Zehntausende Kinder verlieren in Österreichs Schulen wertvolle Zeit – eine Reform soll das nun ändern.
Erschreckende Zahlen aus Österreichs Klassenzimmern: Im Schuljahr 2022/23 befanden sich 22.800 Schülerinnen und Schüler im außerordentlichen Status – 22 Prozent von ihnen mussten eine Klasse wiederholen, weitere drei Prozent verloren sogar zwei Schuljahre. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) sieht dringenden Reformbedarf. „Dass fast ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler im außerordentlichen Status zumindest ein Jahr in ihrer Schullaufbahn verlieren, ist eine Zahl, die viel zu hoch ist“, sagte er der APA.
Bislang galt: Wer am Ende des Schuljahres beim Sprachtest MIKA-D (Messinstrument zur Kompetenzanalyse – Deutsch) kein „ausreichendes“ Ergebnis erzielte, musste die Schulstufe wiederholen – unabhängig davon, ob in allen anderen Fächern positive Beurteilungen vorlagen. Besonders gravierend wirkte sich das beim Übergang von der Volksschule in die Mittelschule aus, da der außerordentliche Status manchen Kindern die formalen Voraussetzungen für den Wechsel entzog.
Neue Aufstiegsregeln
Ab dem Schuljahr 2026/27 wird eine Neuregelung in Kraft treten: Schülerinnen und Schüler dürfen künftig auch dann aufsteigen, wenn ihr MIKA-D-Ergebnis lediglich „mangelhaft“ ausfällt – sofern sie in sämtlichen Unterrichtsfächern positiv beurteilt wurden und die Klassen- oder Schulkonferenz eine positive Leistungsprognose ausstellt. Diese Regelung gilt ebenso für den Übertritt von der Volksschule in die Mittelschule. Ein „ungenügendes“ Testergebnis hingegen zieht weiterhin eine Klassenwiederholung nach sich.
Bereits ab dem kommenden Herbst erhalten Schulen mehr Gestaltungsspielraum, um Kinder gezielter und individueller fördern zu können und unnötige Klassenwiederholungen zu vermeiden. Zudem wird die Pflicht zur Einrichtung eigener Deutschförderklassen gelockert: Bisher waren Schulen ab acht außerordentlichen Schülerinnen und Schülern dazu verpflichtet, eine separate Klasse oder Gruppe zu bilden. Künftig kann die Deutschförderung direkt im Klassenverband stattfinden. Rund die Hälfte der Schulen beabsichtigt, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. In den gemeinsam besuchten Fächern sollen die Kinder künftig auch benotet werden können.
Grundlage für die Zuweisung in eine Deutschförderklasse ist der Sprachtest MIKA-D. Schulanfänger sowie Quereinsteiger aus dem Ausland, die dabei nicht ausreichend abschneiden, können bis zu zwei Jahre lang bis zu 20 Stunden wöchentlich getrennt von ihrer Stammklasse unterrichtet werden. Gemeinsamer Unterricht findet in der Regel nur in Fächern wie Werken, Musik oder Sport statt. Zuletzt waren mehr als 48.000 Schülerinnen und Schüler in Österreich im außerordentlichen Status.
MIKA-D-Reform
Künftig ist der MIKA-D-Test nur noch am Ende des Sommersemesters verpflichtend vorgesehen. Bei deutlichen sprachlichen Fortschritten kann ein zusätzlicher Test durchgeführt werden, der einen frühzeitigen Wechsel in die Regelklasse ermöglicht. Darüber hinaus wird der Test inhaltlich überarbeitet: Neue Aufgaben für die dritte und vierte Volksschulklasse sowie für die Mittelschule sollen zu präziseren Ergebnissen führen.
Durch die ab heuer verpflichtende Sommerschule, den Ausbau der Deutschförderung sowie zusätzliche Mittel für Schulen in sozial schwierigem Umfeld – den sogenannten „Chancenbonus“ – sollen Kinder laut Wiederkehr rascher aus dem außerordentlichen Status herausfinden und „mit guten Deutschkenntnissen am Schulleben voll teilhaben“.