Hazim Hadžić: Fatimas Brief aus Österreich nach Bosnien

AUS HAZIMS FEDER

Hazim Hadžić: Fatimas Brief aus Österreich nach Bosnien

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Hazim-Fatimas-Brief
(FOTO: iStockphoto, zVg.)

Mein Name ist Fatima. Ich bin 20 Jahre alt. Von klein auf haben mich Recht und Gerechtigkeit interessiert. Das alles habe ich an der juristischen Fakultät gefunden und habe mein zweites Studienjahr erfolgreich abgeschlossen, bevor in meinem Land der Krieg ausbrach und alles zerstörte, was ich liebte: Meine Heimat wurde in zwei Teile gerissen und meine Familie zerfiel in die Lebenden und die Toten.

Ich musste fliehen und blickte nicht zurück, denn das einzige, was ich retten konnte, war mein Leben. Nach meiner Ankunft in einer europäischen Stadt sagte man mir, bevor man mich für das Flüchtlingsvisum fotografierte und mir mit dem Finger die Ecke des Zimmers zeigte, in der ich bleiben sollte, dass ich mich freimachen sollte. Ich sollte meinen Niqab abnehmen, meinen Glauben ablegen, mich vor allen nackt zeigen, sogar vor Männern, und so in der Stadt herumgehen, in der ich mich selbst nicht erkannte.

Noch bevor ich dazu kam, mein neues Leben anzunehmen, hat man mir meine Sitten und Glaubenssätze abgezwungen und mir gesagt, ich solle ihre Regeln brechen. Und ich habe zugestimmt, denn ich wurde auf der Straße wie ein Mafioso, eine Terroristin angesehen, wie jemand, der in der nächsten Sekunde einen Sprengkörper zünden könnte. Ich bin nicht dumm, ich weiß, dass ich nicht willkommen bin, aber ich werde mich an ihr Leben anpassen und Gott bitten, das nicht als Verrat zu werten.

Denn ich habe niemanden verraten, ich habe mich nur schweigend unterworfen. Ich habe mich Menschen unterworfen, die mir nicht erlauben, das zu sein, was ich bin, während rund um mich herum halbnackte Mädchen mit zerrissenen Hosen und mit Zungenpiercings herumspazieren: Auf der Straße gehen Männer in Frauenkleidern, mit rosaroten Perücken und hohen Absätzen.

Und ich Idiotin möchte, dass mich diese Menschen akzeptieren. Verzeihen Sie mir nur, dass ich in Ihr Land gekommen bin, aber ich hatte keine Wahl, denn im Kugelhagel sucht man nur eine sichere Zuflucht. Ich möchte Ihnen nur eines sagen: Wenn wir im Leben wirklich alle gleich sind, und wenn in dieser Stadt in der Freiheit alle gleich sind, dann gestehen Sie allen diese freie Gleichheit zu!