Sebastian Kurz setzt alles auf eine Karte

KOLUMNE

Sebastian Kurz setzt alles auf eine Karte

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Muamer-Becirovic-Kolumne
(FOTO: zVg.)

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Wie schnell alles zu Ende gehen kann, hat HC Strache in den letzten 24 Stunden am eigenen Leib erfahren. Seine über 13 Jahre hart aufgebaute Karriere nahm nach dem Skandalvideo ein abruptes Ende. Bundeskanzler Kurz geht in Neuwahlen. Doch wohin genau?

Beim genaueren hinhören hört man aus der Rede des Bundeskanzlers zwischen den Zeilen eines heraus: Ich setze alles auf eine Karte. Rot-Schwarz ist nach jahrzehntelanger Koalition tot. Diese zwei Parteien haben in den 15-20 Jahren ihrer Zusammenarbeit kaum etwas vorangebracht und das Vertrauen des Wählers verloren. Sebastian Kurz hat die Fortsetzung davon begraben. Die einzig realistisch übriggebliebene Möglichkeit war die Koalition mit der FPÖ. Und diese hat er wahrgenommen.

Türkis-Blau war definitiv keine Liebesheirat, eher eine aus Vernunft. Alles war besser, als Rot-Schwarz. Auch wenn mit der FPÖ ständige Kopfschmerzen verbunden sind, hatte man keine andere Alternative gesehen. Man hätte gerne Türkis-Neos-Grün in einer Koalition sehen, wenn es denn rechnerisch möglich gewesen wäre. Doch bis auf Türkis-Blau oder Türkis-Rot war nichts anderes möglich.

Nachdem der Bundeskanzler vom Skandalvideo erfuhr, lies er seine Berater zu sich rufen und beriet mit ihnen, wie es weitergehen soll. Seine Berater legten ihm mehrere realistische Optionen auf den Tisch: Zum einen könnte er einen fliegenden Wechsel zur SPÖ machen und mit ihr koalieren. Doch mit welchen Konsequenzen? Man würde wieder streiten, nichts voranbringen, die FPÖ würde dazugewinnen und seine Tage als Kanzler wären gezählt. Die zweite Option war eine Fortsetzung der Koalition mit der FPÖ ohne Strache, Gudenus und Kickl. Das wäre auch Kurz Lieblingsalternative gewesen. Allerdings hat die FPÖ eine Absetzung Kickls abgelehnt, weil er letztlich eine der wichtigsten Köpfe der Freiheitlichen ist.

Also blieb eine Option übrig: Neuwahlen. Mehr als 30 Stunden habe sich diese Konsultationen mit seinen Beratern vollzogen. Und bevor er um 19:45 vor die Presse trat, bevor er seine Entscheidung traf, zog er sich alleine in ein Zimmer zurück, um nachzudenken und kam mit Neuwahlen heraus. Es war die einzig übriggebliebene Option und der gern berechnende Mensch Kurz konnte diese Situation und die Zukunft diesmal nicht vorausberechnen. Kein Meinungsforschungsinstitut konnte ihm in 24 Stunden sagen, wie viel Stimmen die FPÖ aufrgund des Videoskandals verlieren würde.

Also musste er auf seinen Bauch hören und nicht auf Zahlen. Er hofft darauf, dass sich die Geschichte wiederholt und dass die enttäuschten FPÖ-Stimmen zur ÖVP wechseln, NEOS halbwegs stabil bleibt und Grün in den Nationalrat einzieht. Kurz braucht mehr als 38%, um sein Ziel zu erreichen. Neos und Grüne müssten gemeinsam 12% erreichen.

Das ist höchst riskant, weil er nicht wissen kann, ob die Stimmen der FPÖ zur ÖVP wechseln. Sollte er dieses Ziel nicht schaffen, dann wird die FPÖ nicht mehr mit ihm koalieren wollen. Mit der SPÖ wird es nicht gehen, weil er dasselbe Schicksal erleidet, wie seine Vorgänger. Also muss er zum ersten Mal in der Geschichte der zweiten Republik eine Koalition abseits von SPÖ oder FPÖ hervorbringen. Ob er die kämpferische und visionäre Ader dazu hat, wird die Zeit weisen.

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