Start AKTUELLE AUSGABE “Unsere Wirtschaft braucht eine zentrale Stimme gegenüber der Politik”
INTERVIEW

“Unsere Wirtschaft braucht eine zentrale Stimme gegenüber der Politik”

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(FOTO: KOSMO)

Anlässlich der bevorstehenden WK-Wahlen sprachen wir mit dem Präsidenten der WKÖ und Vorsitzenden des Wirtschaftsbundes der ÖVP, Harald Mahrer über die wirtschaftliche Situation in Österreich und Herausforderungen am Arbeitsmarkt.

KOSMO: Die türkis-grüne Regierung forciert die Entlastung der Selbstständigen und Unternehmen, wie etwa bei GWGs. Ebenso sollen die Lohn- und Einkommensteuertarife, sowie die Körperschaftssteuer gesenkt werden. Sind Sie zufrieden oder trauern Sie dem „Einser“ bei der Körperschaftssteuer nach?
Harald Mahrer: Nein, ich glaube es ist ein faires Paket und zwar aus zwei Gründen. Wir haben darauf geachtet, dass alle entlastet werden, sowohl die Mitarbeiter als auch die Unternehmer. Das heißt, es gibt für alle mehr Netto vom Brutto. Uns war auch wichtig, dass alle Formen der Unternehmer entlastet werden, also Einzelunternehmen, Personengesellschaften und Körperschaften. Hierzu mussten wir bei den Grünen zwar ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. Als wir dann jedoch die Statistik vorgelegt hatten, in der es ersichtlich war, dass rund 20% aller Unternehmen GmbHs sind, haben wir gezeigt, dass die Mehrheit keine Großkonzerne sind, sondern kleine Gewerbe-, Handels- und Gastronomiebetriebe, welche natürlich fairerweise auch entlastet werden müssen.

Die Rot-Weiß-Rot-Card soll genauso geändert werden. Geplant sind Erleichterungen für potentielle Einwanderer. Warum sind ausländische Arbeitskräfte so essentiell für die österreichische Wirtschaft?
Die inländischen Arbeitskräfte reichen nicht aus. Wenn wir weiterhin Exporterfolge und neue Produkte respektive Dienstleistungen in Österreich haben wollen und die Wirtschaft weiter wachsen soll, dann braucht es natürlich qualifizierte Fachkräfte. In spezifischen Bereichen haben wir einfach nicht ausreichend, also müssen wir außerhalb Österreichs suchen. Natürlich ist der primäre Fokus zuerst in Österreich, dann suchen wir im europäischen Ausland und erst dann außerhalb der EU. Hier teile ich die Meinung von Margarete Schramböck, dass das die richtige Strategie ist. Wenn wir aber dann außerhalb der europäischen Union fündig werden, dann muss das einfach gehen. Bisher war die Rot-Weiß-Rot-Card eher ein Verhinderungswerkzeug und kein Ermöglichungstool. Unserer Meinung nach, muss es schnell, unkompliziert und unbürokratisch möglich sein, jemanden nach Österreich zu holen. Diese Änderungen sind Teil der Strategie für qualifizierte Zuwanderung. Man muss leistungsbereit sein und die Qualifikationen sowie den Willen haben.

„Groß im Kommen, ist alles was mit IT, Technologie, Digitalisierung zu tun hat. Auch im Bereich der Umwelttechnik wird sich viel tun“, erklärte der WKÖ-Präsident.

