Djokovic sagt ab, Sinner auch – und in Montreal wächst der Frust. Zverev kennt den wahren Grund für die Absagewelle.
Novak Djokovic sagt Montreal ab – und schon brodelt es im Tenniszirkus. Die Veranstalter des kanadischen ATP-1000-Turniers sind not amused, doch Alexander Zverev hält dem Serben die Stange. Das eigentliche Problem, so der Deutsche, liege woanders: im aufgeblähten Turnierkalender.
Wer Djokovics Entscheidung verstehen will, muss sie aus seiner Perspektive betrachten. Der Serbe ist 39 Jahre alt, hat nahezu jeden Titel gewonnen, der im Tennissport zu holen ist, und richtet seine Saison schon lange nicht mehr nach der schieren Anzahl an Turnieren aus. Im Mittelpunkt seiner Planung stehen die Grand Slams – und damit auch die Ende August beginnenden US Open in New York-Flushing Meadows.
Jedes zusätzliche Turnier bedeutet für ihn weit mehr als nur Matches auf dem Platz: Anreise, Training, Aufenthalt, Regeneration – ein einziger Wettbewerb frisst Wochen. Zumal die Masters-Turniere inzwischen auf fast zwei Wochen ausgedehnt wurden und damit in ihrer zeitlichen Dimension kaum noch hinter einem Grand Slam zurückbleiben. Für Djokovic stellt sich damit eine schlichte Frage: Bringt ihm Montreal die nötige Wettkampfhärte – oder kostet ihn das Turnier jene körperliche Frische, die er wenige Wochen später in Flushing Meadows braucht?
Doppelter Schlag
Dabei ist Djokovic nicht der einzige große Name, der in Montreal fehlt. Auch Jannik Sinner, derzeit die Nummer eins der Welt, hat seine Teilnahme abgesagt. Für die Turniermacher ist das ein doppelter Schlag – sportlich wie wirtschaftlich.
Djokovic zieht Publikum, generiert Aufmerksamkeit, ist ein Aushängeschild des Sports. Sein Fernbleiben hinterlässt eine spürbare Lücke. In Kanada ist deshalb von möglichen Sanktionen die Rede, von zusätzlichen Prämien, mit denen die Topstars künftig häufiger zur Teilnahme bewegt werden sollen.
Besonders deutlich wird der Hamburger, wenn es um die Idee geht, Spieler mit Boni oder Strafzahlungen zu steuern. „Glaubst du, Novak interessiert es, ob er einen größeren Bonus bekommt?“, fragte Zverev und verwies darauf, dass Djokovic im Laufe seiner Karriere längst ein enormes Vermögen aufgebaut habe. Der Kern der Aussage ist klar: Wer auf diesem Niveau angekommen ist, lässt sich nicht mit Preisgeld hin- und herbewegen.
Zverevs Kalkül
Zverev sieht in der Absagewelle deshalb eine direkte Konsequenz des ausufernden Turnierformats. Wenn Spieler bei Grand Slams bereits zweieinhalb bis drei Wochen unterwegs sind und anschließend auch für ein Masters fast zwei Wochen einplanen müssen, lässt sich von ihnen nicht gleichzeitig eine lückenlose Präsenz fordern. Der Deutsche spricht dabei nicht nur theoretisch.
Obwohl er in Montreal antritt, hatte auch sein Team erwogen, das Turnier zu streichen. Er entschied sich letztlich dagegen – weil er nach eigener Einschätzung Matchpraxis braucht, um in Cincinnati und bei den US Open sein bestes Tennis abrufen zu können. Genau darin liegt der Unterschied: Zverev sucht derzeit Spielrhythmus, Djokovic sucht Erholung.
Djokovics Rückzug ist daher keine Geringschätzung gegenüber Montreal. Es ist der Versuch, mit den körperlichen Ressourcen einer langen Karriere klug zu haushalten. Der Serbe kann nicht jeden wichtigen Wettbewerb spielen und gleichzeitig bei den Grand Slams in Bestform aufschlagen.
Seine Prioritäten sind gesetzt: weniger Auftritte, gezieltere Vorbereitung, maximale Chancen bei den Turnieren, die für sein sportliches Vermächtnis noch zählen.
Zverev bringt die gesamte Debatte auf einen Nenner: Wer die Besten öfter sehen will, muss den Kalender entlasten – nicht die Spieler bestrafen.