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Chronik

Mindestens 68 Tote: Minister rügt Leitstelle nach tödlicher Zugkatastrophe

Mindestens 68 Tote: Minister rügt Leitstelle nach tödlicher Zugkatastrophe
FOTO: EPA
4 Min. Lesezeit |

Spanien hält inne, nur eine Partei macht weiter. Während Kräne Wracks heben, rückt eine Entscheidung in der Leitstelle in den Fokus.

Nach der schweren Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge trauert Spanien nun drei Tage lang offiziell. Mindestens 68 Menschen kamen ums Leben, die Rettungsarbeiten und die Ermittlungen dauern an.

Am Donnerstag setzte die Staatstrauer ein. Sämtliche Parteien unterbrachen ihren Wahlkampf, einzig Vox führt ihn fort.

Zwischen den Wracks geht die Suche nach Vermissten weiter, drei Kräne hoben dabei Waggons an. In Madrid, Toledo, Cordoba und Sevilla werden DNA-Proben genommen.

Unfallhergang

Gegen 8.30 Uhr fiel auf einem Abschnitt der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Andalusien das Sicherheitssystem LZB aus. Mehrere Züge wurden daraufhin automatisch gestoppt, die Steuerung des Verkehrs musste anschließend manuell über die Leitstelle erfolgen.

Auch ein Zug des privaten Betreibers Iryo blieb stehen. Rund 25 Kilometer dahinter befand sich ein Hochgeschwindigkeitszug der staatlichen Gesellschaft RENFE.

Nach Angaben von Verkehrsminister Óscar Puente erhielt der RENFE-Zug gegen 8.36 Uhr aus der Leitstelle die Anweisung, seine Fahrt „normal“ fortzusetzen, obwohl das automatische Sicherungssystem ausgefallen war und ein rotes Signal die Weiterfahrt eigentlich untersagte. Puente bezeichnete diese Entscheidung später als „unerklärlich“ und „offensichtlich falsch“.

Besonders brisant sind inzwischen ausgewertete Funkaufzeichnungen zwischen der Leitstelle und den Lokführern. Demnach hinterfragte der RENFE-Lokführer die Anweisung ausdrücklich und wollte wissen, ob er tatsächlich mit normaler Geschwindigkeit weiterfahren solle. Die Leitstelle bestätigte die Freigabe.

Nach den geltenden Vorgaben hätte der Zug bei einem Ausfall des Sicherheitssystems jedoch auf Sicht und mit höchstens 40 km/h fahren müssen. Stattdessen beschleunigte der RENFE-Zug wieder auf mehr als 200 km/h.

Iryo-Lokführerin warnte Leitstelle

Noch schwerer wiegt eine weitere Funkverbindung. Die Lokführerin des vorausfahrenden Iryo-Zuges teilte der Leitstelle zunächst mit, dass sie ihren Zug nicht wieder in Gang setzen könne.

Gegen 8.48 Uhr, nur etwa fünf Minuten vor dem Zusammenstoß, meldete sie erneut, dass ihr Zug weiterhin auf der Strecke stehe. Trotzdem erhielt der herannahende RENFE-Zug nach den bislang bekannten Aufzeichnungen keine Aufforderung zum Bremsen oder Anhalten.

Um 8.53 Uhr kam es schließlich zur Katastrophe: Der RENFE-Zug prallte mit hoher Geschwindigkeit auf den stehenden Iryo-Zug. Mehrere Waggons entgleisten und stürzten einen Bahndamm hinunter.

Zahlreiche Verletzte

Insgesamt rund 540 Menschen waren in den beiden Zügen von Madrid nach Andalusien unterwegs. Mehr als 100 Personen erlitten Verletzungen, 53 von ihnen wurden im Spital behandelt, mehrere befanden sich in kritischem Zustand.

Verkehrsminister Oscar Puente äußerte sich zur Rolle der Bahnleitstelle und sprach dabei von einer „unerklärlichen“ und „falschen“ Entscheidung. Nach einem Computerausfall habe das automatische Zugsicherungssystem auf einer 63 Kilometer langen Strecke nicht funktioniert, trotzdem sei dem RENFE-Zug die Weiterfahrt erlaubt worden.

Die unabhängige Unfalluntersuchungsbehörde AITAT hielt fest, es sei „viel zu früh“, Ursachenhypothesen aufzustellen. Auf der Strecke zwischen Madrid und Sevilla kommt das deutsche System Linienförmige Zugsbeeinflussung (LZB) zum Einsatz, das die Geschwindigkeit überwacht und bei Bedarf automatisch bremst.

Die beiden Züge trennten rund 25 Kilometer, für die der RENFE-Zug etwa 17 Minuten benötigte. Den zuständigen Mitarbeiter der Bahnleitstelle befragten Polizei und AITAT.

Politische Reaktionen

„Ganz Spanien trauert.“ So äußerte sich Regierungschef Pedro Sanchez. Leben seien „zerstört worden, Familien zerrissen, der Schmerz ist riesengroß“, sagte er.

Vollständige Aufklärung sagte er zu: „Wir werden der Sache bis zum Ende nachgehen. Sollte es Fahrlässigkeit gegeben haben, wird das ans Licht kommen.“ Dass es innerhalb eines Jahres zu zwei schweren Unglücken mit Hochgeschwindigkeitszügen komme, sei „nicht hinnehmbar“, erklärte Sanchez. Vorrang habe nun die Betreuung der Opfer und ihrer Angehörigen.

Vox-Chef Santiago Abascal wiederum machte die Regierung verantwortlich: „Korruption tötet“, die linke Regierung sei „kriminell“. Vor dem Transportministerium in Madrid kam es zu Spannungen zwischen Teilen der rund 1.500 Demonstrierenden und der Polizei. Zu der Kundgebung hatten rechtsextreme Gruppen aufgerufen.

Der Unfall erinnert an das Unglück bei Adamuz in Andalusien im Jänner. Damals war ein Iryo-Zug entgleist und mit einem entgegenkommenden RENFE-Zug zusammengeprallt. 46 Menschen kamen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt.

Mit rund 3.900 Kilometern besitzt Spanien das größte Hochgeschwindigkeitsnetz Europas.

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KO KOSMO-Redaktion
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