Petar Grašo: „Oliver Dragojević hat mein Leben in die richtige Bahn gelenkt!“

INTERVIEW

Petar Grašo: „Oliver Dragojević hat mein Leben in die richtige Bahn gelenkt!“

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Petar Grašo
FOTO: Screenshot/Facebook Petar Grašo

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Im Zuge der Weihnachtsfeier des Wiener Fußballvereines SK Cro Vienna am 24. November 2018 bekam KOSMO die Gelegenheit eine der größten Musiklegenden Kroatiens zu einem Gespräch zu treffen…Mit Petar Grašo sprachen wir neben der Rolle, die Oliver Dragojević in seinem Leben spielte, auch über seine Liebe zur Gastronomie, die Zukunft und vieles mehr…

KOSMO: Wie kommt es, dass Sie sich als Sohn eines bekannten Basketballspielers, der diesen Sport auch selbst jahrelang trainiert hat, dennoch für eine musikalische Karriere entschieden haben?
Petar Grašo: Eigentlich waren die Musik und der Sport in meinem Leben immer miteinander verwoben. Ich habe acht Jahre lang Basketball trainiert und mich dem gewidmet, weil der Basketball in meiner Familie einfach zum Leben gehörte. Aber auch das Talent für die Musik habe ich schon früh gezeigt, sodass ich mit vier Jahren in einen sogenannten Musikkindergarten für Kinder kam, die musikalisches Talent besaßen. Anschließend habe ich die Musikvolksschule abgeschlossen und einen großen Teil der Musikmittelschule absolviert, sodass Sport und Musik in meinem Leben immer parallel gelaufen sind.

Mit 18 Jahren habe ich ein Stipendium bekommen, um in Chicago Basketball zu spielen und habe gleichzeitig einige Lieder geschrieben, aber das mehr zum Spaß. Allerdings hat Oliver Dragojević damals einige meiner Lieder übernommen und damit hat irgendwie alles angefangen. Eigentlich war es Oliver, der bewirkt hat, dass mein Lebensweg eine andere Richtung eingeschlagen hat. Dann kam auch meine Zusammenarbeit mit Tonči Huljić, mit dem mich Oliver bekannt gemacht hatte, und ich habe einige Monate in der Gruppe „Magazin“ gespielt. Einmal hörte Huljić ganz zufällig, wie ich sang, und sagte, dass ich nicht länger in der Band spielen dürfe, sondern eine Solokarriere versuchen sollte. Anfangs war ich nicht sicher, ob ich das wollte. Ich fühlte mich wohl in der Band und hatte dort als Teenager alles, was ich brauchte: eine Bühne, Auftritte, nicht viel Verantwortung.

Ich genoss das und bekam dafür auch noch Geld (lacht). Dennoch glaube ich, dass alles so gekommen ist, wie es sollte. Schon 1996, als ich meine Solokarriere anfing, gelang mir mit dem Lied „Trebam nekoga“ ein großer Erfolg, schon damals war ich ganz oben. Mein Weg war nicht schwer, sondern ich habe die Entwicklung vom Niemand zum Star in nur wenigen Monaten durchlaufen. Ich sage immer zum Scherz, dass ich eigentlich nicht in die Schule gegangen bin, die Musiker absolvieren, sondern dass ich direkt aus der Sporthalle zum Singen gekommen bin (lacht).

Wie war das Gefühl, als Teenager Lieder für so einen großen Sänger wie Oliver Dragojević zu schreiben?
Das habe ich niemals so gesehen. Heute, 20 Jahre später, wenn ich sehe, wie die Menschen heute darüber reden, jetzt da ich eine gewisse Geschichte und Erfolge hinter mir habe, könnte ich darum Mythen entwickeln. Aber ich habe damals einfach Lieder gemacht. Wenn Sie die Beatles in den 60-er Jahren gefragt hätten, wie sie mit 20 Jahren „Love me do“ gemacht haben, oder John Lennon, wie er sein bekanntestes Album „Sgt. Pepper“ mit 24 Jahren aufgenommen hat, glaube ich, Sie würden dieselbe Antwort bekommen: Sie hatten einfach Spaß und waren mutig. Ich hatte mit 16 Jahren einfach Spaß und ich habe immer noch Spaß. Immer, wenn ich zu viel nachgedacht habe, wurde es künstlich und hatte keine Seele.

