Wenn sich die Autos vor Kapikule stauen, beginnt in der Türkei der Sommer. Die erste Welle türkischstämmiger Urlauber aus Europa wird mit Musik und Spezialitäten empfangen.
Die erste Welle türkischstämmiger Urlauber aus Europa hat die türkische Grenze erreicht. Eine Woche nach Ferienbeginn in mehreren deutschen Bundesländern und Österreich werden die Reisenden in Kapikule mit traditioneller Musik, gebratener Leber und Süßigkeiten empfangen. „Endlich daheim“, atmet eine Beifahrerin erleichtert auf, als sie die türkische Flagge am Grenzposten erblickt.
Im vergangenen Sommer passierten über 4,3 Millionen Euro-Türken mit rund 700.000 Fahrzeugen die bulgarisch-türkische Grenze bei Kapikule und vier kleinere Übergänge in Thrakien. Die Reiserouten führen aus Westeuropa entweder über Wien und Budapest oder über Salzburg, Ljubljana und Zagreb, bevor sie bei Belgrad zusammenlaufen und weiter über Sofia zur türkischen Grenze verlaufen. Alternativ nutzen manche den Weg über die Schweiz und Italien nach Griechenland, von wo aus sie den Landweg zur türkischen Grenzstation Ipsala nehmen.
Auf ihrer Reise durch mehrere europäische Länder erhalten die Urlauber heute Unterstützung von spezialisierten Automobilclubs für Auslandstürken. Diese bieten umfassende Dienstleistungen an – von Beratung zu Vignetten und Durchreisebestimmungen bis hin zu Versicherungen und Pannenhilfe auf dem Balkan. Über Internetseiten, Facebook-Gruppen und Whatsapp-Chats tauschen die Mitglieder aktuelle Informationen zu Grenzbestimmungen, Verkehrsbedingungen, Staus und Unfällen aus. „Landsleute, nehmt auf jeden Fall viel Wasser mit“, warnt ein Clubmitglied in einem Video für die Gruppe und verweist auf die Hitze während der Wartezeiten an den Grenzen.
Verbesserte Grenzabfertigung
Die Wartezeiten in Kapikule bleiben dieses Jahr bislang auf etwa eine Stunde begrenzt – deutlich weniger als in früheren Jahren, als Reisende zu Spitzenzeiten bis zu zehn Stunden ausharren mussten. Jedes Kind auf dieser Strecke kennt die Regel: Vor der Grenze noch einmal tanken und die Toilette aufsuchen. Die türkischen Behörden haben den Grenzübergang Kapikule seit dem Vorjahr um acht zusätzliche Schalter und Spuren erweitert. Überwachungskameras zeigen die aktuelle Lage an den Übergängen im Internet, damit Reisende Stoßzeiten vermeiden können.
Der Gouverneur der Grenzprovinz Edirne, Yunus Sezer, erklärt: „Wir arbeiten daran, die Einreise für unsere Bürger möglichst rasch und bequem zu gestalten.“ Fast 1200 Beamte seien rund um die Uhr im Einsatz. Ob die Maßnahmen ausreichen, wird sich in Kürze zeigen. Ende Juli und Anfang August erreicht der Andrang an den Grenzposten traditionell seinen Höhepunkt, wenn die bevölkerungsreichsten deutschen Bundesländer in die Ferien starten und gleichzeitig die ersten Urlauber bereits zurückreisen.
Gouverneur Sezer lässt die wartenden Autofahrer mit regionalen Spezialitäten versorgen und von Volkstänzern unterhalten. „Ach, es tut so gut, wieder in meinem warmherzigen Land zu sein“, seufzt ein erschöpfter Fahrer.
Der Grenzübergang Kapıkule ist nicht nur der wichtigste Übergang für türkische Sommerheimkehrer, sondern gilt mit seinen insgesamt 23 Fahrspuren für PKW und Busse als zweitgrößter Grenzübergang der Welt. In den vergangenen Jahren wurde die Infrastruktur umfassend modernisiert und umfasst heute neben den Kontrollstellen auch Duty-Free-Shops, Restaurants, Geldwechselstuben und eine der größten Tankstellen des Landes. Diese Verbesserungen dienen nicht nur dem Personenverkehr, sondern unterstützen auch den wichtigen Handelsverkehr zwischen Europa und der Türkei.
Veränderte Reiseziele
In Istanbul laufen noch einmal alle Routen zusammen, bevor sich der Verkehr in alle Regionen der Türkei verteilt. Die meisten Reisenden besuchen zumindest kurz ihre Herkunftsorte und Verwandten. Anders als früher, als sie den gesamten Sommer im Heimatdorf verbrachten, fahren viele der in Europa lebenden Türkinnen und Türker heute anschließend weiter an die Touristenstrände von Antalya oder an die Ägäis.
Im vergangenen Jahr überstieg die Zahl der Auslandstürken unter den Urlaubsgästen in Antalya erstmals eine Million. Der Anblick ziehender Störche über dem Bosporus kündigt in der Türkei traditionell den Frühling an – und wenn sich die leistungsstarken Autos vor Kapikule stauen, beginnt der Sommer. Diese Rhythmen gehören seit Generationen zum Jahreszeitenwechsel in der Türkei. Nach Behördenangaben überquerten in den vergangenen Tagen rund 180.000 Menschen in 46.000 Fahrzeugen die türkische Landgrenze bei Edirne.
Das Ziel einer tagelangen Fahrt über den Balkan, die jährlich hunderttausende türkischstämmige Familien aus Westeuropa auf sich nehmen, um ihre alte Heimat zu besuchen.