Der Hund ist der Spiegel seines Besitzers

HUNDE-ATTACKE

Der Hund ist der Spiegel seines Besitzers

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Hund_Mensch
Hund_Mensch (FOTO: iStock)

HUNDE. Blutrünstig und aggressiv oder verspielt und freundlich – sie verhalten sich so, wie wir Menschen sie erziehen. Leider sind sich viele Hundebesitzer dieser Verantwortung nicht bewusst, was fatale Folgen haben kann.

Am 10. September ging der kleine Waris mit seinen Großeltern spazieren. Keiner konnte damals ahnen, dass es sich um den letzten Spaziergang seines Lebens handelt. Der einjähriger Bub wurde von einem Rottweiler attackiert und in den Kopf gebissen. Wochenlang lag er schwerverletzt im Donauspital, wo Ärzte um sein Leben kämpften. Leider – vergebens. Waris erlag seinen Verletzungen und verstarb. Der Hund wurde eingeschläfert.

Gerechtigkeit für Menschen oder für Hunde?

Dieser schreckliche Fall hat eine Lawine an Unzufriedenheit und des Chaos in der österreichischen Hauptstadt ausgelöst – sowohl von Hundebesitzern als auch von diejenigen, die glauben, dass Hunde unberechenbare Tiere sind, denen man nicht trauen kann. Von allen Seiten war zu hören, dass in Österreich strengere Hundezuchtgesetze verabschiedet werden sollten. Die Wiener Stadtregierung musste unter dem Einfluss scharfer öffentlicher Reaktionen und enormem Druck, bestimmte Maßnahmen ergreifen. So traf die Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein zunächst die Entscheidung, dass eine Studie zum Thema „Beziehung zwischen Tier und Mensch“ durchgeführt werden sollte. Nach Durchführung dieser Studie werden weitere Vorsichtsmaßnahmen für die Hundehaltung getroffen, insbesondere für solche, die als „Kampfhunde“ bezeichnet werden.

Die Wiener Stadträtin für Umwelt, Ulli Sima, setzte sich intensiv für die Einführung einer obligatorischen generellen Maulkorbpfilcht für Listenhunde ein. Daher präsentierte sie im November eine neue Gesetzesnovelle zur Hundehaltung. Während der größte Teil der Wiener Bevölkerung diese Novelle mit dem Argument unterstützt, dass sie einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit von Menschen und, was noch wichtiger ist, von Kindern leistet, werden die Hundebesitzer immer unzufriedener. Der Grund für diese Unzufriedenheit seien die „drastischen“ Maßnahmen und Bedingungen für die Haltung von Hunden, die das Parlament Ende November verabschiedete. Die Novelle umfasst, unter anderen, folgende Maßnahmen:

a) Alkoholgrenze für Halter von Listenhunden 0,5 Promille, wenn sie den Hund auf der Straße führen – analog zu den Regelungen in der StVO (gilt auch für Drogen). Schon bisher musste der Halter sein Tier so in Griff haben, dass keine Gefahr von ihm ausgeht. Mit der Alkoholgrenze wird eine Präzisierung festgeschrieben. Mindeststrafe 1000 Euro,
b) Bei Überlassung eines Listenhundes an Person ohne Hundeführschein (sogenannter Verwahrer): 200 Euro (war schon bisher verboten) – beim zweiten Mal: Abnahme des Hundes,
c) Verschärfungen für die Prüfung zum verpflichtenden Hundeführschein.

Die Gesetzesänderung gilt jedoch nicht nur für „gefährliche“ Hunde. Es wird Änderungen auch für „harmlose“ Hunde geben. Jeder, der einen Hund haben möchte, muss ab dem 1. Juli 2019 nachweisen, dass er ausreichend über Hunde informiert ist und als Besitzer geeignet ist. Die Einführung dieser Bestimmung trage laut Ulli Sima dazu bei, bei jedem potenziellen Besitzer das Bewusstsein über die Bedürfnisse der Tiere zu wecken. Der österreichische Bullterrier-Club warnt inzwischen alle Hundebesitzer davor, dass solche Gesetze gegen Tiere und ihre Rechte gerichtet sind, da sie sowohl die Euthanasie als auch die Abnahme von Hunden von ihren Besitzern ermöglichen. Am 18. November fand in der österreichischen Hauptstadt eine Demonstration statt, um die Verabschiedung neuer Bestimmungen zu verhindern. Auf seiner Website gibt der Bullterrier-Club an, das oberste Ziel der Stadtregierung sei es, Hunde in der österreichischen Hauptstadt „auszurotten“. Während der heißen Diskussionen unter Wienern darüber, ob die neuen Sicherheitsmaßnahmen angemessen sind und, ob sie unsere Vierbeiner gefährden, stellt sich die Hauptfrage – wer ist wirklich schuld an Beißvorfällen? Die Hunde selbst oder doch die Besitzer? Suchend nach einer Antwort auf diese Frage, sprach KOSMO mit zwei Experten.

