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Pilotprojekt

„Low Traffic Grätzl“: Neue verkehrsberuhigte Wohngebiete in Wien

„Low Traffic Grätzl“: Neue verkehrsberuhigte Wohngebiete in Wien
FOTO: Stadt Wien/Christian Fürthner
4 Min. Lesezeit |

Wien holt sich Inspiration aus London – und macht Wohnviertel ruhiger, grüner und lebenswerter. Ohne Bagger, ohne Millionenbudget.

Wien setzt auf ein neues, kostengünstiges Modell zur Verkehrsberuhigung in Wohngebieten: Unter dem Namen „Low Traffic Grätzl“ plant die Stadt gemeinsam mit den Bezirken in den kommenden Jahren die Schaffung ruhigerer Wohnviertel und neuer Aufenthaltsflächen im öffentlichen Raum. Als Vorbild dienen die seit Jahren etablierten „Low Traffic Neighbourhoods“ in London, wo mit vergleichsweise einfachen Mitteln der Durchgangsverkehr in Wohngebieten eingeschränkt wird.

Planungsstadträtin Ulli Sima skizziert den Grundgedanken: „Oft kann man mit einfachen Maßnahmen wie einer Umleitung des Verkehrs, Bodenbemalungen, mobilem Grün und Sitzbänken große Wirkung erzielen. Wir kombinieren Verkehrsberuhigung mit der Schaffung neuer Aufenthaltsbereiche im öffentlichen Raum.“ Eingesetzt werden die Maßnahmen gezielt dort, wo sommerliche Hitze, ein geringes Angebot an Grünflächen und eine hohe Nutzungsintensität des öffentlichen Raums den größten Handlungsbedarf signalisieren.

Tactical Urbanism

Das Herzstück eines Low Traffic Grätzl ist die Verkehrsberuhigung. Konkret werden dafür Einbahnstraßen umgekehrt oder sogenannte Diagonalfilter eingerichtet: An Kreuzungen aufgestellte Pflanztröge lenken den Verkehr so um, dass Autos das Grätzl nicht mehr geradewegs durchqueren können, sondern auf die Hauptstraßen am Rand des Gebiets ausweichen müssen. Die Zufahrt für Anrainerinnen und Anrainer, Lieferdienste und Einsatzfahrzeuge bleibt dabei uneingeschränkt erhalten, lediglich der Durchzugsverkehr wird unterbunden.

Radfahren soll im gesamten Gebiet weiterhin möglich sein; wo die Gegebenheiten es erlauben, können zudem autofreie Zonen und Fußgängerbereiche entstehen. Der so gewonnene Straßenraum wird für neue Aufenthaltsflächen genutzt – gestaltet mit Bodenbemalungen, mobilen Bäumen in Trögen und Sitzbänken. Dieser Ansatz trägt den Namen „Tactical Urbanism“ und steht für rasche, kostengünstige Veränderungen im öffentlichen Raum.

Den Auftakt macht ein Pilotgebiet rund um die Wolfganggasse in Wien-Meidling, das sich zwischen Längenfeldgasse, Steinbauergasse, Siebertgasse und Arndtstraße erstreckt. Vorgesehen sind eine Fußgängerzone in einem Abschnitt der Wolfganggasse bei der Tichtelgasse, neue Einbahnregelungen sowie farbige Bodenmarkierungen. Mobile Begrünungs- und Sitzelemente sollen das Viertel dauerhaft aufwerten.

Im Sinne der Kreislaufwirtschaft werden dabei auch jene Diagonalfilter eingesetzt, die bereits aus dem Supergrätzl Wien-Favoriten bekannt sind: Betonbehälter, die ursprünglich auf der Donauinsel in Verwendung waren, werden wiederverwendet, bepflanzt und zur gezielten Verkehrslenkung genutzt. Die veränderte Verkehrsorganisation soll Lärm reduzieren, die Luftqualität verbessern und die Sicherheit erhöhen. Die Umsetzung in Wien-Meidling ist ab Herbst bis Ende 2026 geplant.

Weitere Standorte

Parallel zum Pilotprojekt in Wien-Meidling laufen die Planungen für weitere Standorte in drei zusätzlichen Bezirken bereits auf Hochtouren. Als nächste Gebiete sind Wien-Mariahilf, Wien-Alsergrund und Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus vorgesehen. In Wien-Mariahilf ist ein Low Traffic Grätzl nördlich der Gumpendorfer Straße in der Nähe der Stadtteilschule Mittelgasse und der Volksschule Sonnenuhrgasse geplant, das durch veränderte Verkehrsführung und mobile Begrünung zwei neue Fußgängerzonen aufwerten soll.

In Wien-Alsergrund sollen rund um den neuen MedUni-Campus neben Baumpflanzungen mobile, kostengünstige Maßnahmen die Mariannengasse und ihre Umgebung klimafit gestalten. In Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus sind durch veränderte Verkehrsführungen eine weitere Beruhigung am Schwendermarkt sowie eine verbesserte Verkehrssicherheit im umliegenden Gebiet geplant.

Welche Gebiete als Low Traffic Grätzl in Frage kommen, richtet sich nach den im Wien-Plan festgelegten Vorranggebieten für die Transformation des öffentlichen Raums. Verkehrsorganisatorische Maßnahmen ermöglichen eine rasche und budgetschonende Umsetzung; die Grätzl müssen dabei nicht in einem Zug fertiggestellt werden, sondern können auch schrittweise und über einen längeren Zeitraum hinweg wachsen. Wo immer möglich, sollen Synergien mit laufenden oder geplanten Vorhaben genutzt werden – etwa dem Ausbau des Radwegenetzes, der Fernwärmeinfrastruktur oder dem U-Bahnbau.

Das Konzept orientiert sich an den Low Traffic Neighbourhoods in London, wo seit 2020 in mehreren Stadtbezirken über 200 verkehrsberuhigte Quartiere entstanden sind, vielfach mit temporären Mitteln. Im Unterschied zu den Superblocks aus Barcelona, die als Vorbild für das Wiener Supergrätzl in Wien-Favoriten dienten, setzen sowohl das Londoner Modell als auch die Wiener Low Traffic Grätzl auf kleinräumige, kostengünstige und rasch realisierbare Eingriffe. Wer auf ein Auto angewiesen ist, kann die Gebiete nach wie vor anfahren; gleichzeitig steigt erfahrungsgemäß der Anteil jener, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, die Luftqualität verbessert sich spürbar, und die Verkehrssicherheit – insbesondere für Kinder – nimmt deutlich zu.

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KO KOSMO-Redaktion
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