Sind die geplante steuerliche Absetzbarkeit von Anschub- und Wachstumsfinanzierungen für innovative Startups und KMU als Maßnahmen ausreichend, um Menschen dazu zu motivieren Jungunternehmer zu werden?
Ich bin der Meinung, dass es in diesem Zusammenhang zwei Komponenten gibt. Das eine ist die Grundsatzmotivation selbstständig zu sein. Da gibt es drei ganz klare Motive, die überwiegen und das Wichtigste ist, lieber der eigene Chef zu sein, als einen eigenen Chef zu haben. Weiter Motive sind der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen und etwas Sinnstiftendes umzusetzen. Das Thema Geld kommt erst an vierter Stelle. Wir haben letzte Woche einen neuen Gründerrekord präsentiert. Wir glauben aber, dass wir noch mehr Selbstständige haben können, vor allem im spannenden Bereich der neuen Technologien. Dieser Bereich ist kapitalintensiv, das heißt man benötigt mehr Eigenmittel, weshalb auch mehr Risikokapital von Nöten ist. Das ist eine Art wichtige und notwendige Ergänzung, damit sich unsere Gründerkultur noch mehr entfalten kann und die Gründerlandschaft noch mehr aufblühen kann. Gegenwärtig ich bin schon ganz zufrieden, jedoch ist sie noch nicht dort, wo sie hinkommen könnte. Dafür braucht es mehr Risikokapital und hierfür haben wir mit den Grünen richtungsweisende Punkte im Regierungsprogramm vereinbart.

Unserer Meinung nach, muss es schnell, unkompliziert und unbürokratisch möglich sein, jemanden nach Österreich zu holen. Diese Änderungen sind Teil der Strategie für qualifizierte Zuwanderung”, erklärte WKÖ-Präsident Mahrer die Änderungen bei der Rot-Weiß-Rot-Card (FOTO: KOSMO)

Glauben Sie, dass es dadurch mehr Risikokapital in Österreich geben wird?
Ich glaube, dass es ein wichtiger Schritt ist. Wir haben ein hervorragendes System der Startfinanzierung: die öffentliche Finanzierung, über die aws, die Bundesländer, die FFG und über andere Töpfe, mit denen wir beim Gründen und in der aller ersten Phase helfen. In der ersten Wachstumsphase wird es schon schwieriger, wenn es um richtig viel Risikokapital geht. Hier haben wir ganz viel Nachholbedarf. Das Regierungsprogramm definiert jetzt einige Maßnahmen, um das zu verbessern – z.B. eigene Fondstrukturen, steuerliche Absetzbarkeit etc. Ich glaube, dass sich dadurch die Risikokapitalintensität in Österreich sehr positiv verändern wird und dass wir dem Thema in Summe mehr Raum geben werden. Wenn dann hauptsächlich in Immobilien investiert wird und nicht in Technologien, wird es schwer.

Warum war die Lehre im vergangenen Jahrzehnt eher unattraktiv für junge Menschen und wie möchten Sie dem entgegenwirken?
Wir haben tatsächlich in den letzten Jahren ein Image- und Reputationsproblem festgestellt. Da ist viel im Hintergrund gemacht worden und wir sehen jetzt zum ersten Mal den Rebound. Bereits drei Jahre in Folge steigen die Zahlen wieder. Das ist sehr gut, aber wir sind lange noch nicht dort, wo wir sein möchten. Wir behandeln das Problem auf mehreren Ebenen. Was können wir innerhalb der Wirtschaftskammer machen? Alle Lehrausbildungen inhaltlich erneuern und überprüfen, ob die Ausbildung noch aktuell ist. Wir bauen überall Digitalaspekte ein, denn vielen Branchen kommen ohne neue Technologien nicht mehr aus. Ein Beispiel hierzu ist die Baulehre. Diese wurde vor zwei Jahren vollkommen neu designt und wurde vor einem Jahr vorgestellt.

Wir schaffen neue Lehrberufe. Einige sind in den letzten zwei Jahren vollkommen neu entstanden und andere sind gerade in der Vorbereitung. Ein weiterer und ganz wichtiger Aspekt ist, welche Menschen man – unabhängig von denen, die gerade 14-15 Jahre alt sind – für die Lehre begeistern kann? Wir wählen auch neue Formate, wie zum Beispiel die duale Akademie. Das betrifft alle Personen, die eine Matura haben und ein Studium begonnen haben, dieses aber abbrechen und etwas Praktisches machen möchten. Da gibt es ein paar neue Formate, wo wir ein paar tausend Leute als Potential haben. Der letzte Punkt ist zweifelsfrei das Image und die Reputation. Hier starten wir jetzt eine großangelegte Initiative gemeinsam mit Robert Kratky, denn wir wollen der Lehre den Respekt und die Anerkennung geben, die sie verdient hat. Die Initiative wird sehr stark im Social Media-Bereich ausgerollt, weil wir auch junge Menschen ansprechen wollen.