Laurent Amann (34) studierte Verhaltensbiologie in Luxemburg sowie Frankreich und arbeitete mehrere Jahre als Verhaltensforscher an der Universität Wien. Er ist Verhaltensbiologe, Tierkommunikator und Autor von der Bücher „Die geheime Seele meines Hundes“ und „Mein Hund hat eine Seele“. In der Öffentlichkeit ist er unter dem Namen „Tierflüsterer“ bekannt. Er trainiert Tierbesitzer, ihr Haustier mit mehr Intuition zu erziehen und schafft neues Bewusstsein für die Gefühle und Seele der Tiere. Sein Kollege und Partner, Asim Aliloski und Co-Autor der oben erwähnten Bücher, stammt aus einer albanisch-mazedonischen Familie und ist Bestseller-Autor, Unternehmensberater, zertifizierter Mental Trainer und diplomierter Life & Business Coach international tätig für einzigartige Leader, Visionäre, High Potentials, Kreative, Prominente und Sportler. Aus ihren zwei Expertenfeldern haben sie eine wundervolle Kombination geschaffen, die sich für Hundebesitzer besonders gut eignet. Denn einerseits hilft ihnen Herr Amann, ihre Haustiere besser zu verstehen, andererseits hilft ihnen Herr Aliloski, sich selbst besser zu verstehen. In einem Interview, erklärten sie uns, inwiefern die Besitzer ihre Hunde beeinflussen und und warum Vierbeiner den Menschen spiegeln.

Natur der Tier-Mensch-Beziehung

Asim Aliloski und Laurent Amann
„Hunde können unsere sowohl bewusste als auch unbewusste Emotionen ausdrücken. Genauso wie es vielleicht auch Kinder oder Nahestehende tun. Sie lernen die Körpersprache und Emotionen von Menschen zu lesen.“ (FOTO: KOSMO)

„Alles was in uns passiert, nehmen Tiere am stärksten wahr. Sie lernen die Körpersprache und Emotionen von Menschen zu lesen. Wenn du Angst hast, spürt das der Hund sofort. Auch wenn der Mensch seine Emotion nicht ziegt, spürt der Hund die innere Unruhe und reagiert darauf“, so Herr Amann. Das größte Problem in einem Hund-Mensch-Team ist es aber, dass das agressive Verhalten der Hunde nur ihnen, und nicht den Menschen zugeschrieben wird. „Angenommen der Hund ist agressiv, stellt sich die Frage: was könnte das mit dem Besistzer zu tun haben? Es kann sein, dass der Besitzer auch agressiv ist und der Hund das zeigt. Es kann aber auch sein, dass der Besitzer seine Agression unterdrückt. Hier spricht man von einem gegenteiligen Spiegel. Ein Beispiel: eine Hundebesitzerin ist scheinbar friedlich und alles ist immer schön und bunt bei ihr, und ihr Hund ist eine Kampfbestie. Hunde können unsere sowohl bewussten als auch unbewussten Emotionen ausdrücken. Genauso wie es vielleicht auch Kinder oder Nahestehende tun“, beschreibt Herr Aliloski diese Beziehung und fügt außerdem hinzu: „Es kommt öfters vor, dass das Verhalten des Hundes durch den Besitzer ausgelöst wird. Der Hund und sein Besitzer bilden eine Einheit. Sie sind wie Mutter und Baby. Wenn die Mutter nervös ist, ist das Baby auch nervös. Es gibt unterschiedliche Methoden und Techniken, die ich aus dem Coaching einsetze, damit der Mensch sein Verhalten ändert und im Griff haben kann, und das nicht nur mit dem Hund. Das funktioniert genauso in der Partnerschaft oder in der Karriere. Der erste Schritt ist zu verstehen, dass das Verhalten des Hundes mit dem Verhalten des Besitzers verknüpft ist. Der zweite Schritt ist, konkrete Techniken oder Methoden anzuwenden, damit er sein Verhalten ändern kann. Als Folge wird der Hund auch seine Verhalten ändern.“

„Der Hund und sein Besitzer bilden eine Einheit. Sie sind wir Mutter und Baby. Wenn die Mutter nervös ist, ist das Baby auch nervös.“

