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Ärztemangel in Österreich: Das Problem ist größer als gedacht

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Lange Zeit galt der Ärztemangel als vergleichsweise kleine Bedrohung. Im internationalen Vergleich nämlich schien es, als verfüge Österreich über ausreichend Mediziner, um nicht in eine gefährliche Mangelversorgung zu rutschen.

Das allerdings erweist sich als Trugschluss. Nun fordert nicht nur die Ärztekammer ein zügiges Eingreifen. Geschieht das nicht, könnte es in Praxen und Spitälern eng werden.

Die aktuelle Situation in Österreich

Der Ärztemangel ist in der Regel ein Problem, das nicht nur wegen geringer Ärztezahlen entsteht, sondern vor allem aus der Altersstruktur und der Teilzeitquote resultiert. In Österreich zeigt sich, dass über 30 Prozent der Mediziner bereits in einem Jahrzehnt in Pension gehen könnten. Im Bereich niedergelassener Ärzte gilt dies sogar für nahezu jeden zweiten. Auf diese Weise entstehen Lücken, die der Nachwuchs nicht füllen kann.

Zu sehen ist der Ärztemangel schon jetzt: Wartezeiten verlängern sich, Praxen nehmen keine Patienten mehr auf und der Gang zum Wahlarzt wird für immer mehr Menschen zu einer denkbaren Alternative. Gehen Mediziner in Pension oder entscheiden sich für Teilzeit, bleiben viele Arzt-Jobs in Österreich frei. Pro Jahr dürften etwa 1.450 Ärzte benötigt werden, um die derzeitige Versorgungslage zu erhalten. Die tatsächliche Anzahl jener Absolventen, die nach ihrer Ausbildung auch in Österreich tätig werden, liegt jedoch bei gerade einmal 840 pro Jahr.

Dass der Ärztemangel zu einer Bedrohung werden könnte, zeichnete sich bereits 2017 ab. Experten warnen daher schon länger davor, die Situation allzu entspannt zu betrachten. Unterstrichen wird diese Forderung von der Ärztestatistik, die sowohl über die Anzahl der Wahl- sowie Kassenärzte als auch über die tatsächlich verfügbaren Vollzeit-Mediziner informiert. So gab es vor rund einem Jahr zwar 46.337 Ärzte in Österreich, erfolgt eine Umrechnung auf Vollzeitäquivalente, sinkt die Zahl hingegen auf 39.110. Schon zum damaligen Zeitpunkt waren in der ganzen Republik 129 Kassenstellen frei.

Ärztemangel: Unterschätzt und dringlich

Ein Fehler, der letztlich dazu führte, dass der Ärztemangel lange unterschätzt wurde, findet sich in den Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Auch Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, betont dies und weist darauf hin, dass es in Österreich nicht wie lange angenommen ein Verteilungsproblem, sondern vielmehr eine bestehende Knappheit gibt.

Was Patienten erleben, entspricht folglich der Realität: Österreich gehen die Ärzte aus. Die OECD-Statistik erwies sich als schlechter Berater, da für die österreichischen Zahlen auch all jene Ärzte berücksichtigt wurden, die sich noch in Ausbildung befanden. Dies sorgte für deutlich zu hohe Angaben in Bezug auf die Ärztedichte. Diese liegt laut der aktuellen Zahlen der Ärztekammer beispielsweise in Oberösterreich bei 4,5 Ärzten pro 1.000 Patienten und in Wien bei sechs Medizinern.

Was tun gegen die Knappheit?

Damit sich die Versorgungslage in den kommenden Jahren nicht erheblich zuspitzt, müssen verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Hier befinden sich die Verantwortlichen aktuell in einer Phase, in der sowohl Anreize als auch rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden könnten.

So verlangt Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, dass die „Patientenmilliarde“ zügig ausgezahlt wird, um entsprechende Schritte einzuleiten. Zudem weist er in seinen Forderungen darauf hin, dass eine Versorgung nicht nur in Städten, sondern auch auf dem Land aufrechterhalten bleiben muss.

Interessant könnten ferner Veränderungen sein, von denen Ärzte in Teilzeit profitieren. Aktuell gibt es in Österreich in der Allgemeinmedizin und bei Turnusärzten deutlich mehr Medizinerinnen. Dies erfordert ein Umdenken, um die Versorgung nicht durch Arbeitszeitverluste zu gefährden. Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Ausübung des Berufs mit der Familienplanung vereinbar machen, könnten die Lage positiv beeinflussen.

Bedacht werden sollte angesichts der bestehenden Nachwuchslücken auch, inwiefern sich junge Mediziner für Stellen in unterbesetzten Regionen begeistern lassen könnten. Mancherorts bestehen solche Möglichkeiten schon: so erhalten Studenten der Universität Krems Kreditzuschüsse, sofern sie sich dazu verpflichten, in Niederösterreich zu praktizieren, bis der Kredit zurückgezahlt wurde.

Ob und inwiefern in Österreich eine Erhöhung der Studienplätze umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. So hatte die Landeshauptleutekonferenz bereits eine Aufstockung auf 3.000 Plätze gefordert. Hierzu äußerte sich Dr. Wolfgang Weismüller, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, und gab zu bedenken, dass eine alleinige Erhöhung keine ausreichende Lösung darstellt. In der Folge könnten sonst nicht genügend Ausbildungsstellen zur Verfügung stehen.

Ebenfalls notwendig ist laut Weismüller die Verbesserung von Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. Dadurch ließe sich die Abwanderung vieler Mediziner ins Ausland vermeiden. Fest steht: gegen den Ärztemangel reicht ein Rezept allein nicht aus, mit einer ganzheitlichen Strategie könnte die Lage aber entschärft werden.