Ein Krapfen auf 2.300 Metern, eine Stunde Wartezeit: Die Dolomiten erleben einen Touristenansturm, der selbst Einheimische sprachlos macht.
Val di Fassa – Zwischen Berggipfeln, Seilbahnen und Wanderwegen herrscht in den Dolomiten derzeit Hochbetrieb: Zehntausende Urlauber strömen in die Region – Tendenz steigend. Videos in sozialen Netzwerken dokumentieren den Massenandrang an den bekanntesten Ausflugszielen.
Schon vor drei Wochen hatte eine gewaltige Warteschlange nahe der weltberühmten Drei Zinnen eine internationale Diskussion über die Grenzen des Tourismus ausgelöst. Als Reaktion auf den anhaltenden Ansturm wurden für mehrere besonders betroffene Hotspots bereits konkrete Regulierungsmaßnahmen eingeführt: Für die mautpflichtige Zufahrtsstraße zum Rifugio Auronzo an den Drei Zinnen gilt für die Saison 2025 ein digitales Reservierungssystem mit täglicher Besucherobergrenze von 2.500 Personen sowie Shuttlebus-Nutzung als zentrale Zugangsmöglichkeit. Auch am Lago di Braies ist die Zufahrt für Privatfahrzeuge zeitlich beschränkt und nur nach vorheriger digitaler Reservierung beziehungsweise mit Shuttlebus möglich; zusätzlich ist die Zahl der täglichen Besucher auf rund 3.000 Menschen begrenzt.
Chaos am Bergpass
Doch das Anstehen beschränkt sich längst nicht mehr auf beliebte Fotomotive: Mittlerweile warten Urlauber sogar auf ihr Essen. Einheimische hielten die langen Menschenschlangen in der Provinz Trentino mit der Kamera fest – die Aufnahmen verbreiteten sich rasant im Netz und sorgten für lebhafte Debatten.
Besonders eindrücklich zeigt sich die Lage am Bergpass Passo di Giau unterhalb des Monte Gusela. „Das ist Wahnsinn“, schrieb ein italienischer Influencer, der selbst offiziell für den Tourismus in der Region wirbt. „Ich komme seit Jahren in die Berge und habe wirklich noch nie so ein Chaos gesehen, überall stehen die Leute an“, meint ein Wanderer.
Eine Frau behauptet: „Die interessieren sich nicht für die Dolomiten. Die kommen in Flipflops, nur um Fotos zu machen.“ Am Tag der jüngsten Sonnenfinsternis in der vergangenen Woche sei auf dem Passo di Giau der Verkehr komplett zusammengebrochen. Ein weiterer Clip zeigt eine riesige Autokolonne vor der markanten Kulisse des 2.595 Meter hohen Monte Gusela, die bis ins Tal hinab reicht.
Stunden für Frühstück
Wer auf 2.300 Metern Höhe einen frischen, mit Schlagobers gefüllten Krapfen ergattern möchte, braucht vor allem eines: Geduld. Täglich finden sich bereits in den frühen Morgenstunden Hunderte Urlauber vor einer Berghütte am Langkofel an der Grenze zu Südtirol ein. Besucher berichten, sie hätten gut eine Stunde für ihr Frühstück vor der Traumkulisse ausgeharrt.
Auch im Tal reißen die Menschenmassen nicht ab. Beim traditionellen Kulinarikfest „Golosando“ im Dorf Soraga im Val di Fassa reihen sich unzählige Touristen – darunter viele Familien mit Babys und Kleinkindern – in einer Schlange durch den halben Ort. Soraga selbst zählt gerade einmal 700 Einwohner.
„Dieses Jahr schien es mir, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Es waren noch nie so viele Menschen da“, berichtete eine Frau, die ihre Sommerferien nach eigenen Angaben seit 35 Jahren in der kleinen Gemeinde verbringt.