Babyklappe: Letzte Anlaufstelle für ungewollte Neugeborene?

REPORTAGE

Babyklappe: Letzte Anlaufstelle für ungewollte Neugeborene?

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(FOTOS: Dušica Pavlović/KOSMO, iStockphoto)

Ein ganz normaler Tag auf der neonatologischen Intensivstation. Auf einmal ist ein Alarm zu hören und ein Baby am Monitor zu sehen, das Babynest wurde in Anspruch genommen. Ein Szenario das glücklicherweise nur ein bis zwei Mal im Jahr vorkommt.

„Bei der Kinderambulanz am Flötzersteig gibt es eine Nische, wo man unbeobachtet von der Straße aus hineingehen kann. Dort befindet sich die Babyklappe. Man kann diese aufmachen und das Kind auf ein Wärmebett legen. Sobald die Babyklappe geöffnet wird, ertönt auf der Intensivstation ein Alarm und das Baby ist auf einem Monitor zu sehen. Von der Person, die das Baby in die Klappe legt, sind lediglich die Hände zu erkennen Das Kind wird vom Personal der Intensivstation abgeholt und abhängig von seinem gesundheitlichen Zustand, entweder auf die Intensiv- oder Überwachungsstation gebracht“, erklärte uns Dr. Thomas Frischer, Primarius der Kinder- und Jugendheilkunde im Wilhelminenspital.

Zudem wird auch das Jugendamt, bzw. die Jugendwohlfahrt informiert. Insofern aus medizinischer Sicht nichts dagegen spricht, wird das Baby bis zu acht Wochen in einer Pflegefamilie untergebracht und danach zur Adoption freigegeben. Rein rechtlich gesehen, haben Mütter sechs Monate lang die Möglichkeit, sich zu melden und das Kind noch anzunehmen. In der Praxis gestaltet sich dies doch etwas schwieriger:

„Ehrlich gesagt, ist so was noch nie passiert. Wenn die Mütter allerdings am nächsten Tag wiederkommen und sagen, dass es eine Notsituation war und das Baby zurückwollen, dann wird genauer auf die Gründe eingegangen. Das Jugendamt kann der Mutter das Kind nicht einfach so zurückgeben, bis der komplette Fall der Mutter nicht untersucht wurde“, fügte Dr. Frischer hinzu.

Babyklappe-Monitor
DGKS Agnes Hinterleitner erzählte uns, dass es bereits mehrfach vorgekommen ist, dass die Klappe geöffnet wird, ohne dass ein Baby hineingelegt wird. Dieses „Probehineinlegen“ lässt darauf schließen, dass die betroffenen Frauen die Babyklappe bereits im Vorhinein besuchen. (FOTO: Dušica Pavlović/KOSMO)(FOTO: Dušica Pavlović/KOSMO)

Seit Einführung weniger Findelkinder
Das Babynest wurde in Österreich im Jahr 2000 eingeführt und in allen Bundesländern besteht die Möglichkeit, ein Neugeborenes anonym abzugeben. Diese Babyklappen werden von Spitälern oder kirchlichen Organisationen eingerichtet und betrieben. „Das Babynest und später die anonyme Geburt wurden mit dem Ziel eingeführt Tötung- und/oder-Weglegung von Kindern zu verhindern“, erklärte uns Anna Lisa Putz (Leitende Sozialarbeiterin- Regionalstelle Soziale Arbeit der MA 11).

Obwohl die vorhandenen Dienste der Stadt Wien sehr effektive Hilfe bei ungewollten Schwangerschaften leisten, gibt es immer noch eine Gruppe von Frauen, die aus Angst vor Strafe oder Scham ihr Baby weglegen wollen. „Es gibt nur wenige Informationen über die Beweggründe der Mütter, da sich nur wenige Mütter bei der Kinder- und Jugendhilfe melden und ihr Kind wieder zurückhaben möchten“, so Putz weiter.

„Die anonyme Geburt ist auf jeden Fall für das Baby besser, weil das Kind in einer sicheren Umgebung geboren wird“, so Primarius Dr. Frischer.

Die Babyklappe werde meist am Tag der Geburt in einer akuten Notsituation von den Gebärenden in Anspruch genommen. Ähnliches erfuhren wir auch aus dem Wilhelminenspital: „Meistens kommen die Babys in einem guten Zustand und nicht direkt nach der Geburt, sondern sind einige Stunden oder sogar einen Tag alt. Manchmal sind sie ein bisschen unterkühlt, allerdings weisen sie nie grobe Verletzungen auf“, so Dr. Frischer.

Wie wichtig so ein Angebot vonseiten der Stadt Wien ist, beweisen auch Statistiken. In den Jahren von 1980 bis 1999 wurden insgesamt 23 Findelkinder registriert. Seit der Einführung der Babyklappe 2001 wurden insgesamt 30 Kinder in das Babynest gelegt und es gab in diesem Zeitraum 3 Findelkinder.

Den größten Eindruck hat die kleine Gloria, ein Findelkind, bei mir hinterlassen. Wir nannten sie so, weil sie in einem Mistkübel bei der Gloriette gefunden wurde. Ich hatte gerade Dienst, als sie ins Spital eingeliefert wurde. Das Baby war stark unterkühlt und zog sich einen schweren Infekt zu. Sie wurde zur Adoption freigegeben. Solche Kinder kommen nicht in die Krisenpflege und alles geht sehr schnell“, erzählte uns Dr. Frischer.

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Während unseres Gesprächs unterstrich Primarius Dr. Frischer mehrmals, dass es sich bei der Babyklappe und der anynomen Geburt um die einzigen zwei Möglichkeiten handelt, die ohne strafrechtlichen Folgen für die Mutter, während die Weglegung sehr wohl eine Straftat darstellt.(FOTO: Dušica Pavlović/KOSMO)

Das Babynest des Wilhelminenspitals ist über den Flötzersteig 4, neben dem Eingang der Kinder-Notfallambulanz zu erreichen. Es ist verfügt über einen Sichtschutz und über keine Kameras außerhalb, sodass die Mütter ganz anonym ihr Baby abgeben können. „Die Bedienung ist sehr einfach und die Mütter haben die Möglichkeit, dem Kind etwas Persönliches zu hinterlassen. Neben dem Bett befinden sich auch Kuverts mit einem Code. Mit diesem können Mütter später anonym Auskunft über ihr Kind bekommen“, erklärte uns DGKS Agnes Hinterleitner, die Stationsleitung der Intensivneonatologie im WSP.

Diese Code-Kuverts sind in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Serbokroatisch, Arabisch, Russisch, Japanisch, Türkisch, Spanisch, Französisch) verfügbar und auch einen Fußabdruck können Mütter von ihrem Kind machen, bevor sie die Klappe schließen. Danach gibt es kein Zurück mehr, da die Klappe von innen verriegelt und das Team der Intensivstation sofort ausrückt.

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