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Verwandtschaft

Amidža, daidža, stric, ujak, tetak – wer ist jetzt eigentlich wer?

Amidža, daidža, stric, ujak, tetak – wer ist jetzt eigentlich wer?
(FOTO: Mit KI erstellt)
4 Min. Lesezeit |

Im Deutschen gibt es Onkel. Bei uns reicht das nicht. Denn ob jemand der Bruder deiner Mutter, der Bruder deines Vaters oder der Mann deiner Tante ist, kann sprachlich einen entscheidenden Unterschied machen. Willkommen im Verwandtschaftssystem des Balkans.

„Das ist mein Onkel.“ Ein völlig normaler Satz in Österreich. Ein Balkan-Elternteil könnte darauf allerdings sofort die wichtigste Rückfrage stellen: „Koji?“ Welcher? Denn „Onkel“ ist bei uns häufig viel zu ungenau. Da gibt es beispielsweise ujak, stric, daidža oder amidža – je nach Region, Sprache und danach, von welcher Seite der Familie der betreffende Mann überhaupt kommt. Und dann wären da natürlich noch die Männer der Tanten, für die es ebenfalls eigene Bezeichnungen gibt. Wer in Österreich aufgewachsen ist, braucht dafür manchmal fast einen kleinen Stammbaum.

Mamas Bruder ist nicht Papas Bruder

Das Grundprinzip ist eigentlich logisch: Die Sprache verrät sofort, wie jemand mit dir verwandt ist. In vielen kroatischen und serbischen Familien wird der Bruder der Mutter beispielsweise als ujak bezeichnet, der Bruder des Vaters als stric. In bosnischen Familien hört man daneben häufig daidža für den Bruder der Mutter und amidža für den Bruder des Vaters.

Das Problem beginnt erst, wenn ein Kind in Österreich aufwächst und im Deutschen für alle vier Personen schlicht „Onkel“ sagt. Für Mama klingt das ungefähr so präzise wie: „Da war dieser Mann aus unserer Familie.“

„Welcher Onkel?“

Typisches Gespräch: „Ich war gestern bei meinem Onkel.“ – „Bei wem?“ – „Beim Onkel.“ – „Ja, aber welchem?“ – „Dem von Mama.“ – „Aaa, kod ujaka.“ Problem gelöst. Bis man fünf Minuten später versucht, einem österreichischen Freund zu erklären, warum man für verschiedene Onkel verschiedene Wörter verwendet.

Und bei Tanten wird es nicht einfacher

Natürlich beschränkt sich die Sache nicht auf Männer. Auch bei Tanten unterscheiden sich Bezeichnungen regional und nach Verwandtschaftsseite. Dazu kommen Großeltern, Schwiegerverwandtschaft, Cousins, Cousinen und jene Menschen, die offiziell gar nicht verwandt sind, aber trotzdem seit 30 Jahren „tetka“ oder „striko“ genannt werden. Spätestens dann wird aus Familienkunde höhere Mathematik.

Im Dorf hilft der Nachname auch nicht immer

Noch komplizierter wird es im Heimatort. „Znaš ti mog amidžu?“ – Nein. „Ma znaš. Onaj visoki.“ Das hilft nicht. „Radio sa tvojim daidžom.“ Jetzt wird es endgültig schwierig. Und plötzlich steht man mitten in einem Gespräch über Menschen, deren familiäre Verbindung man nur noch mit einer Skizze nachvollziehen könnte. Natürlich nickt man trotzdem irgendwann: „Aaa, znam.“

Sprache zeigt, wie wichtig Familie war

So kompliziert diese Begriffe manchmal wirken, erzählen sie auch etwas über Familienstrukturen. Wenn eine Sprache eigene Wörter dafür entwickelt, ob jemand von der mütterlichen oder väterlichen Seite kommt, zeigt das, wie wichtig diese Beziehungen traditionell waren. Die Großfamilie bestand nicht einfach aus „Verwandten“. Jeder hatte einen bestimmten Platz – und häufig auch eine bestimmte Rolle. Was für die nächste Generation manchmal kompliziert klingt, war für Oma völlig selbstverständlich.

In Österreich wird alles zu „Onkel“

Viele Diaspora-Kinder vereinfachen das System deshalb automatisch. In BKS ist es der stric, auf Deutsch der Onkel. In der Familie die tetka, in der Schule einfach die Tante. Und irgendwann entstehen Mischsätze, die nur Diaspora-Familien verstehen: „Mein ujak kommt morgen mit seiner Frau.“ Für uns vollkommen klar. Für alle anderen eventuell erklärungsbedürftig.

Und dann gibt es noch die „falschen“ Onkel

Natürlich kennt fast jede Balkan-Familie zusätzlich mindestens einen „Onkel“, der überhaupt nicht verwandt ist. Papas bester Freund? Onkel. Mamas Freundin? Tante. Der Nachbar, der seit deiner Geburt jedes Familienfest besucht? Auch irgendwie Familie. Vielleicht ist genau das die schönste Ironie: Wir haben extrem genaue Wörter für Verwandtschaft – und nennen am Ende trotzdem halb Bekannte „Onkel“ und „Tante“.

Also ehrlich: Kennt ihr den Unterschied zwischen ujak, stric, daidža und amidža noch auswendig?

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KO KOSMO-Redaktion
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