Sie sind eine sehr vielseitige Persönlichkeit: vom Basketball über die Musik bis zur Gastronomie. Sie haben ein Restaurant in Split. Woher stammt Ihre Liebe zu dieser Branche?
Das Restaurant ist eigentlich ein Familienunternehmen, meine Familie besitzt dieses Restaurant schon seit 25 Jahren. Ob ich wollte oder nicht, dieses Restaurant ist zu meinem Wohnzimmer geworden. Immer, wenn ich von Konzerten zurückkomme, gehe ich dorthin. Für mich war es niemals ein Arbeitsplatz, sondern ein Raum, wo ich Zeit mit meinen Eltern verbringen konnte. Mit der Zeit kam natürlich die Liebe zur Gastronomie dazu, denn wir sind eine typische dalmatinische Familie, in der immer irgendetwas gekocht wurde. Ich kann sagen, dass ich recht gut koche, denn ich habe inzwischen begonnen, mich für die Gastronomie zu interessieren und bin tief in diese Welt eingetaucht.

Petar Grašo
FOTO: KOSMO

Zufällig habe ich sehr gute Kontakte, weil ich der Pate einer der bekanntesten slowenischen Köche, Tomaš Kavčić, bin, der schon für George Clooney und Angelina Jolie gekocht hat. Gerade wurde sein Restaurant zum besten Restaurant Sloweniens gekürt. Über ihn bin ich schon vor 20 Jahren zu verschiedenen Gastronomiemessen und –veranstaltungen gekommen. Von Mailand bis nach Paris und Zürich… Drei, vier Jahre habe ich in Neapel verbracht… Die Gastronomie war und ist noch immer mein Alter Ego und macht mir viel Spaß. Diese Branche hat vieles mit der Musik gemeinsam, auch Köche schaffen etwas, was sie den Menschen schenken. Etwas, das die Leute dann mögen oder nicht mögen. Sie erschaffen ihre Speisen, ihre Kreationen. Das machen wir auch in der Musik – wir spielen irgendein Lied und servieren es den Menschen.

Singen Sie manchmal in Ihrem Restaurant?
Nein, aber natürlich ist es schon manchmal passiert, dass wir spontan bis zum Morgengrauen singen. Im Moment singe ich so viel und habe so viele Auftritte, dass ich in meinem Restaurant nur ein gutes Abendessen genießen möchte. Aber wenn die Atmosphäre die richtige ist, um Musik zu spielen, dann tun wir das natürlich gerne gemeinsam mit Freunden. Wenn die Gesellschaft gut ist oder eine schöne Feier stattfindet, dann reißt es mich mit und das kann tagelang andauern (lacht).

„Eigentlich war es Oliver, der bewirkt hat, dass mein Lebensweg eine andere Richtung eingeschlagen hat.“

– Petar Grašo

Wenn Sie kochen, was bereiten Sie dann am liebsten zu?
In den 25 Jahren meines Gastronomenlebens habe ich natürlich vieles gesehen und genossen, auch exotische und luxuriöse Speisen. Wenn man mich heute auf Goli Otok internieren würde und ich dürfte ein einziges Gericht auswählen, dann wäre das entweder Pizza Margherita oder paniertes Huhn. Kein Hummer, kein Beefsteak, keine Rinderschwänze, keine Trüffel, nur paniertes Huhn mit Salat oder Pizza, das könnte ich jeden Tag essen. Das Einfachste ist immer das Beste. Ansonsten mag ich auch rohen Fisch und die japanische Esskultur.

Kommen wir zur Musik zurück: Alle Stars der regionalen Musikszene stammen aus Split. Ist daran das Meer „schuld“?
Ich glaube, da gibt es ein kleines Mysterium, das sich in dieser Region verbirgt, genauso wie ja bekannt ist, dass die neapolitanische Musik das Herz Italiens ist. Nicht, dass es in Mailand keine gute Musik gäbe. Und man kann auch nicht sagen, dass es in Slawonien, Zagreb usw. keine glänzenden Musiker gibt. Aber Split hat diese mediterrane Seele und es ist ein Teil des Mittelmeerraums, in dem zu allem gute Musik läuft. Die erste Identifikation des Menschen, wenn er sich seiner selbst bewusst wird, ist in dieser Region Hajduk oder irgendein Lied. Und da ist auch das Meer, das seine ganz eigene Energie hat.

