Während Forscher aus Exeter technische Eingriffe ins Klimasystem als unrealistisch verwerfen, bereitet Cambridge bereits konkrete Tests in der Arktis vor.
Die Debatte um Geo-Engineering (technische Eingriffe ins Klimasystem) zur Rettung der Polarregionen spaltet Experten. Eine aktuelle wissenschaftliche Bewertung stellt die Machbarkeit solcher Technologien grundsätzlich in Frage. Professor Martin Siegert von der Universität Exeter, Leiter der Studie, äußert sich deutlich skeptisch: „Es ist eine attraktive Idee, aber sie hält einfach nicht stand.“ Er warnt davor, dass derartige Ansätze falsche Hoffnungen wecken könnten.
Die im Fachjournal „Frontiers in Science“ veröffentlichte Analyse untersuchte verschiedene Vorschläge zur Eindämmung der Klimafolgen in den Polargebieten. Darunter fallen Methoden wie das Verteilen von Partikeln in der oberen Atmosphäre zur Reflexion von Sonnenlicht, die Installation von Unterwasserbarrieren gegen warmes Wasser oder die Zugabe von Nährstoffen in polare Meere zur Förderung von kohlenstoffbindenden Mikroorganismen. Die Studie bewertet alle fünf prominenten Geo-Engineering-Konzepte als technisch kaum umsetzbar, extrem kostenintensiv und potenziell schädlich für Ökosysteme, Gesellschaft und internationale Beziehungen.
Die Studie kommt jedoch zum Schluss, dass diese Techniken unbewiesen sind und unvorhersehbare Folgen für Umwelt und Atmosphäre haben könnten. „Was wir wirklich tun können, um die Polarregionen zu retten und den Planeten abzukühlen, ist die Reduktion der Treibhausgasemissionen auf Netto-Null in den nächsten etwa 30 Jahren“, betont Siegert. Laut der Forschungsgruppe sei nur so eine Stabilisierung der globalen Temperaturen innerhalb von 20 Jahren nach Erreichen von Netto-Null realistisch.
Arktis-Experiment geplant
Britische Wissenschaftler der Universität Cambridge sehen das anders. Sie planen für diesen Winter einen der ersten Geo-Engineering-Tests in der Arktis und argumentieren, dass keine Idee von vornherein verworfen werden sollte. Ihr Vorhaben: Mit Pumpen soll die Oberfläche des schwimmenden Eises mit gefrorenem Meerwasser überflutet werden, um es dicker und widerstandsfähiger gegen sommerliches Schmelzen zu machen.
Das Ziel ist, die reflektierende weiße Eisdecke über dem Arktischen Ozean zu erhalten und damit zur Abkühlung des Planeten beizutragen. Sean Fitzgerald, Direktor des University Centre for Climate Repair, verteidigt die Notwendigkeit solcher Tests: „Wenn wir 20 Jahre warten und der Klimawandel in diesem Tempo weitergeht, mit Katastrophen, die bereits stattfinden, und wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben – also die potenziellen Optionen nicht geprüft haben – werden wir uns in einer schrecklichen Situation befinden“, erklärte er gegenüber Sky News.
Millionen-Pumpen-Vision
Das Projekt wird von der staatlichen UK Advanced Research and Innovation Agency finanziert, die Ideen an den Grenzen des Machbaren unterstützt. Zunächst werden vier Pumpen auf einem Quadratkilometer Meereis installiert und ihre Wirkung über mehrere Monate beobachtet. Die langfristige Vision ist jedoch weitaus ambitionierter: Bis zu eine Million solcher Pumpen könnten künftig zehn Prozent des arktischen Eises bedecken – genug, um ausreichend Sonnenlicht zu reflektieren und den Klimawandel zu beeinflussen.
„Wenn es um den Klimawandel geht, gibt es keine kleinen Zahlen“, so Fitzgerald. „Das ist wahrscheinlich im Bereich der technischen Machbarkeit – etwas, das realisierbar sein könnte.“ Die Arktis erwärmt sich mindestens dreimal schneller als der Rest des Planeten, was den Meeresspiegel ansteigen lässt und das Risiko extremer Wetterereignisse in Europa erhöht.
Einige Wissenschaftler sind daher überzeugt, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssen, um einen klimatischen Kollaps in den empfindlichen Polarregionen zu verhindern. Angesichts der rasanten Erwärmung der Arktis – die sich mindestens dreimal schneller vollzieht als im globalen Durchschnitt – argumentieren die Cambridge-Forscher, dass Feldversuche unverzichtbar seien, um die Schmelzresistenz des Eises praktisch zu testen.