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Jugoslawien als Schablone für die Ukraine-Krise

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(FOTO: Wikimedia Commons/kremlin.ru, Burmesedays)

Der Krieg um die Ukraine weist viele Gemeinsamkeiten mit dem Konflikt in Jugoslawien auf. Der Ausgang könnte jedoch ein ganz anderer sein als am Balkan.

Von 1991 bis 2001 herrschte in Südosteuropa ein blutiger Krieg. Die ehemaligen Republiken des Vielvölkerstaates Jugoslawien erklärten ihre Unabhängigkeit und territoriale Ansprüche der verschiedenen Seiten führten zu blutigen Schlachten. Mehr als 120.000 Toten und unzählige Flüchtende war die traurige Bilanz. Bis heute suchen viele Hinterbliebene nach ihren Angehörigen, um sie standesgemäß beizusetzen. Aus dem geachteten und blockfreien sozialistischen Staat wurden über die Jahre insgesamt – wenn man das Kosovo mitzählt – sieben neue Länder.

Heute, mehr als 20 Jahre später, kann man rückwirkend sehr gut sehen, wie aus dem anfänglichen Bürgerkrieg in Jugoslawien eine internationale Krise wurde. Die Einmischung des Westens – wie die NATO-Luftangriffe oder aber der Daytoner Vertrag, der den Frieden in Bosnien-Herzegowina sicherte – haben vielleicht kurzfristig die akut kritische Situation gelöst, jedoch gleichzeitig auch Probleme geschaffen, die die Region bis heute lähmen. Sowohl zwischen den Staaten als auch innerhalb dieser gibt es starke politische und kulturelle Spannungen, die zum Großteil auf ethnischen Gegensätzen beruhen.

„Völkisch reine“ Staaten

Der Zerfall Jugoslawiens hat auch dazu geführt, dass die Nachfolgestaaten danach strebten, ein „reiner Nationalstaat“ im ethnischen Sinne zu werden. Kroatien ist der Staat der Kroaten, Serbien, jener der Serben, Slowenien, jener der Slowenen und so weiter. Vielerorts berief man sich auf historische Ereignisse oder frühere Staatsgebilde, um die Existenz des neuen Staates zu legitimieren.  Lediglich das stark ethnisch diverse Bosnien-Herzegowina verfolgte dieses Ziel nicht in seiner Reinform – was zur Bildung von Entitäten und einem politischen System führte, welches noch mehr eine Paralyse gleicht als das in anderen Westbalkanstaaten der Fall ist.

Bis heute gibt es Missionen der Europäischen Union und der NATO im Westbalkan, um „Frieden und Sicherheit“ zu gewährleisten. Hierbei muss man jedoch eindeutig hervorheben, dass der Westen maßgeblich an der Herstellung dieses bestimmten Friedens beteiligt war, der bis heute in der Region vorherrscht. Die Entscheidung, ob es sich um einen nachhaltigen Frieden handelt oder nicht, überlasse ich jedem selbst.

Schablone: Republika Srpska, Republik Krajina & Kosovo

Viele fragen sich jetzt höchstwahrscheinlich, was das alles mit der heutigen Ukraine zu tun hat. Parallelelen gibt es einige. Nach der Annexion der Krim durch Russland gründeten sich nur wenige Monate später auch die Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Diese Art der Reaktion auf „die Unterdrückung des eigenen Volkes“ erinnert stark an die Republika Krajina (Kroatien) und die Republika Srpska (Bosnien-Herzegowina) während des Jugoslawienkrieges. Letztere ist übrigens seit dem Dayton-Vertrag eine offizielle Entität.

Auch Parallelen zur Unabhängigkeit des Kosovos lassen sich erkennen. Die ehemalige südserbische Provinz erklärte sich 2008 einseitig unabhängig. Im Juli 2010 ging aus einem Gutachten des Internationales Gerichtshofes hervor, dass dies keine Verletzung des Völkerrechts darstelle. Kurz danach wurde das Kosovo von zahlreichen Ländern weltweit als unabhängig anerkannt.

Wenn also eine einseitige Unabhängigkeitserklärung eines Landesteiles nicht gegen internationales Recht verstößt, so muss man sich im Klaren sein, dass man mit dem Kosovo einen Präzedenzfall geschaffen hat. Laut dieser Interpretation haben die Volksrepubliken Donezk und Lugansk dasselbe Recht wie auch das Kosovo. Gleiches gilt für Minderheitenregionen in zahlreichen Staaten der Welt, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich verurteile jegliche Kriegshandlung und die humanitäre Katastrophe, die Putins Krieg über die Ukraine gebracht hat. Die scheinheilige Haltung des Westens, die Recht und Unrecht jedoch immer nur so interpretiert, sodass man eigene geopolitische Ziele erreichen kann, ist jedoch auch nicht wegzureden. Ich wünsche der Ukraine auf jedem Fall keinen Frieden, wie ihn der Westen am Balkan „installiert“ hat, sondern eine nachhaltige Lösung.

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.