Was bedeutet Ihnen Split?
Mein Anker ist in Split, die Familie, das Haus, die Erinnerungen, aber meine Heimat ist überall dort in der Nähe, denn ich verbringe viel Zeit in der ganzen Region.

Mit wem arbeiten Sie am liebsten?
Ich habe in meinem Leben mit vielen Leuten zusammengearbeitet. Aber mein konstanter Partner, schon seit 22 Jahren, und der Mensch, der für mich mehr Lieder geschrieben hat als ich selber, ist Tonči Huljić. Wir beide sind einfach ein Tandem, das sich sehr gut versteht. Er ist ein genialer Komponist und er dringt aufgrund seiner Originalität am besten in meine Seele vor. Auch mit Goran Bregović, Arsen Dedić, Doris Dragović, Oliver Dragojević, Severina usw. habe ich sehr gut zusammengearbeitet. In meinem Leben gab es tatsächlich geniale Leute, aber die Konstante war immer Tonči Huljić und ich hoffe, dass diese Zusammenarbeit noch mindestens 20 – 30 Jahre anhält.

Müssen etablierte Stars wie Sie den neuen Musiktrends folgen oder ist es besser, sich selber treu zu bleiben?
Ich finde, man muss niemandem folgen. Sklave eines Trends zu sein, schränkt den Menschen ein. Der heutige Begriff des Modernen ist darum undefiniert, weil Musik heute so schnell produziert wird, dass es einmal einen Höhenflug der DJs und der Elektronik gibt und dann eine Adele kommt, die ein Lied herausbringt, das auch in den 60-er Jahren hätte erscheinen können. Schlagzeug, Bass, Klavier – und daraus wird der meistverkaufte Hit der Welt. Genauso erschien vor ein paar Jahren mitten im Hype um die elektronischen Beats Amy Winehouse, die nur fünf Instrumente und Vokale hatte. Und auf einmal war das modern. Darum können wir heute keine klare Grenze ziehen zwischen modern und altmodisch. Ich bin ein Sänger, der seine Lieder selber schreibt, und wenn ich finde, dass es für ein Lied besser ist, einen moderneren Beat zu haben, dann spiele ich den ein.

Genauso ist es, wenn ich meine, es sollte nur ein Klavier haben: Dann hat es nur ein Klavier. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass die Menschen von mir mediterrane Musik erwarten, und ich werde mir nicht gestatten, extrem von meiner Musik abzuweichen, denn ich weiß, dass das nicht gut klingen wird. Ich bin da, wo ich bin. Die Menschen lieben es, von uns das zu bekommen, was sie erwarten. Da kann ich auch eine Parallele zur Gastronomie ziehen: Wenn ich in eine Pizzeria gehe, erwarte ich Pizza, und wenn ich zu McDonald’s gehe, dann erwarte ich Burger. Die Menschen lieben meine natürliche Sensibilität. Das ist das Mittelmeer, das ist Dalmatien, das ist Italien, und nur innerhalb dessen kann ich mich ein bisschen verändern.

Wann ist für Sie ein Lied, das Sie schreiben, wirklich fertig und bereit für die Veröffentlichung?
Es gibt einige kleine Punkte, die zusammenkommen müssen, damit ich sagen würde: „Hey, das ist gut!“ Zuerst muss mich der Text treffen, das heißt berühren. Dann muss es zum Klavier gut klingen. Als nächstes muss ich meine Mitarbeiter bis zum Nervenzusammenbruch malträtieren, damit das Lied so wird, wie ich es will. Sie wissen alle, dass ich im Studio ziemlich anstrengend bin, denn ich bin ein Perfektionist, der sich manchmal sogar selber mühsam findet, aber ich glaube, dass ich deswegen auch so gute Ergebnisse hatte. Ich gebe bei jedem Lied 100 %, als wäre es mein letztes.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass das Leben ein Marathon ist und kein 100-Meter-Lauf und dass man im Leben manchmal auch die Handbremse ziehen muss…
Ich glaube, wenn ich mir Druck gemacht hätte, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ich glaube nicht, dass ich noch immer so viel auftreten würde, selbst wenn die Menschen es sich wünschen würden. Wir müssen unsere Wünsche haben und können nicht jeden Tag dasselbe machen. Auch ich konnte nicht permanent auf Tournee sein und jeden Tag dasselbe tun, denn dann wurde es zur Routine. Da wurde mir bewusst, dass es mir keine Freude mehr machte, auf der Bühne zu stehen. Es war mir eher gleichgültig, als dass es mich erfreut hätte. Darum habe ich eine Pause von fünf Jahren eingelegt und mich mit Dingen beschäftigt, die mir Freude machten.

