Hunderte Medikamente fehlen in Österreichs Apotheken, während die Ärztekammer Alarm schlägt. Ein Preisband-System und drohende Wirkstoffverschreibung verschärfen die Krise.
In Österreich spitzt sich die Versorgungslage mit Medikamenten drastisch zu. Zahlreiche essentielle Arzneimittel sind in den Apotheken nicht verfügbar – darunter fallen Schmerzmittel, Antibiotika und Hustensäfte für Kinder. Die Österreichische Ärztekammer schlug am Dienstag Alarm und warnte vor einer weiteren Verschlechterung der Situation.
„Dass in Österreich regelmäßig hunderte Arzneimittel fehlen, daran haben wir uns leider schon fast gewöhnt. Darunter im Alltag vieler Menschen unentbehrliche Medikamente wie Schmerzmittel, Antibiotika oder Hustensäfte für Kinder. Dass kranke Menschen dringend benötigte Medikamente nicht bekommen, ist aus medizinischer Sicht inakzeptabel und für ein wohlhabendes Land wie Österreich beschämend„, donnerte Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, zum Beginn der Pressekonferenz am Dienstag.
Die Engpässe könnten sich weiter zuspitzen – paradoxerweise aufgrund einer österreichischen Besonderheit: Das hierzulande praktizierte Preisband-System macht Österreich für Pharmahersteller zum unattraktiven Markt. Mehrere Mediziner bestätigen: „Die liefern lieber in Länder, die mehr zahlen.“ Diese Regelung wird mittlerweile als grundlegender Fehler betrachtet.
Wirtschaftliche Faktoren
Etwa 20 Generika verlassen monatlich den österreichischen Erstattungskodex, wie Ernst Agneter erklärt. Der Facharzt für Pharmakologie, Lehrstuhlinhaber an der Sigmund Freud Privatuniversität und Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien, führt an, dass die Herstellung dieser Medikamente trotz Kostenerstattung wirtschaftlich nicht mehr rentabel sei.
Auch bei gängigen Diabetes-Medikamenten wie Metformin drohen künftig Engpässe – ein Grund dafür sind neue EU-Abwasserrichtlinien, die Produktionskosten in die Höhe treiben.
Um den wachsenden Engpässen entgegenzuwirken, wurde seit 21. April 2025 eine neue Bevorratungsverordnung in Kraft gesetzt. Diese verpflichtet Pharmaunternehmen dazu, für etwa 600 umsatzstarke Medikamente – darunter wichtige Schmerzmittel, Antibiotika und Präparate gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen – einen Vorrat für vier Monate des österreichweiten Bedarfs einzulagern. Die Bevorratungsmenge wird anhand der im Vorjahr abgegebenen Packungszahlen berechnet und soll die Versorgungssicherheit auch bei Lieferproblemen gewährleisten.
Wirkstoffverschreibung umstritten
Die größte Bedrohung sehen die Mediziner jedoch in einem politischen Vorhaben: Die kontrovers diskutierte Wirkstoffverschreibung würde die Entscheidungsbefugnis der Ärzte erheblich einschränken. Statt spezifischer Präparate dürften sie nur noch Wirkstoffe verordnen – die Entscheidung über das konkrete Medikament läge dann bei den Apotheken.
Steinhart bezeichnet dieses Vorhaben als hochriskant. Es bestehe die Gefahr, dass bei der Medikamentenauswahl nicht mehr der individuelle Patientenbedarf im Vordergrund stehe, sondern wirtschaftliche Faktoren wie Lagerhaltungskosten oder Gewinnmargen der Apotheken ausschlaggebend würden.
In extremen Fällen könnte dies lebensgefährliche Folgen haben: „Bei Schluckbeschwerden achten wir beispielsweise auf ein lösliches Präparat. Dieses Wissen über einen Patienten hat aber der Apotheker nicht und so kann es zu gefährlichen Situationen kommen, wenn der Patient trotzdem versucht, das Medikament zu schlucken.“
„Wir Ärzte werden uns dagegen wehren – im Interesse unserer Patienten!“, kündigt Steinhart an.