Übersterblichkeit, sinkende Lebenserwartung, offene Fragen – neue Studiendaten aus Europa rücken nun einen lange diskutierten Zusammenhang ins klare Licht.
Neue Forschungsergebnisse mehrerer europäischer Wissenschaftsinstitutionen liefern nun belastbare Antworten auf eine der zentralen gesundheitspolitischen Debatten der vergangenen Jahre: Woher rührt die anhaltende Übersterblichkeit in Europa, und welche Rolle spielen dabei die Corona-Impfungen?
Eine vom Max-Planck-Institut in Zusammenarbeit mit Forschern der Universitäten Oxford und Cambridge durchgeführte Untersuchung dokumentiert einen merklichen Rückgang der Lebenserwartung in mehreren europäischen Ländern. In Deutschland belief sich dieser Verlust Ende 2024 auf knapp ein halbes Jahr, in den Niederlanden auf 1,08 Lebensjahre. Besonders ausgeprägt war der Einbruch in Osteuropa: Polen, Bulgarien und die Slowakei verzeichneten im Winter 2021 einen Rückgang von bis zu vier Jahren. Die im Fachjournal Nature Human Behaviour veröffentlichte Analyse zeigt, dass die anhaltenden Defizite nahezu ausschließlich durch zusätzlich registrierte Covid-19-Todesfälle erklärt werden.
Jonas Scholey vom Max-Planck-Institut weist einen Zusammenhang mit den Impfkampagnen dabei ausdrücklich zurück. Verantwortlich sei vielmehr der frühe Tod zahlreicher älterer und vorerkrankter Menschen in der ersten Pandemiewelle.
Ernte-Effekt & Impfschutz
Diesen Mechanismus beschreibt die Wissenschaft als sogenannten Ernte-Effekt: Weil besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen bereits in der Anfangsphase der Pandemie in überproportional hoher Zahl verstorben waren, fehlen sie in den Folgejahren als statistische Risikogruppe. In Osteuropa sind seit 2022 kaum noch erhöhte Sterblichkeitszahlen messbar – eine direkte Folge dieser frühen Sterbewelle. Scholey geht davon aus, dass es noch geraume Zeit in Anspruch nehmen wird, bis sich die Lebenserwartung stabilisiert: „Nun wird es ebenfalls dauern, bis sich die Lebenserwartung nach Corona neu einpendelt.“
Eine parallel durchgeführte französische Studie stützt diese Einschätzung und liefert zugleich Daten zur Schutzwirkung der Impfungen. Auf Basis der Auswertung von Daten aus mehr als 27 Millionen Fällen zeigt sich, dass Geimpfte 74 Prozent seltener einen schweren Krankheitsverlauf entwickelten und ihre allgemeine Sterblichkeit um 25 Prozent unter jener der Ungeimpften lag. Die im Januar 2025 im JAMA Network Open publizierte Kohortenstudie mit rund 28 Millionen Erwachsenen im Alter von 18 bis 59 Jahren fand über einen Beobachtungszeitraum von vier Jahren keinen Anstieg der Gesamtsterblichkeit nach der Impfung. Die beteiligten Forschungsteams kommen zu einem eindeutigen Schluss: „Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der mRNA-Impfung und einer erhöhten Langzeit-Sterblichkeit erscheint höchst unwahrscheinlich.“
Regionale Unterschiede
Die zusammengeführten Erkenntnisse beider Studien verweisen damit auf die Langzeitfolgen der Virusinfektion selbst als primäre Ursache der Übersterblichkeit. Dass sich die Erholungsverläufe zwischen West- und Osteuropa so deutlich unterscheiden, führen die Forscher auf die erheblichen regionalen Unterschiede in der Impfquote zurück.
Dort, wo mehr Menschen – insbesondere aus älteren und gefährdeten Altersgruppen – durch die Impfung vor einem tödlichen Verlauf geschützt werden konnten, vollzieht sich die demografische Erholung heute spürbar rascher.