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Abnehmspritzen

Ärzte warnen: Gefährlicher Abnehm-Hype unter Normalgewichtigen

Ärzte warnen: Gefährlicher Abnehm-Hype unter Normalgewichtigen
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5 Min. Lesezeit |

Vom Hollywood-Trend zur Wiener Ambulanz: Abnehmspritzen erobern den Markt. Die Medikamente versprechen raschen Gewichtsverlust – doch Experten warnen vor missbräuchlicher Anwendung.

Die Abnehmspritzen werden direkt in den Bauchbereich injiziert. Wer jemals versucht hat, Gewicht zu verlieren, kennt die Herausforderungen einer Diät. Besonders attraktiv erscheinen daher Medikamente, die innerhalb eines Jahres eine Gewichtsreduktion von bis zu einem Fünftel des Körpergewichts versprechen. Präparate wie Saxenda, Wegovy und Mounjaro wurden ursprünglich für Adipositas-Patienten entwickelt. Die Zulassung erfolgt bei einem Body-Mass-Index von mindestens 30 kg/m², beziehungsweise ab 27 kg/m² bei vorliegenden gewichtsbedingten Erkrankungen. Dennoch wächst das Interesse auch bei Personen, die lediglich eine moderate Gewichtsabnahme anstreben.

Hollywood-Trend

In den Vereinigten Staaten hat sich ein regelrechter Trend entwickelt: Bei Veranstaltungen in Hollywood-Kreisen wird das Diabetes-Medikament Ozempic, das denselben Wirkstoff wie einige Abnehmspritzen enthält, offen weitergegeben. Prominente wie Elon Musk haben ihren Gebrauch dieser Medikamente öffentlich thematisiert. Vor kurzem gab auch der deutsche Komiker Oliver Pocher bekannt, mithilfe eines solchen Präparats 14 Kilogramm abgenommen zu haben. Laut einem Bericht der New York Times müssen zahlreiche Bräute ihre Hochzeitskleider deutlich verkleinern lassen, da sie zwischen Anprobe und Hochzeitstermin erheblich an Gewicht verlieren – nicht selten von Größe 44 auf 38.

In Österreich ist diese Entwicklung noch nicht so ausgeprägt zu beobachten, doch auch hier greifen neben den eigentlichen Zielgruppen zunehmend Normalgewichtige oder leicht Übergewichtige zu den Abnehmmedikamenten. „Wir hatten immer wieder Patientinnen und Patienten, die danach gefragt haben. Allerdings handelt es sich um Medikamente und wenn die Indikation dafür nicht erfüllt ist, um eine missbräuchliche Verwendung“, betont Johanna Brix, Leiterin der Adipositasambulanz der Klinik Landstraße in Wien. In ihre Ambulanz kämen überwiegend jene, die die medizinischen Kriterien erfüllen. Dass auch Normalgewichtige versuchen, sich die Mittel zu beschaffen, sei jedoch vorstellbar. „Zu den Wirkstoffen zu greifen, nur um ins Brautkleid zu passen, oder abzunehmen, obwohl ich bereits schlank bin, davon kann ich nur abraten. Man muss sich klarmachen, dass es sich um Medikamente handelt, nicht um Hustenzuckerl“, so Brix.

Wirkung und Risiken

Die Wirkungsweise dieser Präparate basiert auf der Nachahmung von ein oder zwei Darmhormonen, die normalerweise nach Nahrungsaufnahme freigesetzt werden. Sie erzeugen ein Sättigungsgefühl, verlangsamen die Magenentleerung und reduzieren den Blutzuckerspiegel – besonders vorteilhaft für Personen mit Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes. Die Kombination aus vermindertem Appetit, länger anhaltendem Sättigungsgefühl und stabileren Blutzuckerwerten führt zur Reduktion der Nahrungsaufnahme und folglich zum Gewichtsverlust. Die Anwendung birgt jedoch Risiken, insbesondere für Menschen mit Normalgewicht.

