Ein Pfarrer, ein Nachtclub und ein fragwürdiges Angebot: Die Enthüllungen einer ehemaligen Tänzerin erschüttern eine Kirchengemeinde in Alabama und ziehen weite Kreise.
Eine Frau namens Heather Jones hat schwere Anschuldigungen gegen einen Geistlichen aus Alabama erhoben. In einem Schreiben an die Diözese Birmingham behauptet sie, dass Robert Sullivan sie als minderjährige Tänzerin in einem Nachtclub angesprochen habe. Der Pfarrer der „Our Lady of Sorrows“-Gemeinde in Homestead soll ihr ein fragwürdiges Angebot unterbreitet haben: Geld gegen sexuelle Gefälligkeiten – eine Vereinbarung, die laut Jones 15 Jahre andauerte.
In ihrem Brief, der dem „Guardian“ vorliegt, schildert Jones ihre schwierige Kindheit. Nach Vernachlässigung durch ihre Mutter wuchs sie in einer Pflegefamilie auf. Mit 17 arbeitete sie als Tänzerin in einem Etablissement, das Sullivan regelmässig besuchte. Bei einer Begegnung im Jahr 2009 soll er ihr nach einem Trinkgeld 273.000 Dollar für eine „private Beziehung mit sexuellen Handlungen“ angeboten haben. Voraussetzung sei die Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung gewesen. Jones: „Ich habe erst gezögert, aber am Ende dann eingewilligt, weil er nicht locker gelassen hat und ich damals mental sehr schwach war.“
Jahrelange Beziehung
Der Geistliche habe sich zunächst als Mediziner ausgegeben und ihr über einen Anwalt zweimal 136.500 Dollar überwiesen. In den folgenden 14 Jahren sei er mit ihr in sechs verschiedene Städte in Alabama gereist, wo er Einkaufstouren, kostspielige Abendessen und Luxusunterkünfte finanziert habe. Zudem soll Sullivan ihr ein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt und sogar einen Klinikaufenthalt bezahlt haben, wo sie wegen Drogenabhängigkeit und Depressionen behandelt wurde.
Dem „Guardian“ präsentierte Jones Venmo-Zahlungsbelege, die belegen sollen, dass Sullivan mehr als 120.000 Dollar an sie überwies. Nach Beendigung der Beziehung habe sie sich verpflichtet gefühlt, die Öffentlichkeit zu informieren: „Ich habe herausgefunden, dass er mit Familien und ihren Kindern in seiner Kirche zu tun hat. Und ich fürchte, andere könnten ebenfalls so wie ich anfällig für seine Manipulationen und Missbrauch sein.“
Kirchliche Reaktion
Am 6. August verkündete Sullivan zur Bestürzung seiner Gemeinde seinen Rücktritt als Pfarrer nach 32 Jahren „aus persönlichen Gründen“. Eine Woche später wurden die Vorwürfe seiner mutmasslichen Geliebten bekannt. Bischof Steven Raica wandte sich in einem offenen Brief an die Gläubigen der katholischen Diözese von Birmingham. Darin beschrieb er die Vorwürfe gegen Sullivan, allerdings auch, dass die Behörden in Alabama nicht genügend Beweise für ein Strafverfahren haben.
Die Diözese Birmingham hat bestätigt, dass Sullivan von allen priesterlichen Aufgaben entbunden wurde, solange die Ermittlungen andauern. Bis zum Abschluss der Untersuchungen gilt der Geistliche als unschuldig. Die kirchliche Untersuchung steht im Vordergrund, da die staatlichen Behörden bislang keine ausreichenden Beweise für ein Strafverfahren sehen.
Deshalb habe die katholische Kirche selbst interne Ermittlungen aufgenommen und auch den Vatikan verständigt. Sullivan hat sich bisher nicht öffentlich geäussert.