Glücksspiel als Flucht vor der Armut
Dass es ein Problem gibt, ist kaum von der Hand zu weisen.
Ebensowenig, dass nicht nur die Industrie kein Interesse hat, es einzudämmen sondern auch die kurzfristig denkende Finanz- und Wirtschaftspolitik der Region.
Im Vergleich zu anderen Regionen ist das Geschäft mit der Spielsucht am Balkan schwach reguliert.
Das und die ständig feineren Methoden der Branche sind ein Grund, warum das Geschäft so floriert.
Freilich, es ist auch die wirtschaftliche Not, die hier die Menschen besonders anfällig macht, das schnelle Glück zu suchen.
„Die Hoffnung, dass man im Wettbüro etwas gewinnen kann, ist eine Flucht aus der Realität“, sagt etwa der Soziologe Drago Vuković von der Universität Istočno Sarajevo gegenüber Nezavise Novine.
Immer mehr Jugendliche werden spielsüchtig
Besonders alarmierend ist, dass offenbar immer mehr junge Menschen spielsüchtig werden. Das berichtet etwa Jelena Manojlović vom Zentrum SOS in Novi Sad gegenüber Vreme:
„Als ich vor 15 Jahren anfing zu arbeiten, lag die Altersstruktur meiner Kunden zwischen 35 und 45 Jahren. Mittlerweile sind alle meine Kunden unter 30 Jahre alt. Die meisten von ihnen sind zwischen 17 und 25 Jahre alt“.
Auch hier spielt eine Rolle, dass es in der Heimat nicht sehr viele Perspektiven gibt.
Ein guter Teil der Jugend in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens hat sich damit abgefunden, morgen oder in drei Jahren nach Deutschland, Österreich oder in die USA zu gehen.
Andere gehen davon aus, dass sie nie die Gelegenheit haben werden. Das macht sie für das Versprechen des schnellen Glücks besonders anfällig.
Die einschlägigen Lokale sind ganz darauf ausgerichtet.
Getränke sind dort in der Regel günstiger als in normalen Cafes.
Man sorgt sich rührend darum, dass die Kundschaft nachwächst.
Zum Schaden der Allgemeinheit.
Die Zahl der Spielsüchtigen in der Region dürfte jenseits der 100.000 liegen.
Allein für Serbien wird sie auf mehr als 30.000 geschätzt.
Das sind Menschen, die das Geld, das sie verspielen, von irgendwoher kriegen müssen.
Das menschliche Leid, das das bringt, lässt sich kaum ermessen. Für die Betroffenen, für ihre Angehörigen und Freunde, und für Unbeteiligte, die Opfer von Beschaffungskriminalität werden.
Das interessiert die Politik in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens kaum.
Sie erscheint kaum gewillt, etwas gegen die Geißel des Balkan zu unternehmen.
Sie sieht lieber zu, wie die Glücksspielindustrie immer neue Methoden entwickelt, um Menschen zu Spielern zu machen.
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.