Eines Nachmittags rief mich Tonči Huljić an und sagte, er habe ein Lied für mich, obwohl ich ihm gesagt hatte, er solle mir nicht mehr mit Musik kommen, denn ich hätte zwischen meinem 19. und meinem 30. Lebensjahr jährlich 150 Konzerte gegeben. Trotzdem rief er an und spielte mir „Uvijek isti“ vor und fragte mich, ob ich zu einem Festival käme. Ich habe abgelehnt, denn ich hatte sowohl in Split als auch bei der Dora mehrere Preise gewonnen. Da bat mich Tonči, es für mich und für meine Stadt zu tun und damit begann mein Problem von neuem (lacht). Das Lied hat gewonnen und ich bin zur Musik zurückgekehrt und die ganze Euphorie war wieder da. Aber jetzt gehe ich vernünftiger an das alles heran. Wenn man 20 ist, weiß man nicht, wo alles hinführt, denn alles passiert zum ersten Mal. Für mich ist das jetzt nicht mehr das erste Mal, heute weiß ich, mit wem, wo und wie ich gerne arbeite und jetzt genieße ich das, was ich tue, wirklich.

Was waren in diesen 20 Jahren die entscheidenden Höhepunkte und Tiefpunkte in Ihrer Karriere?
Ich habe mir aus Selbstachtung niemals einen Absturz gestattet. Darum habe ich lieber einmal Pause gemacht. Denn wenn ich damals weiter aufgetreten wäre, wäre es wahrscheinlich zum Absturz gekommen. Die Menschen hätten energetisch gespürt, dass ich nicht mehr dabei bin. Darum hatte ich Gott-sei-Dank keine Abstürze, was aber nicht heißt, dass das nicht noch kommen kann. Auch das ist ein normaler Prozess im Leben und sicher besser, als eine gerade Linie.

Die größten Erfolge kann ich gar nicht nennen, denn jedes Lied und jedes Konzert ist für mich ein bisschen wie Weihnachten, eine kleine Feierlichkeit. Auch dieses Gefühl der Erwartung, bevor ein Lied in die unergründlichen Weiten von YouTube entlassen wird und Sie nur noch Beobachter sind, ob es in drei Monate untergeht oder ob es noch 50 Jahre an der Oberfläche bleibt, das sind für mich die schönsten Momente. Ich könnte vielleicht meinen ersten Sieg beim Spliter Festival 1997 herausgreifen und den Sieg beim Zadar-Festival 1996, als Oliver mit meinem Lied den Jurypreis gewonnen hat und ich mit „Trebam nekoga“ den Publikumspreis. Vielleicht war das der entscheidendste Moment, denn damals bin ich zu Petar Grašo geworden.

Heute machen mir die Konzerte in den Arenen Spaß, denn wenn ich das Publikum sehe, weiß ich, dass ich all diese Jahre nicht umsonst gearbeitet habe. Wenn ich die Generationen von Menschen sehe, dann bin ich wirklich stolz, dass ich dabeigeblieben bin und mich immer bemüht habe, mit Leuten zu arbeiten, die besser sind als ich. Dann empfinde ich Demut, aber auch Größe.

Pläne für die Zukunft?
Mein Plan ist, keinen Plan zu haben. Meine Pläne sind immer kurzfristig: ein möglichst gutes Lied zu machen, niemanden in den Medien schlechtzumachen, nicht zu viel in Erscheinung zu treten, kurz gesagt: möglichst gute Lieder und Konzerte zu machen und, so Gott will, auf der Bühne alt werden. Und mein langfristiger Plan: dass mir Gott nur die Gesundheit geben möge, diese Arbeit möglichst lange machen zu können.

In drei Worten:
Ein Freund, loyal und ehrlich. Aber auch ein wahrer Gourmet (lacht).

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