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Serientäter

Nur 20 Jahre Haft für Missbrauch von 300 Kindern

Nur 20 Jahre Haft für Missbrauch von 300 Kindern
(FOTO: Screenshot: YouTube)
4 Min. Lesezeit |

Hinter dem weißen Kittel verbarg sich ein Monster: Ein französischer Chirurg nutzte die Wehrlosigkeit seiner Patienten für systematischen Missbrauch – über Jahrzehnte unentdeckt.

Der ehemalige Chirurg Joel Le Scouarnec wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, nachdem er den sexuellen Missbrauch von Hunderten Patienten, vorwiegend Kindern, zwischen 1989 und 2014 gestanden hatte. Vor Gericht erschien der 74-Jährige in schwarzer Kleidung und nahm das Urteil der Richterin Aude Buresi ohne erkennbare Gefühlsregung entgegen. Bereits im März hatte er in einer nicht-öffentlichen Verhandlung die Taten eingeräumt.

Le Scouarnec missbrauchte insgesamt 299 identifizierte Opfer, viele davon in besonders wehrlosen Zuständen – während sie narkotisiert waren oder gerade aus einer Operation erwachten. In akribisch geführten Tagebüchern dokumentierte er seine Übergriffe mit verstörenden Einzelheiten. Diese Aufzeichnungen ermöglichten es den Ermittlern, die Betroffenen zu identifizieren, von denen viele keine bewusste Erinnerung an die Vorfälle hatten.

In ihrer Urteilsbegründung betonte Richterin Buresi, dass das Gericht die gezielte Auswahl besonders verletzlicher Opfer als erschwerend berücksichtigt habe. Le Scouarnec gilt als der schlimmste Serienkindervergewaltiger in der französischen Kriminalgeschichte. Er verbüßt bereits eine 15-jährige Haftstrafe, zu der er im Dezember 2020 wegen Vergewaltigung und Missbrauchs von vier Kindern, darunter seinen beiden Nichten, verurteilt worden war.

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Stimmen der Opfer

Der Prozess, der Ende Februar in der Bretagne begann, brachte dutzende Opfer vor Gericht, die schilderten, wie der Mediziner sie als Kinder missbrauchte und ihr Leben damit für immer veränderte. „Ich kann mich selbst nicht mehr mit denselben Augen betrachten, weil ich ein Pädophiler und Kindervergewaltiger bin“, erklärte Le Scouarnec in seinem Schlusswort. „Vieles wurde gesagt. Ich erinnere mich nicht mehr an alles, aber es wird mir sicherlich wieder einfallen, während ich in meiner Zelle sitze. Was ich hier bezeugt habe, ist das Leid, für das ich verantwortlich bin.“ Er betonte, weder Strafmilderung zu fordern noch zu erwarten.

Anfang des Monats räumte Le Scouarnec zudem ein, sich für den Tod zweier ehemaliger Patienten verantwortlich zu fühlen. Laut deren Familien nahmen sich die Betroffenen das Leben aufgrund der traumatischen Erfahrungen, die sie als Kinder durch den Chirurgen erlitten hatten. Die Großeltern eines der Opfer, Mathias Vinet, der vor vier Jahren starb, berichteten, ihr Enkel habe die „Hölle“ durchlebt, nachdem die Polizei ihm offenbarte, dass sein Name in einem der Tagebücher verzeichnet war.

Der Fall löste landesweit Empörung aus, da Le Scouarnec trotz einer Verurteilung wegen Besitzes von Kinderpornografie im Jahr 2005 weiterhin mit Kindern arbeiten durfte. Die Vereinigung der Opfer von Joel Le Scouarnec kritisierte, dass der Prozess nicht mehr Aufmerksamkeit bei Politikern und in der Öffentlichkeit gefunden habe: „Aus diesem Fall wurde keine einzige Lehre gezogen – weder in medizinischen Kreisen noch unter Politikern.“

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Mehrere Betroffene demonstrierten am Tag der Urteilsverkündung vor dem Gerichtsgebäude. Catherine, die Mutter eines Opfers, bemerkte, dass sie zum ersten Mal so viele Journalisten bei dem Prozess sehe, und fügte hinzu, sie habe den Eindruck, die Opfer seien vergessen worden. „Es ist bedauerlich, dass es so ist, aber ich hoffe, dass unsere Stimme jetzt doch Gehör findet. Nicht für die Generation, die bereits gelitten hat, sondern für meine Enkelkinder“, sagte sie und äußerte die Hoffnung, dass die Institutionen „endlich reagieren werden“.

Systemisches Versagen

Le Scouarnec war während des 14-wöchigen Prozesses täglich anwesend und entschuldigte sich mehrfach für seine „abscheulichen“ Taten. Für viele Opfer blieben seine Entschuldigungen jedoch bedeutungslos. „Er wiederholt stets die gleichen Worte im gleichen Tonfall. Ich erkenne darin keine Aufrichtigkeit“, sagte der 35-jährige Louis-Marie gegenüber der BBC. „Das Einzige, was ich will, ist, dass er niemandem mehr schadet… Er soll eingesperrt bleiben.“ Ein weiteres Opfer, Manon Lemoine, stellte fest: „Ich habe nie Tränen in seinem Gesicht gesehen.“

Sein Verteidiger Maxime Tessier hingegen glaubt an die Aufrichtigkeit seines Mandanten: „Er war während des Prozesses tief erschüttert… Es war ihm sehr wichtig, alles zu gestehen. Es war ein Moment der Wahrheit und Gerechtigkeit.“ Tessier kritisierte auch den medizinischen Berufsstand, dem die Opfer vorwerfen, nicht genug unternommen zu haben, um Le Scouarnec zu stoppen, obwohl jahrelang Gerüchte über sein Verhalten kursierten. „Niemand hat Verantwortung übernommen, und alle Opfer sagten, dass nicht nur ein Mann schuldig sei, sondern auch das System, das es ihm ermöglicht hat“, erklärte er.

Die französische Ärztekammer (Cnom), die selbst Klage gegen Le Scouarnec eingereicht hatte, räumte im März ein, dass sie „zutiefst bedauert“ und anerkannte, dass der ehemalige Chirurg „daran hätte gehindert werden müssen, seine Praxis fortzusetzen“.

In einer Stellungnahme hieß es: „Diese Situation hat eine mangelhafte Kommunikation zwischen den verschiedenen Zweigen der Ärztekammer offengelegt, und dafür bedauern wir zutiefst.“

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KO KOSMO-Redaktion
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