Selten, aber fast immer tödlich: Ein Virus hält Mediziner in Atem – und ein neuer Fall sorgt für Aufsehen.
Was bis in die 2010er-Jahre noch als offene Frage galt, ist inzwischen wissenschaftlich belegt: Das Bornavirus – in der Fachsprache Borna Disease Virus 1, kurz BoDV-1 – kann beim Menschen schwere Erkrankungen auslösen. Lange Zeit ging man davon aus, dass der Erreger ausschließlich Tiere befällt. Erstmals nachgewiesen wurde eine Infektion beim Menschen in Bayern: Im Jahr 2018 erkrankten dort drei Personen an einer Hirnentzündung, die für alle drei tödlich endete.
Im März 2026 wurden erneut Fälle bei unseren Nachbarn aus Bayern bekannt: Im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen wurde eine Infektion mit dem Borna-Virus bei einem Menschen nachgewiesen. In Pfaffenhofen an der Ilm starb ein Mann an den Folgen einer Bornavirus-Infektion.
Übertragung & Reservoir
Als einziges bekanntes Reservoir des Bornavirus gilt die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon). Das Tier selbst bleibt gesund, scheidet das Virus jedoch aus. Wie die Übertragung auf den Menschen im Einzelnen abläuft, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Grundsätzlich gelten sämtliche Ausscheidungen der Feldspitzmaus – Kot, Harn und Speichel – als infektiös. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit nennt mehrere mögliche Infektionswege: verunreinigte Lebensmittel oder Trinkwasser, das Einatmen von kontaminiertem Staub, Schmierinfektionen über Erde sowie der direkte Kontakt mit dem Tier.
Neben der Feldspitzmaus wurde das Virus auch bei anderen Säugetieren nachgewiesen – darunter Pferde, Schafe, Alpakas, Igel und Biber. Auch diese Tiere können schwer erkranken, scheinen jedoch keine wesentliche Rolle bei der Weiterverbreitung zu spielen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch auf natürlichem Weg gilt als äußerst unwahrscheinlich. Einen Sonderfall bildeten allerdings Infektionen im Jahr 2016, bei denen Menschen das Virus im Zuge einer Organspende erhalten hatten.
Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts zählen BoDV-1-Infektionen „zu den seltensten Erkrankungen in Deutschland“. Schätzungen gehen von lediglich fünf bis zehn akuten Fällen pro Jahr aus, die sich überwiegend im ländlichen Bayern ereignen. Das Ansteckungsrisiko wird als „allgemein sehr gering“ eingestuft – was den Erreger jedoch keineswegs harmlos macht. Dennis Tappe, Bornavirusforscher am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, bringt es auf den Punkt: So „hochgradig selten“ das Bornavirus sei, so „hochgradig gefährlich“ sei es auch. „Die meisten Bornavirus-Infektionen verlaufen tödlich.“ Berichten zufolge sterben rund 90 Prozent der Betroffenen. „Die wenigen Menschen, die eine Bornavirus-Infektion überlebt haben, erlitten schwere neurologische Schäden und sind heute schwerstbehindert“, so Tappe.
Symptome & Behandlung
Der überwiegende Teil des bisherigen Wissensstands geht auf Fälle in Bayern zurück, wo mehr als 90 Prozent aller deutschen Erkrankungen verzeichnet wurden. Laut Bayerischem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit begannen die Verläufe bei den meisten Betroffenen mit Kopfschmerzen, Fieber und einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Bereits nach wenigen Tagen traten neurologische Symptome auf – Verhaltensveränderungen, Sprach- und Gehstörungen. „Im weiteren Verlauf entwickelten die Erkrankten eine schwere Enzephalitis und fielen binnen Tagen bis Wochen in ein tiefes Koma.“
Ein weiteres Problem ist der Zeitpunkt der Diagnose: Sie erfolgt häufig erst dann, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist und schwere neurologische Ausfälle eingetreten sind – was die Genesungschancen erheblich mindert. Eine spezifische Behandlung existiert bislang nicht. Im Mittelpunkt der medizinischen Versorgung steht daher die intensivmedizinische Betreuung; ergänzend können antivirale Medikamente zum Einsatz kommen.
„Nach bisherigem Kenntnisstand muss man davon ausgehen, dass infektiöse Kontakte sehr selten und schicksalhaft und dadurch wahrscheinlich schwer zu verhindern sind“, heißt es in einem gemeinsamen Factsheet des Robert-Koch-Instituts, des Bernhard-Nocht-Instituts und des Friedrich-Loeffler-Instituts. Einen Impfstoff gibt es derzeit nicht. Die einzige Möglichkeit, das persönliche Risiko zu senken, besteht darin, den Kontakt mit Spitzmäusen und deren Ausscheidungen konsequent zu meiden.