Neues Ex-Yu-Gesicht in der SPÖ: „Wien darf nicht Österreich werden“

INTERVIEW

Neues Ex-Yu-Gesicht in der SPÖ: „Wien darf nicht Österreich werden“

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Niko Poljak SPÖ Bezirksrat Wien Favoriten Marcus Franz
Der junge Wiener ist sich nicht sicher, ob er in die Bundespolitik wechseln würde: "Wenn ich mich nicht verstellen muss - dann würde ich darüber überlegen". Foto: zVg

Niko Poljak (27) ist im zehnten Wiener Gemeindebezirk kein unbekanntes Gesicht.

Der Serbe aus Kroatien, im April 1991 in Zadar geboren, ist seit eineinhalb Jahren Bezirksrat für die SPÖ sowie Kinder- und Jugendbeauftragter in Favoriten. Ab kommendem Jahr soll die Hoffnung der Favoritner SPÖ auch die Sozialkommission des Bezirks übernehmen. Das alles war mehr als Grund genug, um das neue politische Gesicht aus der Ex-Yu Community in der SPÖ näher kennen zu lernen…

KOSMO: Vor deiner Zeit als Bezirksrat warst Du Jugendarbeiter. Wie kam es zu deinem Aufstieg in der Bezirkspolitik?
Zuerst habe ich, nach dem Zivildienst, in Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Dann folgte die prägende Zeit als Jugendarbeiter im Jugendtreff Arthaberbad, parallel dazu das Studium der Sozialarbeit an der FH St. Pölten sowie das Studium der Bildungswissenschaft an der Uni Wien. Ich bin seit meinem 19. Lebensjahr Mitglied der Sozialistischen Jugend (SJ) und der SPÖ, doch das Herz meiner politischen Anliegen betrifft die Sozialarbeit, die Jugendarbeit und die Jugendzentren.

Niko Poljak SPÖ Keplerplatz Wien
„Favoriten ist bunt und tolerant. Ich bin froh, hier aufgewachsen zu sein“, sagt Bezirksrat und Jugendbeauftragter Niko Poljak – hier mit dem „Wien X“-Handzeichen. Foto: KOSMO

Balkanesen, die in der österreichischen Polit-Landschaft Fuß fassen, sind noch immer eine Minderheit. Was sagt dein Umfeld zu deinem Engagement? Wie haben deine Eltern reagiert?
Mir kommt vor, dass sich mein Umfeld, vor allem das familiäre, immer mehr für Politik interessiert seitdem ich selbst dabei bin. Auf einmal wollen alle mit mir über Politik reden (lacht), angefangen vom Onkel bis zu den Nachbarn. Ich sehe das auch positiv, dass sie sich damit auseinandersetzen und hoffe generell, dass noch viele „Jugoschlawiener“ den Weg in die Politik finden…
Balkan-Eltern verfolgen am Anfang naturgemäß alles etwas skeptisch, aber als sie begriffen haben was ich erreichen will – waren sie stolz auf mich. Mein Vater ist Metallarbeiter und meine Mutter ist Kindergarten-Assistentin, da sie Hürden beim Anerkennen ihrer Ausbildung hatte. Neben dem Job reinigen sie noch – wie viele andere „Jugo-Eltern“ – zwei Stiegen als Hausbesorger, was auch meine Arbeit in den Sommerferien war. Ich bin stolz auf meine Eltern, von ihnen habe ich den Fleiß und den Willen, etwas weiter zu bringen – ohne mich dabei zu verstellen.

„Als Jugendlicher, einerseits Wiener, andererseits Serbe aus Kroatien, stellte ich mir oft die Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin? Letztendlich kam ich zur Antwort: Ich bin ein Jugoslawiener!“

Wie war es in Wien-Favoriten aufzuwachsen? Du bist in der Nähe des Ankerbaus groß geworden.
Ich liebe den Zehnten, weil er so bunt und so lebendig ist. Wir sind hier in Offenheit und Toleranz aufgewachsen – egal woher jemand kommt. Und genau in dieser Hinsicht hat mich Favoriten als Mensch bereichert. Als Jugendlicher, einerseits Wiener, andererseits Serbe aus Kroatien, stellte ich mir oft die Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin? Das ist auch die Frage, die sich noch heute viele Jugendliche in Favoriten stellen…

Und zu welcher Antwort bist du gekommen?
Dass ich ein Jugoslawiener bin und dass man jungen Leuten mit fremder Herkunft die Chance und die Türe öffnen muss, um sich als Wiener zu fühlen, aber ihnen auch ein Recht auf ihre kulturellen Wurzeln lassen muss. Ich war letztens bei einem Schulworkshop dabei, wo es auch um das Thema Identität ging. Zuerst sagten die Kids, dass sie sich mehr zur Türkei, Tschetschenien, usw. zugehörig fühlen. Aber dann stellte ich Ihnen einige Fragen wie z.B. „Wo seid ihr zuhause?“ und ein junges Mädchen gab die Antwort: „Eigentlich gehör ich da und dort hin, also bin ich in der Mitte – oder?“. Darauf stellte sie sich in die Mitte und alle MitschülerInnen taten es ihr gleich. Das Wien-Gefühl sollte ein Wir-Gefühl sein, unabhängig von Herkunft, Religion oder finanziellen Mitteln. Darauf haben diese Kids ein Recht und nur so kann es ein Zusammenleben auf Augenhöhe geben. Aber mit der Regierung wird es schwer. Umso mehr müssen wir kämpfen.

