Ein neuer Hoffnungsschimmer für Alzheimer-Patienten erreicht Österreich: Das Medikament Leqembi kann den geistigen Verfall im Frühstadium um fast ein Drittel verlangsamen.
Das neue Alzheimer-Medikament Leqembi mit dem Wirkstoff Lecanemab zielt auf Patienten im Frühstadium der Erkrankung ab. Der Antikörper-Wirkstoff erkennt und bindet gezielt an Vorstufen der Amyloid-beta-Protein-Plaques (Eiweißablagerungen) im Gehirn, die mit dem Absterben von Nervenzellen in Verbindung stehen. Durch diese Bindung wird das Immunsystem aktiviert, um die Plaques abzubauen oder deren Neubildung zu verhindern.
Die Markteinführung erfolgte schrittweise: In den USA erhielt Leqembi zunächst am 6. Jänner 2023 eine vorläufige Zulassung, bevor die FDA am 6. Juli 2023 die vollständige Genehmigung erteilte. In Europa folgte die Zulassung am 15. April 2025. Seit dem 25. August 2025 ist das Präparat in Österreich verfügbar, Deutschland folgt am 1. September – beide Länder sind damit Vorreiter bei der Einführung in der EU.
Der therapeutische Nutzen von Leqembi liegt in der Verlangsamung des Krankheitsverlaufs, nicht in einer Heilung. Die entscheidende CLARITY AD-Studie belegte, dass der geistige Abbau bei Patienten unter Leqembi-Therapie langsamer voranschritt als in der Placebo-Gruppe. Bei der für die EU-Zulassung relevanten Patientengruppe konnte die kognitive Verschlechterung nach 18 Monaten durchschnittlich um 31 Prozent verlangsamt werden.
Strenge Auswahlkriterien
Die Eignung für eine Behandlung unterliegt strengen Kriterien. Infrage kommen ausschließlich Patienten im frühen Erkrankungsstadium mit geringen kognitiven Einschränkungen – entweder mit Mild Cognitive Impairment (MCI, leichte kognitive Beeinträchtigung) oder beginnender Alzheimer-Demenz. Zudem müssen die Amyloid-beta-Ablagerungen durch Lumbalpunktion (Rückenmarkspunktion) oder Amyloid-PET (bildgebendes Verfahren) nachgewiesen sein.
Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle: Patienten dürfen maximal eine Kopie des ApoE4-Gens besitzen, da Träger von zwei Kopien ein erhöhtes Blutungsrisiko aufweisen. Auch die Einnahme von Gerinnungshemmern schließt eine Therapie aus.
Die Anwendung von Leqembi stellt das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Erforderlich sind eine frühe Diagnosestellung und spezialisierte Einrichtungen mit entsprechender Ausstattung. Die Therapie erfordert regelmäßige MRT-Kontrollen vor der 5., 7. und 14. Dosis, um mögliche Hirnschwellungen oder -blutungen frühzeitig zu erkennen.
Werden diese Untersuchungen versäumt, muss die Behandlung abgebrochen werden. Bei Symptomen wie Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Übelkeit entscheidet das medizinische Fachpersonal über weitere diagnostische Maßnahmen.
Neben den medizinischen Voraussetzungen müssen Patienten der Teilnahme an einem EU-weiten Register und der Weitergabe ihrer Behandlungsdaten zustimmen. Sie erhalten eine Patientenkarte sowie behördlich genehmigte Aufklärungsunterlagen. Diese Maßnahmen dienen der Therapiesicherheit und der systematischen Erfassung von Behandlungsergebnissen.
Risiken beachten
In klinischen Studien wurden verschiedene Nebenwirkungen dokumentiert, darunter Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H). Diese verliefen meist symptomlos, erforderten jedoch engmaschige Kontrollen. Das Risiko für solche Komplikationen korreliert stark mit dem ApoE4-Gen, weshalb Träger von zwei Genkopien von der Therapie ausgeschlossen sind.
Bei den für die EU-Zulassung relevanten Patientengruppen traten in etwa 13 Prozent der Fälle Hirnblutungen und bei 9 Prozent Hirnschwellungen auf. Weitere mögliche Nebenwirkungen umfassen Kopfschmerzen und Infusionsreaktionen. In der Studie wurden drei Todesfälle registriert, wobei zwei mit der gleichzeitigen Einnahme von Gerinnungshemmern in Verbindung standen. Die Hersteller Eisai und Biogen betonen jedoch, dass kein direkter Zusammenhang mit dem Medikament nachgewiesen wurde.
Die Anzahl potenzieller Therapiekandidaten ist noch ungewiss. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) schätzte im Mai 2025, dass etwa ein Prozent aller Alzheimer-Patienten – rund 12.000 Personen – alle Voraussetzungen für eine Leqembi-Behandlung erfüllen. Aktuellere Berechnungen vom August 2025 gehen von bis zu 73.000 möglichen Patienten in Deutschland aus, wobei diese Zahl als optimistische Obergrenze gilt.
In der Praxis dürfte die tatsächliche Zahl deutlich niedriger ausfallen, bedingt durch die aufwendige Diagnostik, Ausschlusskriterien und begrenzte Behandlungskapazitäten. Die Therapie wird beendet, wenn die Alzheimer-Erkrankung in ein mittelschweres Stadium fortschreitet oder wenn sich während der Behandlung ein erhöhtes Risiko für Hirnblutungen entwickelt.
In letzterem Fall prüfen die behandelnden Ärzte, ob eine Fortsetzung der Therapie vertretbar ist.