„Die inländischen Arbeitskräfte reichen nicht aus. Wenn die Wirtschaft weiter wachsen soll, dann braucht es natürlich qualifizierte Fachkräfte“

betonte Harald Mahrer

Neu ist die sogenannte Teilzeitlehre für Auszubildende mit Betreuungspflichten. Was darf man sich darunter vorstellen?
Es gibt Menschen, die haben entweder im Pflegebereich, oder im Bereich der Betreuung von Kindern Verpflichtungen, die sie erfüllen müssen. Für diese Personen versuchen wir, eine flexible Variante der Lehrausbildungen zu gestalten. Ich halte das für gut, denn man stelle sich vor, man hat in der Familie einen Pflegefall, oder eine schwierige Situation und möchte aber trotzdem eine Lehre absolvieren. Das wird nicht für alle Lehrausbildungen funktionieren, dennoch wollen wir jetzt in diese Richtung gehen und dann evaluieren, wie wir damit weitertun.

Welche Lehrberufe sind derzeit besonders gefragt, bzw. welche Branchen ganz groß im Kommen?
Groß im Kommen, ist alles was mit IT, Technologie, Digitalisierung zu tun hat. Wir sehen im Moment auch einen neuen Trend in Richtung Koch und darüber freuen wir uns sehr. Die stärkste Nachfrage bei den jungen Menschen bleibt jedoch die Digitalisierung. Wir glauben, dass jetzt viel zum Thema Umwelttechnik kommen wird. In Österreich sind wir darin sehr erfolgreich, das weiß nur kaum einer. Neun von zehn Auslandsdelegationen, die nach Österreich kommen, kommen wegen unserer Klima- und Umweltschutztechnologie. Da haben wir in Österreich sehr viel anzubieten und exportieren auch erfolgreich, kommunizieren es jedoch zu wenig.

Wir schaffen neue Lehrberufe. Einige sind in den letzten zwei Jahren vollkommen neu entstanden und andere sind gerade in der Vorbereitung. Wir wählen auch neue Formate, wie zum Beispiel die duale Akademie. Das betrifft alle Personen, die eine Matura haben und ein Studium begonnen haben, dieses aber abbrechen und etwas Praktisches machen möchten“, so Mahrer. (FOTO: KOSMO)

Anfang März finden in allen österreichischen Bundesländern die WKÖ-Wahlen statt. Warum ist der Urnengang so wichtig?
Wer eine starke Wirtschaftsvertretung haben möchte, die auf den Standort schaut, aber auch auf die Menschen in den Betrieben, der muss die Interessensvertretung stärken. Es gibt nur eine Einzige, in der wir alle erfreulicherweise Mitglied sind. Das ist eine zutiefst gesellschaftspolitische, liberale Idee und das wissen nur die wenigsten. Vor über 150 Jahren kam die Frage auf, ob der Staat die Wirtschaft verwalten wird, oder ob die Wirtschaft das selbst tun soll? Ich bin der Meinung, es ist immer besser, wenn wir uns als Betriebe selber verwalten und unsere eigenen Anliegen umsetzen. Es ist nur logisch, dass wir selbst unsere eigenen Interessen gegenüber der Regierung vertreten. Wenn man alle in einer einzigen Familie hat, also von den Großen, zu den Mittleren, bis zu den Kleinen, dann ist die Wirtschaft ganz bunt und das ist gut so. Daher braucht unsere Wirtschaft eine zentrale Stimme und einen zentralen, gestärkten Ansprechpartner gegenüber der Politik und allem anderen.