Niko Poljak SPÖ Favoriten 9er Sektion Müllsammelaktion
Niko mit seiner 9er-Sektion bei einer der Müllsammelaktion im Bezirk. Foto: Walter Fejtek

In Favoriten gibt es ein Wettrennen der FPÖ und der SPÖ um serbische Stimmen. Wie ist die Stimmung derzeit?
Ich bekomme immer mehr mit, wie Leute von den leeren „heimatsozialen“ Versprechen dieser Regierung enttäuscht sind. Der 12-Stunden-Tag betrifft vor allem Ex-Jugoslawen, weil es da eine größere Gruppe an Arbeitern gibt. Außerdem haben viele mit der FPÖ Favoriten eine schlechte Erfahrung gemacht, vor allem unsere Vereine. Ich habe an der Organisation der „Beisl-Tour“ von Bezirksvorsteher Marcus Franz mitgearbeitet, und wir waren dabei auch in typischen FPÖ-Wähler-Beisln. In diesen ist die Enttäuschung riesengroß.

„Ich habe an de Organisation der ‚Beisl-Tour‘ von Beziksvorsteher Marcus Franz mitgewirkt – auch in den typischen FPÖ-Wähler-Beisln. Dort ist die Enttäuschung über die neue Regierung riesengroß.“

Wie gut kennst du Ahmed Husagić, den Integrations-Koordinator der SPÖ? Könntest du dir, wie er, vorstellen Politik auf Bundesebene zu machen?
Ich kenne ihn, bin aber nicht wirklich in Kontakt mit ihm. Ich schätze aber sein Engagement gegen die jährliche faschistischen Ustaša-Versammlungen in Bleiburg.
Zur zweiten Frage. Ich kann mir nur vorstellen auf Bundesebene zu gehen, wenn ich mich nicht verstellen muss. Und Politik auf der Ebene ist leider sehr oft ein fauler Kompromiss. Deswegen denke ich darüber auch nicht nach und bin glücklich in der Bezirkspolitik. Diese ist viel näher am Menschen und diese ist auch keine Ego-Show von einem Einzelnen, der nur auf sich schaut. Christian Kern war für mich eine pure Egotrip-Show, in der er mit Arbeitszeit-Flexibilisierung und ähnlichen Maßnahmen komplett mit sozialdemokratischen Grundsätzen gebrochen wurde. Mir ist die Solidarität und das Wir-Gefühl viel wichtiger und in meiner 9er Sektion in Favoriten wird das auch gelebt. Es gibt leider zu viel Egomanen und Egoshows in der Politik.

Rendy Wagner gefällt dir besser als Christian Kern?
Ja, auf jeden Fall. Sie ist eine starke Frau, die in den politisch-patriarchalen Verhältnissen die Sozialdemokratie repräsentiert – und dagegen hält. Das ist gut so.

Gehst du oft fort in Jugo-Clubs in Wien?
Ehrlich: Ich bin eher der Wirtshaustyp. Aber wenn ich in einen Jugoclub gehe, dann ist es meistens das Beertija.

„Ohne meine Volksschullehrerin, die an mich geglaubt hat, wäre ich nie zum Studium gekommen. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.“

Welchen Fußballklub feuerst du an?
Ganz klar, Rapid Wien, von der Westtribüne aus.

Niko Poljak Favoriten WIen
Der „Jugoslawiener“, wie sich Niko im Interview bezeichnet, hat die vollste Unterstützung des Favoritner Bezirksvorstehers Marcus Franz. Foto: zVg

Politisches Motto?
Ich habe daweil noch keines, aber das von Stefanie Sargnagel gefällt mir sehr gut: „Wien darf nicht Österreich werden!“.

Letzte Worte?
Ich will mich bei meiner Volksschullehrerin bedanken. Sie hat trotz der Note Befriedigend in Deutsch und meinen damals schlechten grammatikalischen Kenntnissen an mich geglaubt und mich ins Gymnasium geschickt. Wäre sie nicht gewesen, hätte ich nie maturiert und studiert. Ebenso möchte ich bei dieser Gelegenheit die Schulsozialarbeiterinnen in Wien-Favoriten nennen. Es gibt sechs von Ihnen in Favoriten – und das auf knapp 20.000 Kinder. Mit wenig Ressourcen leisten sie trotzdem so viel. Ich habe ein Treffen mit Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer vereinbart, um über dieses Thema zu reden. Ich hoffe, dass wir gemeinsam etwas für sie tun können.