Khameneis Tod trifft Moskau tiefer als erwartet – und legt eine Schwachstelle im Kreml bloß, die Putin bisher verbergen konnte.
Israel hat Ajatollah Ali Khamenei am Samstag gezielt getötet. Der Iran hat den Tod des Revolutionsführers bestätigt. Das gezielte Attentat hat in Russland weit mehr als diplomatische Betroffenheit ausgelöst. In Moskauer Kreisen, die dem Kreml nahestehen, wächst seither offen die Sorge, dass Russland selbst zum nächsten Ziel westlicher Mächte werden könnte – eine Befürchtung, die offenbar auch die ohnehin ausgeprägte Paranoia von Präsident Wladimir Putin weiter befeuert hat.
Putin selbst äußerte sich in einer knappen Erklärung auf der Kreml-Website und bezeichnete die Tötung des Ayatollahs als „Mord … in zynischer Verletzung aller Normen menschlicher Moral und des Völkerrechts“. Die Verantwortlichen nannte er nicht beim Namen. Für sein engeres Umfeld jedoch markiert das Attentat eine qualitative Verschiebung im geopolitischen Gefüge.
Putins Paranoia wächst
Der ultranationalistische Philosoph Alexander Dugin warnte unmissverständlich, die USA würden systematisch Verbündete ausschalten: „Es ist klar, wer als Nächstes dran ist, und es ist klar, was Verhandlungen mit einem solchen Gegner wirklich bedeuten“, schrieb er – eine Anspielung auf die laufenden US-vermittelten Friedensgespräche zur Ukraine.
Wie das Portal Politico berichtet, hat Khameneis Tod bei Putin zwei zentrale Reflexe aktiviert: die tief verwurzelte Angst um den Erhalt seiner Macht und den unbedingten Willen, den Krieg in der Ukraine zu seinen Gunsten zu entscheiden. Teile der russischen Propagandamaschinerie reagierten darauf mit eskalatorischen Szenarien. Militärblogger wie Dmitri Selesnew diskutierten öffentlich über einen hypothetischen Atomwaffeneinsatz gegen den Iran, andere Kommentatoren deuteten die westlichen Angriffe als Auftakt zu einer globalen „Endschlacht“.
Dugin rief seine Landsleute in Interviews und Beiträgen dazu auf, sich auf den „Jüngsten Tag“ einzustellen, und forderte die Gründung eines „Komitees zur Vorbereitung des Weltuntergangs“. Laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunks zeigten sich Putins treueste Anhänger in sozialen Netzwerken aufgewühlt und in Gewaltfantasien verstrickt. Das russische Außenministerium hingegen blieb vergleichsweise nüchtern und sprach von einem „gefährlichen Abenteuer“.
Kremlstrategie im Fokus
Politische Beobachter lesen aus diesen Reaktionen ein eindeutiges Signal: Während Putin nach außen hin die diplomatische Contenance wahrt, wächst im Kreml die Furcht vor dem Verlust weiterer strategischer Partner. Professor Sam Greene vom King’s College London betont, dass der russische Präsident trotz persönlicher Betroffenheit einen kühlen Pragmatismus an den Tag legt: „Putin riskiert seine Sicherheit und die seines Regimes nicht, um anderen Staaten wie Iran oder Nordkorea zu helfen.“
Für Moskau birgt die Krise dennoch kalkulierbare Vorteile: steigende Ölpreise, mögliche Verwerfungen im transatlantischen Verhältnis und eine Ablenkung Washingtons von der Ukraine. Zugleich macht die Situation eine strukturelle Schwäche des Kremls sichtbar – trotz eines der größten Nukleararsenale der Welt bleibt Russland geopolitisch verwundbar.