Der erste Schritt für eine gesunde Hund-Mensch- Beziehung ist offensichtlich, dass der Besitzer sich selbst bewusst wird. „Wenn der Hundebesitzer erkennt, dass der Hund gerade gestresst oder nervös ist, soll er als erstes überprüfen – wie geht es mir gerade? Bin ich gerade gestresst oder gereizt etc.? Villeicht hat es gar nichts mit mir zu tun, aber, wenn ich erkenne, dass ich gerade gestresst bin, dann muss ich als Besitzer alles tun, damit ich den Stress zuerst bei mir selbst löse. Der Hund beruhigt sich dann nach kurzer Zeit auch. Man muss zuerst selber zur Ruhe kommen. Wenn der Hund bemerkt, dass sein Besitzer total entspannt ist, dann kann er sich auch entspannen. Nicht anders ist es oftmals mit Kindern, Partnern oder Arbeitskollegen. Auch Menschen im Umfeld reagieren unbewusst auf unsere innere Verfassung. Tiere sind da weitaus empfindlicher“, erklärt Herr Aliloski. Nur auf diese Art und Weise kann der Beistzer eine gute Autorität bei seinem Hund erreichen.

Der erste Schritt für eine gesunde Hund-Mensch- Beziehung ist es, dass der Besitzer sich selbst bewusst wird. Wenn der Besitzer seine Wut unterdrückt, wird sein Hund sie für ihn ausdrücken.

Die Einstellung „Tiere sind nur Tiere und sie müssen unbedingt auf ihre Besitzer hören“ ist eigentlich falsch. „Das ist auch in einem Rudel vor allem bei Wölfen zu sehen. Die Rudelführer sind genau diejenigen, die diese Ruhe und Sicherheit ausstrahlen und die gelassen sind. Solange der Rudelführer ruhig bleibt, gibt es keinen Grund, sich aufzuregen. Die Einstellung, dass ich den Hund unterwerfen muss und ich ihm zeigen muss, dass ich stärker bin, ist eine sehr unreflektierte Einstellung. Dann fühlt sich der Hund unterdrückt und nicht wohl. „Unterdrückt“ heißt auch negative Emotionen in sich tragen, die dann nicht beim Besitzer (weil der Hund sich nicht traut) sondern bei anderen Menschen ausbrechen können. Als Rudelführer bzw. Tierbesitzer muss man dem Hund ein Beispiel setzen. Genauso wie bei den Kindern. Wenn der Besitzer den Hund ständig anschreit oder ihn bestraft, dann glaubt er, dass es so gehört und benimmt sich genauso mit anderen Hunden oder mit Menschen. Wenn man aber friedlich und gelassen im Umgang mit seinem Hund ist, dann benimmt sich auch der Hund so gegenüber den anderen“, erklärt Amann weiter. „Ich glaube, am glücklichsten ist ein Hund, der einen Besitzer hat, der grundlegend gelassen, selbstsicher ist und klar im Kopf durch die Welt schreitet – das gibt dem Hund, und auch den Menschen, die mit uns in Beziehung stehen, Sicherheit, Klarheit und eine Form von Ruhe.“, unterstreicht Aliloski.

„Mein Hund hat eine Seele“

"Die geheime Seele meines Hundes" und "Mein Hund hat eine Seele"
„Die geheime Seele meines Hundes“ und „Mein Hund hat eine Seele“ (FOTO: zVg.)

Wie aus dem Titel des Buches zu erkennen ist, hat jeder Hund bzw. jedes Tier einen eigenen Charakter. Daher ist es auch wichtig zu verstehen, dass ein klassisches Hundetraining nicht für alle Hunde gleich wirksam ist. „Jeder Hund hat seine eigene Individualität und allgemeine Erziehungsmethoden wirken nicht. Die Führung ist schon sehr wichtig, aber das ist nur ein kleiner Teil, weil Hunde sozialisiert werden müssen. In der Arbeit von Laurent Amann geht es hauptsächlich darum, Menschen beizubringen, wie sie ihren Hund verstehen können. Was sie von ihrem Hund alles lernen können etc. Sich über die Pflege, Impfungen und Ernährung zu informieren ist nur die Basis für die biologischen Bedürnisse eines Hundes. Dann geht es weiter – Erziehung bzw. psychologische Bedürfnisse und Emotionen. Es gibt vielmehr als nur Futter und Spielzeug zu geben. Und nicht jeder Besitzer braucht das Gleiche. Einige Hundebesitzer wollen, dass der Hund ins Bett kommt, andere wollen das nicht. Beides ist richtig. Die Frage ist nur, was ist für die Beziehung ok. Wenn Hunde etwas machen, was wir nicht wollen, sollen wir ihnen zeigen, dass wir für ihre Liebe sehr dankbar sind, aber, dass es auch anders geht. Es ist falsch in solchen Situation sie anzuschreien und zu bestrafen. Man soll ihnen zeigen, was man stattdessen von ihnen will“, sind sich beide unserer Gesprächspartner einig.

