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Kältephänomen

Windchill-Effekt: Warum sich -5 Grad wie -18 anfühlen können

Windchill-Effekt: Warum sich -5 Grad wie -18 anfühlen können
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4 Min. Lesezeit |

Frostige Temperaturen und schneidender Wind halten Österreich im Griff. Warum sich minus fünf Grad wie minus zwölf anfühlen können und was im Körper bei Kälte passiert.

Die anhaltende Kältewelle sorgt derzeit für frostige Temperaturen in ganz Österreich, die auch in den nächsten Tagen kaum über den Gefrierpunkt steigen werden. Während Minusgrade bei strahlendem Sonnenschein durchaus zu einem Winterspaziergang einladen können, hält der gegenwärtige Wind viele Menschen in ihren warmen Wohnungen. „Dieser Effekt, dass der Wind das Kälteempfinden verstärkt, nennt man Windchill-Effekt“, erklärte am Donnerstag Clemens Biermair, Meteorologe bei der Geosphere Austria. Bei einer Windgeschwindigkeit von 20 km/h können sich minus fünf Grad bereits wie minus zwölf Grad anfühlen.

Die Intensität des Windes beeinflusst direkt unser Kälteempfinden: Bei 50 km/h verwandeln sich minus fünf Grad in gefühlte minus 15 Grad, bei 100 km/h sogar in minus 18 Grad, wie Biermair ausführte. Die Verschärfung des Kälteempfindens nimmt mit steigender Windgeschwindigkeit zu, allerdings nicht linear – ab etwa 100 km/h ist der maximale Auskühlungseffekt erreicht.

Der Windchill-Effekt beschreibt grundsätzlich die Differenz zwischen tatsächlicher und gefühlter Temperatur bei Kälte. Dabei entfernt der Wind – oder auch der Fahrtwind beim Skifahren – die warme Luft von der Hautoberfläche und verstärkt so die Verdunstungskälte. Dieses Phänomen gilt daher als Maßstab für den Verlust von Körperwärme.

Körperliche Reaktionen

Normalerweise schützt uns ein warmer Luftpolster, der durch unsere Körperwärme entsteht. „Dieser Luftpolster wird aber vom Wind weggeblasen“, erläutert Biermair. Geeignete Kleidung bietet zwar Schutz, jedoch keinen vollständigen. „Und ob uns kalt ist oder nicht, liegt im Endeffekt daran, wie viel Energie der Körper aufwenden muss, um seine Temperatur zu halten“, führte der Meteorologe aus.

Das subjektive Kälteempfinden variiert zudem von Person zu Person und wird von Faktoren wie Körperoberfläche, Hauttyp oder Körpergröße beeinflusst. Erfreulicherweise gab Biermair Entwarnung: Die Windstärke habe mittlerweile nachgelassen.

„Der Körper versucht immer, seine Wärme zu behalten“, erklärte am Donnerstag auch Universitätsprofessor Michael Fischer, Leiter des Instituts für Physiologie der MedUni Wien. „Und wenn er Kälte spürt, fängt er in Sekunde eins an, entgegenzuwirken.“ Um ein Auskühlen zu verhindern, verengen sich zum Beispiel an exponierten Hautstellen die Gefäße.

Kälte als Training

Auch der Stoffwechselumsatz des Körpers steigt sofort, das Herz muss mehr pumpen, so der Mediziner. Bewegung hilft: Mit Bewegung könne man bei Kälte gegenwirken – und das macht auch der Körper. Eine große Energiequelle des Muskels ist das Kältezittern, erklärt Fischer.

Erst wenn die Körpertemperatur unter 35 Grad fällt, kann das Kältezittern vom Körper nicht mehr gesteuert werden. Kritische Temperaturen für den Körper liegen aber darunter, erst bei einer Körperkerntemperatur von 33 Grad würden Herz-Rhythmus-Störungen beginnen.

„Es ist überhaupt verblüffend, wie viel ein Körper aushält“, betonte Fischer. Der Körper habe einen großen Spielraum, betrachte man etwa Eisschwimmer, die – kontrolliert und unter ständiger Beobachtung – eine Körpertemperatur von 29 Grad überstehen würden.

„Der Körper hält unglaublich viel aus, wenn er nicht krank und vorbelastet ist“ – und er kann sich auch schnell wieder aufwärmen, bei Kälte wie bei Wind, so Fischer. Sich bei niedrigen Temperaturen und noch niedrigeren gefühlten Temperaturen nur in der geheizten Wohnung zu verschanzen, hält Fischer für keine gute Idee.

„Rausgehen bei Kälte ist für den Körper ein starker Reiz“, sagt er und verweist darauf, dass der Aufenthalt in der Kälte für einen gesunden Körper ein gutes Training ist.