Wiens Gesundheitssystem erfindet sich neu: Weniger Spitalsbetten, mehr Versorgungszentren und digitale Angebote sollen die medizinische Landschaft bis 2030 grundlegend verändern.
Das Wiener Gesundheitssystem steht vor einem grundlegenden Umbau. Die Stadt Wien, die Österreichische Gesundheitskasse und der Bund haben sich auf einen Fünfjahresplan geeinigt, der das Versorgungsprinzip “digital vor ambulant vor stationär” bis 2030 in die Praxis umsetzen soll. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) spricht von “großen Schritten” nach intensiven Überlegungen. Künftig sollen Patienten verstärkt über das Gesundheitstelefon 1450 und digitale Angebote zu niedergelassenen Ärzten, Primärversorgungszentren und Ambulatorien geleitet werden.
Die Versorgungslandschaft außerhalb der Spitäler wird deutlich ausgebaut. Die Zahl der ÖGK-Sachleistungsstellen soll um 25 Prozent auf insgesamt 640 wachsen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf spezialisierten Zentren: Von den geplanten 170 Einrichtungen werden 80 als Primärversorgungszentren konzipiert. Hinzu kommen 14 Zentren für Kinder- und Jugendheilkunde – sechs davon mit Wochenendöffnung – sowie neun gynäkologische Zentren, vier Schmerzzentren, drei Diabetes- und drei onkologische Einrichtungen.
Wien plant zudem mit weiteren Spezialeinrichtungen zu “experimentieren”, wie Hacker es formuliert. Dazu zählen Zentren für COPD (chronische Lungenerkrankung), Herzinsuffizienz und möglicherweise auch kleinere chirurgische Eingriffe außerhalb von Krankenhäusern. ÖGK-Chefin Agnes Streissler-Führer betont die Bedeutung des niedergelassenen Bereichs für das Patientenvertrauen: “Dort entsteht das Gefühl, dass sich jemand um mich kümmert – erst damit bleibt das System stabil.”
Bettenreduktion geplant
Die Stärkung der ambulanten Versorgung geht mit einer Reduktion der Spitalsbetten einher. Etwa jedes elfte stationäre Bett – insgesamt 800 – soll eingespart werden. Gleichzeitig erfolgt eine Umschichtung: 500 Betten werden für Akutgeriatrie (Altersmedizin) und Remobilisierung reserviert. Die Kapazitäten in den Bereichen Neurologie, Psychiatrie sowie Kinder- und Jugendmedizin werden um etwa 140 Betten aufgestockt.
Der Bettenabbau soll durch den Ausbau der niedergelassenen Versorgung und den medizinischen Fortschritt kompensiert werden. Beispielsweise machen moderne Augenoperationen kaum noch Krankenhausaufenthalte erforderlich, wodurch allein 45 Betten eingespart werden können. Sowohl Hacker als auch NEOS-Gesundheitssprecherin Jing Hu weisen den Vorwurf zurück, es handle sich um einen Sparplan. Hu bezeichnet die Neuausrichtung vielmehr als “Zukunftsversprechen” an die Wiener Bevölkerung.
“Mit dem Ausbau des ambulanten Bereichs entsprechen wir Wünschen von Patienten: Alle wollen lieber daheim als im Spital schlafen.“
Gastpatienten-Frage
Hacker betont, sein “zentrales Ziel” sei die Verbesserung der Versorgung. Er fügt hinzu: “Natürlich, wenn Menschen lieber daheim als im Spital schlafen, stört es uns nicht, wenn wir dadurch weniger Nacht- und Wochenenddienste in Spitälern finanzieren müssen.” Die Umsetzbarkeit der Pläne hängt maßgeblich von der Entwicklung bei den Gastpatienten ab. Der Strukturplan basiert auf der Annahme, dass sich deren Zahl binnen fünf Jahren halbieren wird – oder Wien entsprechend mehr Geld erhält.
Sollte dies nicht eintreten, müsste die Bettenzahl wieder erhöht werden. Eine Besonderheit des neuen Gesundheitsplans ist die jährliche Evaluierung mit möglichen Anpassungen. Hacker räumt ein, dass er es “nie sympathisch gefunden” habe, Gastpatienten abzuweisen.
Er hält diese Maßnahme jedoch für notwendig: “Es kann nicht sein, dass Wiens Steuerzahler das Gesundheitssystem anderer Bundesländer finanzieren.”
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