Start NEWS POLITIK „Wir müssen das duale Bildungssystem am Westbalkan so weit wie möglich verbreiten“
INTERVIEW

„Wir müssen das duale Bildungssystem am Westbalkan so weit wie möglich verbreiten“

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(FOTO: KOSMO/Amel Topčagić)

Die Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort Dr. Margarete Schramböck stand für KOSMO zu verschiedenen Themen, wie der Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Wirtschaft, dem 12-Stunden-Arbeitstag, digitalen Kompetenzen und noch vielen mehr, Rede und Antwort.

Frau Bundesministerin, Sie waren 20 Jahre lang in der Privatwirtschaft. Was muss in Österreich dringend geändert werden, damit die Wirtschaft noch besser unterstützt wird?
Margarete Schramböck: Was geändert werden muss, sind die Rahmenbedingungen. Wir sind, was den Wirtschaftsstandort betrifft, in den vergangenen Jahren immer nur schlechter geworden. Die Indizes belegen, dass wir hier wirklich Vieles verabsäumt haben, sowohl im Bereich der Lohnnebenkosten als auch im Bereich der Genehmigungen. Hier sind Veränderungen dringend notwendig. Aus diesem Grund müssen wir die Rahmenbedingungen erleichtern, sodass man gerne Unternehmer wird.

Unlängst erklärten Sie, dass Sie nicht für das Gleichheitsprinzip seien und eine stärkere Honorierung von Leistung fordern. Vergisst man da nicht auf die Schwächeren?
Das Thema der Leistung ist auf jene bezogen gewesen, die im Unternehmen arbeiten können. Wir haben natürlich das klare Ziel, alle in der Gesellschaft mitzunehmen, aber es ist auch ganz klar, dass Leistung honoriert werden muss. Es muss sich im Vergleich mehr auszahlen, zu arbeiten als nicht zu arbeiten. Hier geht es mir immer um jene, die auch die Möglichkeiten dazu haben. Es geht in keinem Fall um jene, die wirklich unsere Unterstützung brauchen und das nicht können. Wenn jemand viele Jahre gearbeitet hat und wenn mal eine Phase eintritt, in der es nicht so gut funktioniert, dann sollen bzw. müssen wir unterstützen.

„Wir haben so viele Chancen in der Digitalisierung und es wird oft nur über die negativen Aspekte berichtet.“

Wie kommentieren Sie die verpflichtende Frauenquote in der Wirtschaft und die derzeitige Situation am österreichischen Arbeitsmarkt hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter?
Ich befinde die Quote in den Aufsichtsräten, so wie sie jetzt ist- nämlich die, der großen Unternehmen, auch jener mit Staatsbeteiligung – für gut und befürworte sie. In den Bereichen des Managements, sehe ich das anders. Eine Ausweitung sehe ich nicht für notwendig. In diesem Zusammenhang bin ich mit dem, wie es jetzt ist, zufrieden. Wir müssen das jetzt alles einmal wirken lassen und anstreben, alle bisherigen Vorgaben zu erfüllen. In den Betrieben mit Staatsbeteiligung ist es ohnehin meist der Fall.

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(FOTO: KOSMO/Amel Topčagić)

In diesem Zusammenhang haben Sie die Gehaltsschere erwähnt. Sie sagten, dass es Ihnen eher darum ginge, was Frauen bekommen.
Ja, korrekt. Das, was mir wichtig ist, ist gleichzeitig auch ein Appell an die Eltern: es gibt so viele neue, tolle Berufe. Wir haben großartige Möglichkeiten im Bereich der Lehre und der Fachkräfteausbildung, die nicht typische Frauenberufe sind. Im Moment ist nur ein Drittel aller Lehranfänger weiblich und davon lernen 44 Prozent drei Berufe: Friseurin, Handels- und Bürokauffrau. Das sind natürlich gute und wichtige Berufe, gleichzeitig haben wir jedoch viele Berufe, die neu sind, wie zum Beispiel jener der E-Commerce-Kauffrau bzw. Kaufmanns. Ab September wird es möglich sein, Programmieren als Lehrberuf zu beginnen. Mein Wunsch wäre, dass Eltern die Möglichkeiten der Beratung nutzen, um sich ein breiteres Bild zu machen. Wenn Eltern ihre Tochter dazu motivieren können, einen dieser eher neuen Berufe zu lernen, dann traue ich mich fast, eine Beschäftigungsgarantie abzugeben. Diese Absolventinnen werden viel leichter unterkommen, da die Wirtschaft Fachkräfte in diesen Berufen braucht.

Sie sind eine Befürworterin der Flexibilisierung der Arbeitszeit von bis zu 12 Stunden täglich. Internationale Studien sprechen jedoch davon, dass man die tägliche Arbeitszeit und Wochenstunden verringern sollte. Wäre dann eine Verlängerung des Arbeitstages nicht kontraproduktiv?
Ich bin eine Befürworterin flexiblerer Arbeitszeiten. Das heißt, wenn man es von der anderen Seite betrachtet, haben wir den vier-Stunden-Tag ermöglicht. Es ist immer eine Frage der Perspektive. Die Arbeitswelt von heute hat sich genauso stark geändert wie die Bedürfnisse der Arbeitnehmer. Sie möchten vielleicht Freitag frei haben oder ein verlängertes Wochenende, um sich weiterzubilden. Sie möchten die Arbeit nicht nach zehn Stunden unterbrechen müssen, wenn sie nur noch eine Stunde Arbeit haben. Wenn zum Beispiel eine Anlage montiert wird und nur noch eine Stunde Arbeit bis zur Fertigstellung wäre, dann müssen die Arbeiter dort übernachten und können nicht zu ihren Familien. Wir schaffen damit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Unternehmerinnen und Unternehmer die Möglichkeit, aus der Illegalität herauszukommen und bilden etwas ab, was ohnehin in der Wirtschaft schon passiert und was von den beiden Seiten gewollt ist. Flexiblere Formen des Arbeitens sind in vielen Kollektivverträgen abgebildet. Jetzt wird es einfach gesetzlich verankert.

