleichzeitig nichts am juristischen Ausgang des Verfahrens gegen Ratko Mladić.
Das Haager Tribunal verurteilte ihn 2017 zu lebenslanger Haft. 2021 wurde das Urteil im Berufungsverfahren bestätigt. Mladić wurde unter anderem wegen Genozids in Srebrenica, Verfolgung, Vernichtung, Mord, Deportation, gewaltsamer Vertreibung, Terror gegen die Zivilbevölkerung Sarajevos, unrechtmäßiger Angriffe auf Zivilisten und Geiselnahme rechtskräftig verurteilt.
Die gerichtlichen Feststellungen betreffen damit insbesondere das Leid bosniakischer Opfer, aber auch Verbrechen gegen bosnische Kroaten und andere Zivilisten während des Krieges.
Für Überlebende und Familien, die Angehörige verloren haben, können öffentliche Ehrungen Mladićs deshalb als besonders schmerzhaft empfunden werden. Das erklärt, warum die heutige Trauerfeier in Belgrad etwa in Sarajevo vollkommen andere Reaktionen hervorruft als unter jenen Menschen, die Mladić heute die letzte Ehre erweisen.
Auch das Begräbnis selbst sorgt für Diskussionen
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält die Beisetzung durch die Beteiligung staatlicher Institutionen.
Mladićs sterbliche Überreste wurden mit einem Flugzeug der serbischen Regierung aus Den Haag nach Belgrad gebracht. Sein Sarg wurde nach der Ankunft von Angehörigen, Regierungsvertretern und weiteren Personen empfangen. Eine offizielle Staatsbeisetzung wurde nicht ausgerufen.
International löste der Umgang mit seinem Tod Kritik aus. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte eine geplante Serbien-Reise ab und begründete ihre Entscheidung mit der aus ihrer Sicht stattfindenden „Glorifizierung“ Mladićs.
Auch hier gehen die Interpretationen auseinander: Anhänger sehen einen würdevollen Abschied von einem ehemaligen Militärführer, Kritiker eine politische Aufwertung eines rechtskräftig Verurteilten.
Warum die Region bis heute keine gemeinsame Erinnerung hat
Das heutige Begräbnis zeigt damit vor allem, wie unterschiedlich die Erinnerung an denselben Krieg auch mehr als drei Jahrzehnte später geblieben ist.
Auf der einen Seite stehen rechtskräftige Gerichtsurteile und das Leid der Menschen, die mit Srebrenica, Sarajevo und anderen Verbrechen des Bosnienkrieges verbunden sind. Gleichzeitig steht bei einem Teil der serbischen Bevölkerung die Erinnerung an eigene Opfer und das über Jahre gewachsene Gefühl, dass diese von der internationalen Justiz nicht im gleichen Ausmaß berücksichtigt worden seien.
Beides voneinander zu unterscheiden ist entscheidend: Die Anerkennung serbischer Opfer relativiert nicht die Verbrechen, für die Ratko Mladić rechtskräftig verurteilt wurde. Gleichzeitig darf seine Verurteilung nicht dazu führen, dass Verbrechen an serbischen Opfern ausgeblendet werden.
Vielleicht erklärt gerade dieser Punkt am besten, warum die Bilder des heutigen Begräbnisses in Belgrad in der Region so unterschiedliche Gefühle auslösen – Trauer und Verehrung bei den einen, Schmerz und Ablehnung bei den anderen.