„Jeder Hund hat seine eigene Individualität und allegemeine Erziehungsmethoden wirken nicht. Sich über die Pflege, Impfungen und Ernährung zu informieren ist nur die Basis für biologische Bedürnisse eines Hundes. Dann geht es weiter – Erziehung bzw. psychologische Bedürfnisse und Emotionen.“

Neue Regel – richitge Maßnahmen?

„Die Maßnahmen sind absolut keine Endlösung, sondern nur eine schnelle Zwischenlösung. Viel wichtiger ist es, die Leute darüber zu informieren, was ihre Hunde brauchen. Es ist sehr leicht, einen Hund zu haben ohne irgendwas über die Hunden zu wissen. Wenn man die Statistiken anschaut, dann kann man schon sehen, dass 3/4 von Verletzungen von einem bekannten und nicht von einem unbekannten Hund kommen. Sehr oft kommt es vor, dass sich ein Kind mit seinem Hund zu Hause spielt und wird gebissen. Da ist der Maulkorb keine vernünftige Lösung. Daher geht es viel mehr darum, Leute über die Hundebedürfnisse zu informieren. Hundetrainings können einigermaßen helfen. Hunde lernen dabei zu kommen, sich hinzusetzen, aber die Besitzer lernen dabei nicht, ihren Hund zu verstehen. Viel wichtiger wären Informationskampagnen darüber, wie ich meinen Hund schützen kann, wie wird mein Hund gestresst etc, wie soll ich ihn führen, dass er sich wohl fühlt. Oft beißen die Hunde, weil sie glauben, sie müssen sich selbst oder den Besitzer verteidigen. Das kommt daher, dass der Hund den Stress spürt. Daher ist es wichtig, dass sich die Besitzer dessen bewusst sind und den Stress bei sich selbt und bei ihren Hunden abbauen. Das wäre die beste Lösung“, betont Amann.

„Die Maßnahmen sind absolut keine Endlösung, sondern nur eine schnelle Zwischenlösung. Viel wichtiger ist es, die Leute darüber zu informieren, was ihre Hunde brauchen.“

„Was wirklich langfristig und nachhaltig als eine Lösung wäre, ist, dass sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder lernen, die Bedürfnisse des Hundes zu verstehen und erkennen, die Sprache bzw. die Zeichen von Hunden verstehen und mit ihm richtig zu kommunizieren. Das wäre eine sinnvolle Maßnahme anstatt dem Hund einen Maulkorb draufzugeben und dadurch jedem Konflikt aus dem Weg gehen wollen“, fügt Amann hinzu. Nach Meinung der vielen, die keinen Hund besitzen, mögen die neuen Regel eine vernünftige Lösung darstellen, aber das negative Image von s.g. „Kampfhunden“, das in der Zwischenzeit in der breiteren Öffentlichkeit entstanden ist, kann sehr wohl die Beziehung zwischen Menschen und Hunden beeinträchtigen. „Jetzt ist ein Hass gegen Hundebesitzer entstanden und das wirkt sich auch auf die Hunde. Beispiel – der Besitzer geht mit ihrem Hund spazieren, der fühlt sich nervös und unwohl, weil andere Menschen ihn böse anschauen und vor seinem Hund Angst haben. Das alles spürt der Hund und kommt dann natürlich aus seinem Gleichgewicht raus, ist auch gereizt und kann dann natürlich überreagieren“, warnt Amann. „Der Name Kampfhund schadet am meisten. Alles wurde so gedreht und gewendet, dass man glaubt, dass alle Hunde, die irgenwann gefährlich werden könnten, als Kampfhunde bezeichnet werden sollen. Nach den Statistiken, beißen aber kleine Hunde häufiger als die Kampfhunde. Wenn ein Pitbull beißt, hat er viel mehr Beißkraft als eine Chihahua. Hier ist nur die Frage, ab wann wird über eine Bissverletzung in Medien berichtet“, geben die beiden Autoren zu bedenken.

„Jetzt ist ein Hass gegen Hundebesitzer entstanden und das wirkt sich auch auf die Hunde, die diese Spannung spüren können und kommen dann natürlich aus ihrem Gleichgewicht raus.“

 

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