Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Hitzewelle

41 Grad in Wien-Stammersdorf – warum gerade hier die Rekorde purzeln

41 Grad in Wien-Stammersdorf – warum gerade hier die Rekorde purzeln
Symbolbild. FOTO: iStock/Frederick Doerschem
5 Min. Lesezeit |

Wien schreibt Klimageschichte – und das gleich mehrfach in wenigen Tagen. Hinter den Rekordwerten steckt mehr als nur eine Hitzewelle.

Innerhalb weniger Tage verzeichnete Wien-Stammersdorf gleich mehrere Temperaturrekorde in rascher Folge. Am Montag, dem 3. August, registrierte die dortige Messstation zunächst 40,1 Grad – ein bis dahin unerreichter Höchstwert für Wien. Bereits am Folgetag kletterte die Temperatur an derselben Stelle auf 41,0 Grad.

Damit wurde die 41-Grad-Marke in der Geschichte der österreichischen Wetteraufzeichnungen erstmals überschritten. An diesem Tag meldeten insgesamt neun österreichische Wetterstationen Werte von mindestens 40 Grad – eine Häufung, die es in dieser Form noch nie gegeben hatte. Der bisherige österreichweite Temperaturrekord lag bei 40,5 Grad und wurde am 8. August 2013 in Bad Deutsch-Altenburg (Niederösterreich) gemessen.

Allerdings wäre es unzutreffend, Wien-Stammersdorf pauschal als den einzigen Ort zu betrachten, an dem Wiener Temperaturrekorde entstehen. Am 28. Juni 2026 war der damalige Allzeitrekord der Stadt mit exakt 40,0 Grad noch an der Messstation Wien-Innere Stadt aufgezeichnet worden, während Wien-Stammersdorf an jenem Tag mit 39,9 Grad knapp dahinter lag. Welcher Standort den jeweils höchsten Tageswert erreicht, hängt von der konkreten Wetterlage, der vorherrschenden Windrichtung, der Bodenfeuchtigkeit sowie den spezifischen örtlichen Bedingungen rund um die jeweilige Station ab.

Stammersdorfs Lage

Die Wetterstation Wien-Stammersdorf befindet sich auf etwa 191 Metern Seehöhe am nördlichen Stadtrand und ist seit Dezember 2008 in Betrieb. Geografisch liegt das Gebiet an der Schnittstelle zwischen Wien, dem Bisamberg und dem flachen, trockenen Marchfeld. Die Umgebung ist geprägt von Weinbergen, landwirtschaftlichen Flächen und weitläufig offenen Arealen – ein Kontrast zu den engen Straßenschluchten der Wiener Innenstadt.

Ausschlaggebend für die extremen Messwerte der vergangenen Tage war vor allem die ungewöhnlich ausgeprägte Trockenheit im Osten Österreichs. Unter normalen Bedingungen verbraucht ausreichend Bodenfeuchte einen Teil der eintreffenden Sonnenenergie für die Verdunstung – ein Prozess, der die bodennahe Luft merklich kühlt. Fehlt diese Feuchtigkeit jedoch, weil Böden und Vegetation stark ausgetrocknet sind, entfällt dieser natürliche Kühlmechanismus nahezu vollständig.

Offene, trockene Flächen können sich unter diesen Bedingungen in den Nachmittagsstunden besonders stark aufheizen. Zusätzlich begünstigen die Randlage zum Wiener Becken sowie lokale Wind- und Strömungsverhältnisse den Zustrom besonders heißer Luftmassen zur Station in Wien-Stammersdorf. Die außergewöhnlichen Messwerte sind damit weder auf einen Gerätedefekt noch auf eine ungeschützte Aufstellung des Thermometers zurückzuführen, sondern spiegeln ein standardisiert erfasstes lokales Temperaturmaximum wider.

Wie extrem sich die Luft unmittelbar über dem ausgetrockneten Boden aufheizen kann, zeigte die Station Stammersdorf auch am Mittwochvormittag: In fünf Zentimetern Höhe wurden bereits um 11.30 Uhr 52,2 Grad gemessen. Dieser Wert darf allerdings nicht mit der offiziellen Lufttemperatur verwechselt werden, die für Wetterberichte und Rekorde in rund zwei Metern Höhe erfasst wird. Die 51,6 Grad verdeutlichen vielmehr, wie stark sich trockene, sonnenbeschienene Flächen und die bodennahe Luft erhitzen können. Die aktuellen Werte findet ihr hier.

Nächtlicher Wärmestau

Die dicht bebaute Innenstadt gilt zwar als klassische Wärmeinsel – doch dieser Effekt entfaltet sich vor allem in den Abend- und Nachtstunden besonders deutlich. Asphalt, Beton und Gebäude nehmen tagsüber große Wärmemengen auf und geben diese nach Sonnenuntergang nur sehr langsam wieder ab. Das Ergebnis: Im Stadtzentrum kühlt es nachts erheblich schlechter ab als in vielen Außenbezirken.

Wie ausgeprägt dieser nächtliche Wärmestau sein kann, zeigte sich unmittelbar nach dem Tagesrekord in Wien-Stammersdorf: In der Nacht auf Mittwoch sank die Temperatur an der Station Wien-Innere Stadt vorläufig nicht unter 28,1 Grad – womit auch der bisherige österreichische Rekord für die wärmste Nacht übertroffen wurde. Dieser lag zuvor bei 27,3 Grad an der Messstation Jubiläumswarte in Wien-Ottakring in der Nacht auf den 29. Juni 2026.

Bedingungen begünstigen Rekorde

Während Wien-Stammersdorf beim Tageshöchstwert die Spitzenposition einnahm, manifestierte sich der extreme nächtliche Wärmestau mitten im Stadtgebiet. Bei der aktuellen Kombination aus stark ausgetrockneten Böden, intensiver Sonneneinstrahlung und sehr heißen Luftströmungen bot die dortige Messumgebung jedoch besonders günstige Voraussetzungen für außergewöhnlich hohe Tageswerte.

In der Umgebung gibt es viele offene Felder und nur wenig Schatten. Größere Waldflächen oder Gewässer, die durch Verdunstung und kühlere Luft für einen spürbaren Ausgleich sorgen könnten, fehlen direkt am Standort weitgehend. Dadurch kann die Sonne den trockenen Boden über viele Stunden nahezu ungebremst aufheizen.

Hinzu kommt die Lage am Rand des Marchfelds. Von dort kann bei entsprechender Wetterlage sehr warme und trockene Luft nach Stammersdorf strömen. Treffen diese Luftmassen auf ausgetrocknete Felder, geringe Bodenfeuchtigkeit und intensive Sonneneinstrahlung, steigt die Temperatur besonders stark an. Deshalb kann Stammersdorf tagsüber höhere Spitzenwerte erreichen als dichter verbaute Teile der Innenstadt.

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen