Schwere Missbrauchsvorwürfe erschüttern das Erbe des SOS-Kinderdorf-Gründers Hermann Gmeiner. Die Organisation hat bekannt gegeben, dass der 1986 verstorbene Gmeiner verdächtigt wird, an mindestens acht minderjährigen Burschen sexuelle Gewalt und Misshandlungen verübt zu haben. Diese Anschuldigungen wurden im Rahmen von Opferschutzverfahren zwischen 2013 und 2023 dokumentiert.
Die mutmaßlichen Übergriffe sollen sich über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten – von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre – an vier verschiedenen Standorten in Österreich ereignet haben. SOS-Kinderdorf-Geschäftsführerin Annemarie Schlack erklärte: „Die Betroffenen haben die Geschehnisse im Rahmen des Opferschutzverfahrens plausibel dargelegt; die Entscheidungen zu Entschädigung erfolgen auf Basis einer Plausibilitätsprüfung, es handelt sich um keine forensische Untersuchung.“ Die Organisation schließt nicht aus, dass es weitere Betroffene geben könnte. Bislang sind keine Übergriffe auf Mädchen bekannt geworden.
Alle acht bekannten Betroffenen erhielten Entschädigungszahlungen von bis zu 25.000 Euro sowie finanzielle Unterstützung für Therapiemaßnahmen. Das Opferschutzverfahren selbst stellt kein juristisches Instrument dar, sondern dient vielmehr der Anerkennung und Unterstützung der Betroffenen. Zu Lebzeiten war Gmeiner juristisch nie belangt worden.
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Gmeiners Lebenswerk
Der 1919 in Vorarlberg geborene Gmeiner gründete 1949 den Verein Societas Socialis (SOS), der später als SOS-Kinderdorf bekannt wurde. Seine Vision war es, betreute Einrichtungen zu schaffen, die einem familiären Umfeld möglichst nahekommen. Noch im selben Jahr begann der Bau des ersten Familienhauses in Imst-Tirol, wo am Heiligabend 1950 die ersten fünf Waisenkinder mit ihrer SOS-Mutter einzogen.
In den 1960er-Jahren expandierte das SOS-Kinderdorf-Konzept über Europa hinaus nach Asien und Lateinamerika. Das erste außereuropäische Kinderdorf entstand 1964 in Quito (Ecuador). Sieben Jahre später folgte die erste Einrichtung auf dem afrikanischen Kontinent. Heute ist die Organisation in rund 135 Ländern tätig. Auf internationaler Ebene, besonders in Asien und Afrika, wurden immer wieder Missbrauchsvorwürfe gegen die Organisation laut. Im Jahr 2021 machte SOS-Kinderdorf Österreich erstmals Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch durch einen mittlerweile verstorbenen Österreicher öffentlich.
Öffentliche Anerkennung
Gmeiner genoss zu Lebzeiten höchste Anerkennung. Laut der SOS-Kinderdorf-Webseite erhielt er 146 Auszeichnungen und pflegte Freundschaften mit weltbekannten Persönlichkeiten wie dem Dalai Lama und Mutter Teresa. In Österreich tragen zahlreiche Schulen, Straßen und Parks seinen Namen, darunter auch eine Grünanlage in Wien-Innere Stadt, wo auch ein Denkmal zu seinen Ehren steht. Die Österreichische Post würdigte ihn 1994 mit einer Sonderbriefmarke.
Der unverheiratete Gmeiner verstarb am 26. April 1986 im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.
SOS-Kinderdorf bittet mögliche weitere Betroffene, sich unter der E-Mail-Adresse opferschutz@sos-kinderdorf.at zu melden.