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Gewichtsabnahme durchschnittlich auf acht bis 20 Prozent des Ausgangsgewichts beschränkt ist – bei einem Startgewicht von 60 Kilogramm könnte dies eine Reduktion auf 48 Kilogramm bedeuten, was bereits im untergewichtigen Bereich liegt. Auch die Hersteller weisen ausdrücklich darauf hin, dass ihre Produkte nicht für kosmetische Gewichtsreduktion konzipiert wurden.

Die meisten Anwender erleben zudem unerwünschte Begleiterscheinungen. „Nahezu alle Patienten berichten anfangs über gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall“, sagt Brix. Der Gewichtsverlust selbst kann durch Veränderungen im Fettstoffwechsel die Bildung von Gallensteinen begünstigen. Zusätzlich besteht die Gefahr von Nährstoffdefiziten, die zu Haarausfall und weiteren Mangelerscheinungen führen können. Eine Entwicklung von Essstörungen durch die Medikamente allein befürchtet Brix nicht: „Wer das Medikament bei Normalgewicht missbräuchlich verwendet, hat dieses Thema bereits vorher. Das ist schon ein Schritt, den bewusst ich in diese Richtung gehe.“

Verfügbarkeit und Kosten

Die Präparate sind ausschließlich in Apotheken und nur mit ärztlicher Verschreibung erhältlich. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist eingeschränkt: Saxenda wird in Österreich für adipöse Jugendliche für ein bis zwei Jahre finanziert. Erwachsene erhalten derzeit nur dann eine Kostenerstattung, wenn sie sich einer bariatrischen Operation (chirurgischer Eingriff zur Verkleinerung des Magens bei starkem Übergewicht) unterziehen – einem chirurgischen Eingriff zur Behandlung von Fettleibigkeit. Dabei soll durch die vorherige Gewichtsreduktion das Operationsrisiko minimiert werden.

Trotz dieser Einschränkungen ist die Nachfrage drastisch gestiegen: Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) finanzierte 2022 noch 76.542 Packungen der Medikamente Ozempic, Saxenda, Wegovy und Mounjaro – 2023 waren es bereits 144.511, im laufenden Jahr 2024 sogar 179.805. Die Apothekerkammer betont, dass die Verantwortung für die Verschreibung ausschließlich bei den behandelnden Ärzten liegt. „Ärzte, die ein Medikament außerhalb der Indikation verschreiben, sollten sich gut auskennen. Man muss einen solchen Fall ganz genau begründen können“, erklärt Brix.

Mit der steigenden Popularität wächst auch der illegale Handel. Im Internet finden sich zahlreiche Angebote – häufig gefälscht und mitunter gesundheitsgefährdend. Eine amerikanische Umfrage ergab, dass jeder Vierte bereit wäre, die Medikamente auch ohne ärztliche Begleitung einzunehmen. Dies kann jedoch erhebliche gesundheitliche Konsequenzen haben, besonders bei falscher Dosierung. Obwohl die Wirkung oft rasch sichtbar wird, bleibt das Thema gesellschaftlich tabuisiert. Ähnlich wie bei Prominenten spricht man auch im Alltag ungern über die Nutzung der Spritzen. „Abnehmen und das Gewicht sind generell Tabuthemen – es ist etwas sehr Persönliches, und viele meinen, man müsse sich anstrengen, etwa viel Sport machen, damit man abnimmt. Gerade für Menschen mit Adipositas sind die Medikamente aber ein wichtiger Fortschritt“, betont Brix.

Nachhaltige Erfolge stellen sich nur ein, wenn die medikamentöse Behandlung von einer fundamentalen Änderung des Lebensstils begleitet wird. Ohne Anpassungen bei Ernährung, körperlicher Aktivität und Verhaltensmustern droht der bekannte Jo-Jo-Effekt. „Die meisten Menschen nehmen nach dem Absetzen wieder zwei Drittel ihres Ursprungsgewichts zu“, berichtet Brix. Ein schrittweises Ausschleichen des Medikaments unter ärztlicher Aufsicht ist zwar möglich, gelingt jedoch nicht in allen Fällen.

Bei monatlichen Kosten von bis zu 580 Euro stellt die dauerhafte Einnahme zudem eine erhebliche finanzielle Belastung dar.

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KO KOSMO-Redaktion
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