Die Weltpolitik schreibt die Regeln der Rohstoffmärkte neu. Was früher als vorübergehende Störung galt, bestimmt heute dauerhaft die Preise – mit weitreichenden Folgen für Investoren.
Geopolitische Risiken
Während Aktienmärkte globale Krisen erstaunlich gelassen wegstecken, hat sich auf den Rohstoffmärkten ein fundamentaler Wandel vollzogen. Geopolitische Spannungen sind längst keine vorübergehenden Störfaktoren mehr, sondern bestimmen nachhaltig die Preisbildung wichtiger Rohstoffe. Die jüngsten US-Interventionen in Venezuela verdeutlichen diese neue Ära der Geopolitik, die trotz relativer Stabilität an den Börsen die Spielregeln auf den Rohstoffmärkten grundlegend verändert hat.
Ein Forscherteam von Oxford Economics kommt in seiner Analyse zu einem klaren Schluss: Geopolitische Risiken haben sich von temporären Schocks zu permanenten Preisfaktoren entwickelt. „Obwohl einzelne Ereignisse weiterhin abrupte Preissprünge auslösen können, kalkulieren die Märkte mittlerweile eine dauerhafte Risikoprämie ein, die die anhaltende Fragilität der Lieferketten, zunehmende Handelsfragmentierung und wachsenden Ressourcennationalismus widerspiegelt“, heißt es in der Studie. Für Anleger bedeutet dies: Globale Spannungen können nicht mehr einfach ignoriert werden in der Hoffnung, dass ihr Einfluss rasch verblasst, wie Business Insider berichtet.
Die Aktienmärkte mögen zwar weitgehend unbeeindruckt von den jüngsten Erschütterungen geblieben sein, doch die geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre haben die Rohstoffmärkte tiefgreifend umgestaltet. Von der Ukraine bis Venezuela – bestehende und neue Konfliktherde haben die Preisdynamik bei Öl, Gold und Kupfer fundamental verändert und Instabilität zum neuen Normalzustand gemacht.
Neue Marktdynamik
Für viele Marktexperten markiert die russische Invasion in der Ukraine 2022 den Beginn dieser neuen Ära auf den Rohstoffmärkten. In den knapp vier Jahren seither erlebte die Welt weitere Konflikte im Nahen Osten, zunehmende Spannungen zwischen China und Taiwan sowie kürzlich die überraschende amerikanische Intervention in Venezuela. Diese Ereignisse trieben den Goldpreis auf Rekordhöhen, da Anleger angesichts der Prognosen weiterer Konflikte bis zum Ende dieses Jahrzehnts verstärkt in den sicheren Hafen strömten.
Die anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Israel und Iran sowie der zweijährige Krieg zwischen Israel und der Hamas haben die Rolle von Gold als Krisenschutz weiter gefestigt und parallel dazu den Silberpreis nach oben getrieben. „Wir befinden uns in einer Phase enormer geopolitischer Unsicherheit“, erklärt Desmond Lachman, Senior Fellow am wirtschaftspolitischen Think Tank American Enterprise Institute. „In solchen Zeiten fließt Kapital verstärkt in Edelmetalle als sichere Häfen. Hinzu kommt, dass die Verlässlichkeit der USA als Partner zunehmend in Frage gestellt wird.“
Interessanterweise bildet Öl eine Ausnahme in dieser neuen Ära. Trotz der geopolitischen Kräfte, die Anleger zu anderen Rohstoffen treiben, sind die Preise kontinuierlich gesunken. Der Rohölpreis ist 2025 um 20 Prozent gefallen, wobei selbst der sommerliche Konflikt zwischen Israel und Iran nur zu einem kurzfristigen Anstieg des BRENT-Preises führte. Dennoch müssen Energieinvestoren erneut überdenken, wie neue Konfliktherde den Markt beeinflussen könnten, und analysieren, inwieweit die amerikanische Intervention in Venezuela langfristig das globale Ölangebot erhöhen könnte.
Dauerhafter Wandel
Letztlich entwickeln sich geopolitische Konflikte von temporären Störfaktoren zu permanenten Preistreibern. Wie Experten betonen, werden geopolitische Überlegungen heute systematisch in Preisbildung, Investitionsentscheidungen und Beschaffungsstrategien auf zahlreichen Rohstoffmärkten integriert – ihr Einfluss verschwindet nicht mehr, sobald ein bestimmtes Ereignis aus den Schlagzeilen gerät. Dieser Paradigmenwechsel signalisiert eine fundamentale Veränderung in der Bewertung von Risiken und Werten.
Jeff Le, leitender Manager bei der Beratungsfirma 100 Mile Strategies, bestätigt, dass für Rohstoffe eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Im Gespräch mit Business Insider unterstrich er die rasante Veränderung der Marktlandschaft und verwies auf den Preisanstieg nicht nur bei Edel-, sondern auch bei Industriemetallen. „Der Preisanstieg bei Industriemetallen im vergangenen Jahr, einschließlich Gold, das die 4.000-Dollar-Marke überschritten hat, stellt Zuwächse dar, wie wir sie seit über vier Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben“, erklärte Le. „Diese Nachfrage könnte ein völlig neues Kapitel auf dem Rohstoffmarkt einläuten.“
Sowohl Le als auch Lachman betonten, dass die amerikanische Intervention in Venezuela einen neuen Präzedenzfall für geopolitisches Handeln schaffen könnte und unterstrichen deren Bedeutung als treibende Kraft für den Rohstoffmarkt. „Die Trump-Administration und die zunehmenden globalen Spannungen scheinen eher die Regel als die Ausnahme zu werden“, bemerkte Le.
„Mit weiteren drei Jahren in Aussicht ist es wahrscheinlich, dass geopolitische Risiken nicht nur ein dauerhafter Faktor auf dem Rohstoffmarkt bleiben, sondern für Anleger ein zunehmend wichtigeres Gewicht bekommen werden.“