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20 Jahre seit Miloševićs Sturz und trotzdem am Balkan nichts Neues

5.-Oktober-2000-Sturz-Slobodan-Milosevic
(FOTO: AFP, Wikipedia Commons)

Heute, vor 20 Jahren, wurde der damalige Präsident Serbiens und der Bundesrepublik Jugoslawiens nach Demonstrationen in Belgrad gestürzt.

Am 5. Oktober 2000 kam es zu großen Protesten in der serbischen Hauptstadt, da Slobodan Milošević sein Amt nicht trotz verlorener Wahl nicht niederlegen wollte. Am 24. Oktober 2000 verlor Milošević gegen den DOS-Kandidaten (Demokratische Opposition Serbiens, Demokratska opozicija Srbije), Vojislav Koštunica.

Tränengas und Schüsse
Vor zwei Jahrzehnten machten sich hunderttausend Serben nach Belgrad auf, um den Autokraten Milošević zu stürzen. Aus dem gesamten Land mit Autobussen und anderen Fahrzeugen angereist, versammelten sich die Demonstranten am Plateau vor dem damaligen Parlament.

Überall auf den Straßen waren Fahrzeugkolonnen zu sehen. Mit Baggern durchbrachen Demonstranten die Barrikaden, die Polizei setzte Tränengas ein und Schüsse fielen. Das Parlament wurde stark beschädigt und sogar in Brand gesteckt. Ein ähnliches Schicksal erlitt das Gebäude des serbischen Öffentlich-rechtlichen.

Polizisten schlossen sich an
Der Widerstand der Exekutive währte nur kurz und kann insgesamt als erfolgloses Unterfangen bezeichnet werden. Viele der Polizeibeamten schlossen sich sogar den protestierenden Bürgern an. In den Abendstunden des 5. Oktober wandte sich schließlich der neue Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, Vojislav Koštunica an die serbische Bevölkerung. Einen Tag später akzeptierte Milošević seinen Wahlverlust und gratulierte Koštunica zum Sieg.

Diese Bürgerrevolution verlief allerdings nicht ohne Opfer. Jasmina Jovanović aus der Nähe von Velika Plana kam unter die Räder eines Lastkraftwagens und starb. Momčilo Stakić erlitt während der Demos einen Herzinfarkt und erlag dessen Folgen. Insgesamt wurden bei diesen Aufständen 65 Personen verletzt.

„Miloševićs“ herrschen auch heute
Nach Miloševićs Sturz wurde aus der Republik Jugoslawien, nach der Unabhängigkeit Montenegros 2006, die Republik Serbien und eine marktwirtschaftliche Demokratie ersetzte zumindest offiziell den Sozialismus. Und ebenso führt die EU derzeit Beitrittsgespräche mit dem Westbalkanland, die jedoch vor allem von der Kosovo-Frage stark ausgebremst werden. Auch wenn man glauben möchte, dass sich in den letzten 20 Jahren viel getan hat, so herrscht die alte Cli­que aus den Kreisen Miloševićs auch heute noch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich Serbien 2001 dazu entschied, das ehemalige Staatsoberhaupt am 28. Juni an Den Haag auszuliefern.

Das Datum ist mit Sicherheit nicht zufällig gewählt, handelt es sich beim 28. Juni doch um einen der wohl geschichtsträchtigsten Tage für alle Serben. An diesem Tag wird der Vidovdan (St. Veitstag) begangen. Unter anderem ereigneten sich am 28. Juni die Schlacht am Amselfeld, das Attentat von Sarajevo und Miloševićs Amselfeld-Rede.

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić war 2000 noch Informationsminister, während die Vizepräsidentin der damaligen Bundesregierung, Maja Gojković, heute das Amt der Parlamentspräsidentin innehat. Das ehemalige angesehene Mitglied der Jugoslawischen Linken (Jugoslovenska levica), Aleksandar Vulin ist heute Verteidigungsminister und der Pressesprecher von Miloševićs Partei, Ivica Dačić, Außenminister. Koštunica, der ehemalige Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, zog sich aus der Politik, zurück, während der Premierminister nach Мiloševićs Sturz, Zoran Đinđić, am 12. März 2003 vor dem Regierungsgebäude ermordet wurde. (KOSMO berichtete)

Slobodan Milošević starb im Jahr 2006 im Gefängnis des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, wo er sich für Kriegsverbrechen verantworten musste. Seine Ehefrau und ehemalige Vorsitzende der Jugoslawischen Linken, Mirjana Marković lebte im Exil in Russland, wo sie Asyl erhielt und 2019 verstarb

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien der gebürtige Wiener bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.