Während US-Truppen in Venezuela intervenieren, bleibt der Kokainhandel in Bewegung. Balkan-Kartelle haben längst alternative Routen für ihr Milliardengeschäft etabliert.
Die militärische Intervention der USA in Venezuela Anfang Jänner rückte das südamerikanische Land ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Washington wirft dem venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro vor, einen „Narco-Staat“ etabliert zu haben, weshalb er nun in New York als Anführer einer terroristischen Vereinigung angeklagt wird. Dem Eingreifen amerikanischer Streitkräfte waren bereits 2025 mehrere gezielte Operationen gegen Schiffe vorausgegangen, die nach US-Angaben für den Transport von Kokain aus Venezuela in die Vereinigten Staaten genutzt wurden.
Obwohl in Venezuela selbst keine Drogenproduktion stattfindet, wird das Land von mehreren internationalen Organisationen als Schlüsselregion im globalen Kokainhandel eingestuft. Das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), Europol und Interpol identifizieren Venezuela als zentrale Drehscheibe für den Weitertransport von Kokain – primär aus dem Nachbarland Kolumbien – in die USA und insbesondere nach Europa. In einem Bericht vom November 2025 dokumentierte die in Genf ansässige Nichtregierungsorganisation „Globale Initiative gegen das Transnationale organisierte Verbrechen“ (GI-TOC), wie kolumbianische Guerillagruppen ein weitreichendes Netzwerk in Venezuela aufgebaut haben und „die Lieferketten in Kooperation mit korrupten venezolanischen Beamten kontrollieren“. Den Kartellen wird vorgeworfen, in einer „symbiotischen Beziehung“ Justiz- und Verwaltungsstrukturen des Landes unterwandert zu haben.
Gegenüber „Radio Slobodna Europa“ (Radio Freies Europa) erläuterte der serbische Soziologe und West-Balkan-Experte für organisierte Kriminalität, Sasa Djordjevic, Mitglied der GI-TOC, die strategische Bedeutung Venezuelas im internationalen Drogenhandel: „Es war ein idealer Ausgangspunkt für die Distribution der Drogen aus Lateinamerika. Kleine Flugzeuge, Boote und sogar große Schiffe konnten ungehindert in Richtung USA und Europa aufbrechen.“ Beim Transport von Kokain von Venezuela nach Europa hätten laut Djordjevic kriminelle Gruppierungen vom West-Balkan eine dominante Position eingenommen.
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Balkan-Verbindung
Diese Einschätzung werde durch einen bedeutenden Drogenfund bestätigt, betont der Experte: „Nach Ermittlungen der Polizei in Montenegro, Serbien, Großbritannien und den Niederlanden wurde im Februar 2020 das Frachtschiff ‚Aressa‘, das zuvor aus dem venezolanischen Hafen Guarano ausgelaufen war, vor der Küste Arubas festgesetzt“. Die Einsatzkräfte beschlagnahmten fünf Tonnen Kokain und nahmen elf Besatzungsmitglieder fest, allesamt montenegrinische Staatsangehörige. Im März 2021 seien die Männer auf der niederländischen Karibikinsel zu Haftstrafen zwischen neun und 15 Jahren verurteilt worden.
Die Verurteilten sollen dem Kavac-Clan angehören. Diese kriminelle Organisation hat sich gemeinsam mit ihren – ebenfalls montenegrinischen – Rivalen, den Skaljari, zu einem der mächtigsten Drogenkartelle Europas entwickelt. Ihr erbitterter Bandenkrieg hat seit 2014 vermutlich mindestens 60 Todesopfer gefordert, darunter ein Mitglied des Kavac-Clans, das 2018 in Wien-Innere Stadt im Restaurant Figlmüller erschossen wurde.
Im Mai 2023 nahm Europol den serbischen Staatsbürger Miroslav Starcevic sowie zwölf weitere Personen im Zusammenhang mit den Beschlagnahmungen und Festnahmen in Aruba fest. Starcevic gilt als Kopf der „größten kriminellen Organisation für den Drogenhandel am Balkan“. Nach Erkenntnissen der serbischen Polizei zeichnet sein Kartell für umfangreiche Kokainlieferungen aus Kolumbien, Brasilien und Ecuador nach Europa verantwortlich. Die GI-TOC ordnet die von Starcevic geführte Gruppe dem Kavac-Clan zu. Die 13 Festgenommenen befinden sich seither in Untersuchungshaft, ihre Anklageerhebung stehe kurz bevor, wie das Oberste Gericht in Belgrad mitteilt.
Alternative Routen
Dass die Verschleppung Maduros in die USA den Kokainschmuggel zum Erliegen bringen könnte, bezweifelt Djordjevic: „Da diese Gruppen schon immer sehr flexibel waren, glaube ich, dass diejenigen, die über Venezuela operiert haben, längst alternative Routen gefunden haben.“ So habe die serbische Mafia bis 2014 ihre Drogengeschäfte über Bolivien abgewickelt und sei nach zahlreichen Beschlagnahmungen auf Peru ausgewichen. Venezuela sei für diese Gruppen zwar wichtig gewesen, bedeutsamer seien für die Balkan-Mafia jedoch die Länder Ecuador, Kolumbien und Brasilien.
„Kriminelle Organisationen aus dem West-Balkan pflegen seit Jahrzehnten gute Kontakte mit den kolumbianischen Kartellen. Zwischen 2019 und 2024 haben sie auch einen intensiven Kontakt zu Primeiro Comando da Capital (Erstes Kommando der Hauptstadt) aufgebaut.“ Die PCC, 1993 in einem Gefängnis in São Paulo gegründet, kontrolliert mit über 100.000 Mitgliedern den Rauschgiftmarkt in Brasilien und steuert den Kokainhandel nach Europa. „Von Brasilien geht das Kokain zunächst direkt über den Atlantik in ausgewählte Länder in Nordwest-Afrika. Dort wird es gelagert, eventuell auch verarbeitet, umverpackt und später mit Umweg über kanarische Inseln auf das europäische Festland verschifft“, erklärt Djordjevic.
Es handle sich um ein Milliardengeschäft, das kontinuierlich neue Vertriebswege erschließe. Selbst wenn nur jede fünfte Lieferung ihr Ziel erreiche, erzielten die kriminellen Netzwerke Gewinne, da sie das Kokain in Europa zum 60-fachen des lateinamerikanischen Einkaufspreises verkaufen könnten.
Nach Angaben von Europol werden in Europa jährlich Kokainmengen im Wert von nahezu 12 Milliarden Euro gehandelt.