Tausende Kilometer Distanz, aber die Verantwortung bleibt. Wie Diaspora-Familien mit der Pflege ihrer Eltern auf dem Balkan umgehen.
Die Kinder arbeiten in Wien, Graz oder Linz – die Eltern werden in Bosnien, Serbien oder Kroatien älter. Was sich für viele Betroffene als zutiefst persönliche Last anfühlt, ist längst zu einem strukturellen Phänomen geworden. Ein aktueller Bericht der Weltbank warnt, dass Albanien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien innerhalb des nächsten Jahrzehnts zu sogenannten „super-aged societies“ werden könnten – also Gesellschaften, in denen mehr als 21 Prozent der Bevölkerung mindestens 65 Jahre alt sind.
Bis 2035 könnten auf dem Westbalkan rund vier Millionen Menschen über 65 leben. Professionelle Pflegeangebote sind dort vielerorts begrenzt, regional ungleich verteilt und für viele Familien kaum zugänglich. Die Versorgung älterer Menschen liegt deshalb nach wie vor überwiegend bei den Angehörigen – und besonders bei Frauen. Zwischen täglichen Telefonaten, Geldüberweisungen und einem nagenden Schuldgefühl entsteht so eine Pflege über hunderte Kilometer.
Zunächst sind es Kleinigkeiten. Der Vater braucht jemanden, der ihn zum Arzt begleitet. Die Mutter verliert den Überblick darüber, welche Medikamente sie wann nehmen soll. Im Winter versagt die Heizung, im Sommer wartet der Garten. Die erwachsenen Kinder versuchen, das alles aus Österreich heraus zu koordinieren: Sie rufen Verwandte an, überweisen Geld, vereinbaren Termine und bitten Nachbarn, gelegentlich nach dem Rechten zu sehen.
Solange die Eltern weitgehend selbständig ihren Alltag bewältigen, trägt dieses System häufig. Doch mit jedem Sturz, jedem Krankenhausaufenthalt und jedem Anzeichen von Demenz wächst die gefühlte Distanz.
Wachsende Versorgungslücken
Laut dem Weltbank-Bericht erhalten in Serbien rund 37 Prozent der älteren Menschen mit Pflegebedarf nicht die Unterstützung, die sie benötigen – betroffen sind vor allem jene, die allein leben oder keine Angehörigen in unmittelbarer Nähe haben. Auch Bosnien und Herzegowina ist von einer raschen Alterung der Gesellschaft betroffen. Das mittlere Alter der Bevölkerung lag 2023 bei rund 44,9 Jahren. Der Anteil der Menschen ab 65 Jahren stieg von sieben Prozent im Jahr 1990 auf etwa 22 Prozent im Jahr 2023. Abwanderung und anhaltend niedrige Geburtenraten verstärken diese Entwicklung zusätzlich.
Nicht selten lehnen Eltern Hilfe zunächst ab. Sie wollen ihren Kindern keine Bürde sein, fürchten den Verlust ihrer Eigenständigkeit oder sperren sich dagegen, eine fremde Person in ihr Zuhause zu lassen. Die Kinder wiederum beruhigen sich mit dem täglichen Anruf. Doch ein Telefongespräch zeigt nicht, ob der Kühlschrank leer ist, ob Medikamente korrekt eingenommen wurden oder ob ein älterer Mensch nach einem Sturz stundenlang allein auf dem Boden gelegen hat.
Auch regelmäßige Überweisungen lösen das eigentliche Problem nur zum Teil. Sie können Medikamente, eine Reinigungskraft oder private Arzttermine finanzieren – aber sie ersetzen nicht die Person, die vor Ort verlässlich koordiniert, kontrolliert und im Notfall erreichbar ist. Diese Rolle übernehmen häufig Geschwister, Cousins, Nachbarn oder Freunde. Dabei entstehen schnell Spannungen: Wer fährt zum Arzt? Wer kümmert sich um Rechnungen? Wer erhält eine Aufwandsentschädigung – und wer fühlt sich ausgenutzt?
Frühzeitige Vorsorge
Familien sollten deshalb nicht erst nach einem Notfall das Gespräch über Unterstützung suchen. Sinnvoll ist eine gemeinsam erstellte Übersicht mit den wichtigsten Informationen: eine aktuelle Medikamentenliste, bestehende Diagnosen, Kontaktdaten der Hausärzte, Krankenversicherungsunterlagen sowie Telefonnummern von mindestens zwei verlässlichen Personen vor Ort. Ein Ersatzschlüssel sollte bei einer vertrauenswürdigen Person hinterlegt sein.
Ebenso wichtig ist die Frage, wer im Namen der Eltern handeln darf, wenn diese vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr selbst entscheiden können. Vollmachten sollten frühzeitig mit einer rechtskundigen Person im jeweiligen Land geregelt werden – eine in Österreich ausgestellte Vollmacht wird nicht in jedem Verfahren automatisch anerkannt. Rechnungen, Versicherungsunterlagen, Befunde und Eigentumsdokumente sollten zusätzlich digital gesichert werden, damit wichtige Papiere im Ernstfall nicht erst in einem Schrank in Sarajevo, Banja Luka oder Belgrad gesucht werden müssen.
Viele Familien führen ausführliche Gespräche darüber, wie lange die Eltern noch allein zu Hause zurechtkommen. Seltener wird besprochen, was danach kommen soll. Ist eine Pflegekraft im Haushalt realistisch? Gibt es ein geeignetes Pflegeheim in der Nähe? Könnte ein Elternteil nach Österreich übersiedeln? Oder müsste eines der Kinder seine Arbeitszeit reduzieren und für längere Zeit in die Heimat fahren?
Keine dieser Optionen ist unkompliziert. Ein Umzug nach Österreich bedeutet für ältere Menschen häufig den Verlust ihrer vertrauten Umgebung, ihrer Alltagssprache und ihres sozialen Umfelds. Eine Betreuung am Balkan wiederum ist schwer zu überblicken, wenn die Angehörigen mehrere hundert Kilometer entfernt leben.
Für viele Menschen aus der Diaspora ist die Sorge um die Eltern untrennbar mit einem Schuldgefühl verbunden. Sie wissen, dass ihr Leben in Österreich nur möglich wurde, weil ihre Eltern einst auf vieles verzichtet haben. Nun entsteht die innere Erwartung, etwas zurückzugeben. Doch niemand kann gleichzeitig vollständig in zwei Ländern präsent sein.
Wer in Österreich Kinder, Arbeit und Verpflichtungen hat, kann nicht bei jedem Arzttermin am Balkan dabei sein. Das Ziel kann deshalb nicht sein, alles persönlich zu übernehmen. Entscheidend ist ein verlässliches Netzwerk, in dem Aufgaben klar verteilt sind und die Eltern trotz aller Unterstützung so lange wie möglich selbstbestimmt leben können.
Gefährlich wird es, wenn alle Beteiligten stillschweigend davon ausgehen, dass sich im Ernstfall schon irgendjemand kümmern wird.