Und wenn der Arbeitnehmer nach einem anstrengenden Tag nicht länger als zehn Stunden arbeiten möchte?
Das haben wir auch vorgesehen. Der Arbeiternehmer kann von der zehnten bis zur zwölften Stunde die Arbeit ablehnen, wenn er eine Verpflichtung hat, wie zum Beispiel die Pflege von Kindern. Es ist zum aller ersten Mal, dass eine Ablehnungsmöglichkeit des Arbeitnehmers besteht. Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt.

„Daher mein Appell an die Eltern: es gibt in jedem Bundesland Talente-Check-Stellen, an welche sich Eltern mit ihren Kindern wenden können. Mithilfe dieses Checks können die Eltern besser sehen, über welche Talente ihr Kind verfügt“

Kürzlich wurde ein Digitalisierungspaket im Ministerrat beschlossen. Einer der Inhalte ist der sogenannte Fit4Internet-Pakt. Warum ist digitale Kompetenz in der heutigen Zeit – ungeachtet des Alters – von so großer Wichtigkeit und über welche Skills sollte Ihrer Meinung nach jeder Bürger verfügen?
Ab Juli starten wir mit einem Pakt für digitale Kompetenzen. Wir wollen eine Basis schaffen, sodass jeder Österreicher seine digitalen Kompetenzen prüfen und in diesem Zusammenhang darauffolgend Bildungsmaßnahmen bzw. entsprechende Weiterbildungen machen kann. Diese Kompetenzen sind seitens der EU definiert. Es wird verschiedene Levels geben, wie man es zum Beispiel von Sprachkursen kennt, und solch ein System wird erstmalig in Europa auch für digitale Kompetenzen eingesetzt.

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(FOTO: KOSMO/Amel Topčagić)

Viele äußern die Befürchtung, dass die fortschreitende Digitalisierung uns alle zu ,,gläsernen Menschen“ macht. Sind solche Ängste um den Datenschutz und die Privatsphäre berechtigt?
Was ich mir wünschen würde, wäre eher eine digitale Vertrauensgesellschaft und in diesem Zusammenhang die Unterstützung der Medien. Wir haben so viele Chancen in der Digitalisierung und es wird oft nur über die negativen Aspekte berichtet. Ich glaube, es ist unsere Verantwortung, dass wir gerade für die nächsten Generationen dieses Vertrauen schaffen und erkennen, was die Digitalisierung an Chancen bietet. Natürlich gilt es hier die Sicherheitsthemen hochzuhalten. Dinge, die oft sehr negativ gesehen werden, wie die Datenschutzgrundverordnung, haben die Intention, die Menschen zu schützen. Genau aus diesem Grund benötigen die Konsumenten profunde digitale Kompetenzen. Wir im öffentlichen Bereich haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Fähigkeiten dieser Menschen so weit sind, dass man die Sicherheitslücken auch selbst erkennen kann und jeder Eigentümer seiner eigenen Daten ist. Vor allem die Digitalisierung der Daten im öffentlichen Bereich bringt mehr Sicherheit. Das bedeutet ein Mehr an Sicherheit und keinesfalls ein Weniger. Es geht also nicht um den ,,gläsernen Menschen“, sondern um bessere Sicherheit der Daten.

Ebenso wird im Paket auf die digitalen Kompetenzen von Jugendlichen eingegangen. Handelt es sich hierbei um die neuen Lehrberufe, die Sie in Zukunft anbieten möchten?
Die Lehrberufe gehören auch mit dazu. Das sind Lehrberufe wie z.B. E-Commerce Kaufmann bzw. -frau, Coder, Internet of Things Kommunikation etc. Das sind alles neue spannende Lehrberufe. Daher mein Appell an die Eltern: es gibt in jedem Bundesland Talente-Check-Stellen, an welche sich Eltern mit ihren Kindern wenden können. Mithilfe dieses Checks können die Eltern besser sehen, über welche Talente ihr Kind verfügt. Es gibt viele neue Möglichkeiten sowohl für die Burschen als auch für die Mädchen. Wir haben unlängst eine Umfrage gemacht, welche Lehrberufe bekannt sind? Es ist eigentlich ein sehr kleiner Bruchteil. Es handelt sich dabei um nur fünf Lehrberufe. Es gibt, wie schon gesagt, viel mehr.

In Serbien soll das duale Bildungssystem nach dem österreichischen Modell eingeführt werden…
Das duale System wird ein ganz wichtiges Thema meiner EU-Präsidentschaft sein. Es ist mir ein Anliegen, dass wir am Westbalkan das duale System so weit wie möglich verbreiten. Die Jugendarbeitslosigkeit hängt mit diesem Thema eng zusammen. Wir haben auch in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens einen Fachkräftemangel und aus diesem Grund müssen wir mit dieser dualen Ausbildung hinein. Gleichzeitig muss die Lehre in der Wertigkeit hoch sein. Wir haben in Österreich den Meister im nationalen Qualifikationsrahmen auf dem Niveau des Bachelors. Das ist ein wichtiges Signal an die Eltern.